FAZ 03.01.2026
09:18 Uhr

Vierschanzentournee: „Ein unglaublicher Spagat, den ich hier leisten muss“


Es ist Halbzeit bei der Vierschanzentournee der Skispringer: Domen Prevc beeindruckt mit außergewöhnlicher Dominanz. Und die Deutschen? Der Bundestrainer wird mit Blick auf sein Team deutlich.

Vierschanzentournee: „Ein unglaublicher Spagat, den ich hier leisten muss“

Mit seinen beiden ersten Flügen in diesem Jahr war Philipp Raimund nach eigener Aussage „sehr zufrieden“. Beim Neujahrsspringen hatte er zuvor abermals gezeigt, dass er derzeit zu den konstantesten Skispringern der Welt gehört; ein paar Detailfehler beendeten seine Flüge gleichwohl früher, als er es sich selbst vorgenommen hatte. Dennoch reichte es nach Weiten von 134 und 135 Metern in Garmisch-Partenkirchen, Station zwei der 74. Vierschanzentournee, zu Rang sieben. Und obwohl Raimund also mit sich im Reinen war, konnte er im Auslauf der Großen Olympiaschanze ein Rätsel nicht lösen. Es betraf Domen Prevc, den hochüberlegenen Sieger der ersten beiden Tourneewettkämpfe. „Wie kann es sein, dass er mir zehn, 15 Meter abnimmt?“, fragte sich Raimund. Die Antwort konnte ihm auch Bundestrainer Stefan Horngacher nicht geben. „Das raubt mir sehr viel Energie, und das kostet viel Kraft“ Horngacher ist gerade nicht in der Lage, sich „um den Domen und seine Leistung zu kümmern“ und um „seinen riesigen Vorsprung“ vor dem Rest. 35 Punkte mehr hat der Slowene bereits als sein erster Verfolger Jan Hörl aus Österreich, das entspricht einer Weite von knapp 20 Metern. Vielmehr muss Horngacher zwei Teams innerhalb seiner Mannschaft betreuen. Das Erfolgreiche, das aus Raimund und Felix Hoffmann besteht, dem Sechsten von Garmisch. Und das Erfolglose, dem die mehrmaligen Weltmeister Karl Geiger und Andreas Wellinger angehören. „Das ist ein unglaublicher Spagat, den ich hier leisten muss. Das raubt mir sehr viel Energie, und das kostet viel Kraft“, sagt Horngacher. Die Flugshows von Domen Prevc nimmt er daher nur am Rande wahr. Gleichwohl fällt die Tournee-Halbzeitbilanz des deutschen Teams dank Raimund und Hoffmann versöhnlich aus. Hoffmann ist nach Rang drei von Oberstdorf und seinem sechsten Platz am Neujahrstag derzeit Vierter der Gesamtwertung, zu Hörl fehlen ihm 11,6 Punkte, das sind rund 6,5 Meter. Eine aufholbare Summe bei zwei noch ausstehenden Wettkämpfen in Innsbruck an diesem Sonntag (13.30 Uhr im ZDF und bei Eurosport) und in Bischofshofen am 6. Januar (16.30 Uhr in der ARD und bei Eurosport). Raimund ist Sechster, auch er besitzt noch Chancen auf einen Podestplatz im Tourneeklassement. Zumal ihm die Bergisel-Schanze in Innsbruck laut Horngacher ganz besonders liegt: „Da besteht eine Harmonie zwischen Philipp und der Schanze.“ Hoffmann, 28 Jahre alt, verblüffte bei der Tournee bisher trotz der großen Erwartungen, die ihn begleiten, und vor begeistertem deutschem Publikum mit 25.500 Zuschauern in Oberstdorf und 22.000 am Gudiberg – beide Stadien waren ausverkauft – mit sauberen, stabilen Sprüngen. Wobei er es schaffte, seine innere Ruhe aufrechtzuerhalten. Dabei gelang Hoffmann erst in dieser Saison der permanente Sprung ins deutsche A-Team. Das Beispiel seines 34 Jahre alten Teamkollegen Pius Paschke, der im vergangenen Winter als außergewöhnlicher Spätstarter fünf Weltcupspringen gewann, habe Hoffmann „Mut gegeben, dass es immer noch mal irgendwann funktionieren kann“, wie er selbst sagt. Zuvor gelangen ihm partiell mal gute Sprünge, aber er war nie so konstant, wie er es im Augenblick ist. Im Sommer aber waren seine Flüge nach hartem Training und viel Arbeit an seinem Sprung „auf einmal konstant gut. Vor allem habe ich gelernt, dass ich das machen sollte, was ich kann, und dass ich nicht anfange zu zaubern.“ Mit der Zeit habe er ein Selbstverständnis auf der Schanze entwickelt, das ihm Selbstvertrauen gab. „Ich glaube, der Felix weiß jetzt, dass er zur Weltspitze gehört. Er macht es gut, er übertreibt es nicht. Er ist vom Charakter her ein ruhiger Mensch, also ein braver Sportler, doch der Felix ist brutal ehrgeizig“, sagte Horngacher. Vor allem aber „arbeitet er sehr gut mit den Trainern zusammen und hört gut zu, wenn wir etwas mit ihm besprechen“. Das gelte auch für seine Problemspringer Geiger und Wellinger. Am Freitag schickte Horngacher die beiden am Vormittag noch einmal auf die Große Olympiaschanze zum Sondertraining, zum Feilen an ihrer Technik, an ihrem Sprungstil, der nach der Einführung engerer Anzüge vor dieser Saison nicht mehr zeitgemäß ist. „Insofern habe ich zwar die Tournee im Fokus und schaue, dass meine beiden Superspringer Raimund und Hoffmann sie gut absolvieren“, sagt Horngacher. Gleichzeitig ist es sein Ziel, Geiger und Wellinger noch während der Tournee in einer Mischung aus Übung und permanenter Wiederholung sowie dem Wettkampf so stark zu machen, dass sie bei der Skiflug-WM, die in drei Wochen in Oberstdorf beginnt, performen können. Nicht in der Einzelwertung, sondern im Vierer-Teamwettkampf, für den bisher lediglich Raimund und Hoffmann gesetzt sind. Beim Tourneeauftakt in Oberstdorf am Montag hatte sich der große Trainingsaufwand, den Geiger und Wellinger zuvor nach ihrem Ausstieg aus dem Weltcup absolviert hatten, nicht ausgezahlt. Um die 80 Sprünge hatten die beiden zu Übungszwecken in Oberstdorf, Planica und Predazzo in den Schnee gesetzt. Doch in Oberstdorf verpasste Geiger die Qualifikation für den Wettkampf, den Wellinger als 49. und damit Vorletzter abschloss. In Garmisch war hingegen ein Fortschritt zu sehen, auch wenn das mit den Positionen 32 und 33 nicht unbedingt auf dem Ergebnistableau abzulesen war. Diesen kleinen Trend in die richtige Richtung wertet Horngacher nun als gutes Zeichen. Nach intensiven Gesprächen hat er sich dazu entschieden, dass Geiger und Wellinger die Tournee zu Ende springen. „Es ist auch wichtig für mich, dass ich meine Leistung im Vergleich zu den anderen sehe. Das ist im Training allein leider nicht möglich“, sagt Wellinger. Horngacher sieht es genauso.