Deutschlands letzter Warenhauskonzern Galeria meldet zum vierten Mal in sechs Jahren Insolvenz an. Am Freitagvormittag hat das Unternehmen am Amtsgericht in Düsseldorf einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. „Der Antrag schafft den rechtlichen Rahmen, um die aktuelle Situation zu ordnen, das Unternehmen zu stabilisieren und die Voraussetzungen für eine nachhaltige Zukunft von Galeria zu schaffen“, teilte das Unternehmen mit. Über weitere Entwicklungen werde „zeitnah“ informiert. Galeria hatte inmitten der Corona-Pandemie im Jahr 2020 ein Schutzschirmverfahren durchlaufen und seitdem zweimal ähnliche Insolvenzverfahren durchschritten. Das Management hatte die Schieflage auch damit erklärt, dass der frühere Eigentümer Signa, die inzwischen ebenfalls insolvente Holdinggesellschaft des österreichischen Unternehmers und inhaftierten Immobilen-Milliardärs René Benko, zu hohe Mieten von seiner Warenhaustochtergesellschaft verlangt habe. Nach der letzten Insolvenz im Jahr 2024 hatte ein Konsortium aus der US-Investmentgruppe NRDC Equity Partners und der Beteiligungsfirma BB Kapital SA von Bernd Beetz die Warenhauskette übernommen. Sie bauten die Hälfte der Stellen in der Essener Zentrale ab, verlagerten sie nach Düsseldorf und strichen die Namen Kaufhof und Karstadt endgültig. Übrig geblieben sind 83 Warenhäuser. Für 33 davon hatte Galeria zuletzt mitgeteilt, abermals mit den Vermietern über die Konditionen verhandeln zu wollen. Johannes Berentzen von der Handelsberatung BBE berät unter anderem Warenhäuser. „Ich bin von der Insolvenz nicht überrascht“, sagt der BBE-Geschäftsführer. „Galeria hat derzeit kein zukunftsfähiges Konzept.“ Dabei betont er, dass das Geschäftsmodell Warenhaus an sich nicht tot sei. Ganz im Gegenteil: Kaufhäuser wie Unterforsthuber (UFO) aus Oberbayern und Kaufring aus München, die Berentzen beide berät, seien erfolgreich. Der große Unterschied zu Galeria: Diese Unternehmen hätten sehr gut ausgebildetes Personal, kein großes Filialnetz und seien lokal verwurzelt. Einen ähnlichen Weg schlägt Berentzen für den Warenhausgiganten vor. „Mindestens 30 Filialen sollte Galeria schließen“, sagt er. Eine Zukunft hätten vor allem große Filialen in attraktiven Lagen in Großstädten. Außerdem sollte sich Galeria seiner Meinung nach auf jene Produktgruppen fokussieren, bei denen die Kette echte Stärken vorweisen könne: Strümpfe, Mainstream-Mode, Taschen, Lederwaren und Diamantschmuck. Alle anderen Bereiche sollten externe Unternehmen und Händler übernehmen. Schon seit einiger Zeit ist Galeria bemüht, Händler wie Lidl, Decathlon und Media Markt als Partner zu gewinnen. Koch: „Bedarfsbefriedigung auf primitivsten Niveau“ Carsten Kortum sieht das etwas anders. „Wenn Galeria schon auf externe Händler setzen sollte, dann besser komplett“, sagt der Handelsprofessor an der DHBW Heilbronn. „Eine Art Shoppingcenter zu werden, wäre eine Möglichkeit für Galeria. Dann wäre Galeria aber kein Händler mehr, sondern Center-Manager für große Innenstadtflächen.“ Sinnvoller wäre es, ein besseres Einkaufserlebnis zu bieten und das Sortiment zu erneuern. Ein großes Vorbild dafür sieht Kortum in der Modewarenhauskette Breuninger. „Galeria in seiner bisherigen Form als Kaufhaus ist tot“, sagt er. „Galeria muss sich neu erfinden.“ Das sieht Klaus-Dieter Koch ähnlich. Bisher habe das Unternehmen „Bedarfsbefriedigung auf primitivstem Niveau“ betrieben. Ähnlich wie Breuninger müsse sich Galeria zu einer Kette entwickeln, auf deren Besuch sich Verbraucherinnen und Verbraucher schon Tage zuvor freuen könnten und dann auch nicht enttäuscht werden. Es brauche ein „Wow-Erlebnis“, das zur Inspiration einlade und nicht nur die alltägliche Nachfrage bediene. Worin sich Berentzen und Kortum einig sind: Galeria braucht aus ihrer Sicht ein neues Management und neue Eigentümer. Berentzen ist überzeugt, Eigentümer Beetz habe viele schöne Worte verwendet, aber zu wenig investiert. Der BBE-Berater habe Vertrauen in das Konzept Warenhaus, aber nicht in die aktuellen Verantwortlichen. Es seien enorme Investitionen nötig, um Personal, Technik und Filialausstattung auf Vordermann zu bringen. Bürgermeistern, in deren Kleinstädten Galeria-Filialen schließen könnten, rät er schon jetzt, mit den Eigentümern proaktiv zu sprechen. „Sie dürfen keine Zeit verlieren“, sagt er. „Es dauert in der Regel mehr als fünf Jahre, bis eine Nachnutzung zustandekommt.“ Kortum betreut als Professor unter anderem zwei duale Studenten von Galeria. Er befürchtet, die größten Verlierer könnten am Ende die Beschäftigten sein. Ähnliches befürchtet Verdi. Die Gewerkschaft forderte am Freitag Aufklärung für die 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Haarsträubende Managementfehler haben zu dieser Entwicklung geführt. In den vergangenen Jahren sind durch die Gesellschafter keine nachhaltigen Investitionen geflossen“, sagte Silke Zimmer, die im Verdi-Bundesvorstand für Handel zuständig ist. Eine Einbeziehung der Beschäftigten und des Gesamtbetriebsrates sei unumgänglich. „Die Beschäftigten brauchen jetzt einen Plan für die Zukunft und keine Nebelkerzen!“ Galeria wollte eigentlich positives Ebitda erreichen Ob das Unternehmen noch mal Insolvenzgeld erhalten wird, ist unklar. Das Amtsgericht Essen hat die Planüberwachung für Galeria nach der vorigen Insolvenz bislang nicht aufgehoben. Im Juni hatte ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit gesagt: „Befindet sich ein Unternehmen weiterhin in der Planüberwachung, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass nicht erneut Insolvenzgeld gezahlt werden kann.“ Die Zahlungsunfähigkeit des ursprünglichen Insolvenzfalles dürfe nicht mehr fortbestehen. Bei jeder Prüfung müsse jedoch die konkrete Situation individuell betrachtet werden. Mitte Juni hatte sich die Geschäftsführung noch optimistisch gegeben, nachdem das Unternehmen eine neue Kreditlinie über 160 Millionen Euro vom amerikanischen Unternehmen Gordon Brothers übernommen hatte. Gordon Brothers kannte Galeria schon von früheren Insolvenzen. Das Unternehmen ist darauf spezialisiert, Waren abzuverkaufen, wenn Häuser schließen oder Unternehmen zumachen. Damals hatte Galeria getönt, für das Geschäftsjahr 2026/2027 ein „positives bereinigtes Ebitda“ zu erreichen. Das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen sollte im dann folgenden Geschäftsjahr einen dreistelligen Millionenbereich erreichen. „Im Zentrum steht eine Konzentration auf profitable Warenhäuser, verbunden mit einer Schärfung des Sortiments und Ausrichtung an lokalen Kundenstrukturen. Modernere Flächenkonzepte und die Steigerung der Verweilqualität stehen hierbei im Fokus“, hieß es vom Unternehmen noch im Sommer. Doch dem Umfeld des Unternehmens zufolge soll der Umsatz in den vergangenen Monaten zweistellig eingebrochen sein.
