FAZ 26.02.2026
17:53 Uhr

Vielseitiger Fußballspieler: Brown plötzlich Spielmacher bei der Eintracht


Trainer Albert Riera hat Eintracht-Profis wie Skhiri und Larsson neue Rollen gegeben. Besonders ein Spieler profitiert von dessen Umstellungen: Nationalverteidiger Nathaniel Brown.

Vielseitiger Fußballspieler: Brown plötzlich Spielmacher bei der Eintracht

Bei jedem Trainerwechsel gibt es im Kader Gewinner und Verlierer. Die These, dass es im Fußball keine absoluten Wahrheiten gibt und vieles von verschiedenen Seiten gesehen und bewertet werden kann, hat sich längst durchgesetzt, abgesehen von ein paar ewig Gestrigen. Der Interpretationsspielraum bezieht sich nicht nur auf Spielsystem, Taktik und Trainingslehre, sondern insbesondere auf das Personal. Auch bei der Frankfurter Eintracht hat der Wechsel von Dino Toppmöller zu Albert Riera für einige Veränderungen in der Hierarchie gesorgt, wobei man mit der Zwischenbilanz vorsichtig sein muss. Nicht nur wegen der Kürze des Zeitraums, sondern vor allem wegen des grassierenden Verletzungspechs in Frankfurt, das Riera zu Entscheidungen gezwungen hat, die er bei größeren personellen Auswahlmöglichkeiten so wohl nicht getroffen hätte. Den defensiven bis zentralen Mittelfeldspieler Mo Dahoud als Mittelstürmer einzusetzen, darauf wäre der 43 Jahre alte spanische Fußballlehrer wohl ohne die Zwangslage, die Spitzen Arnaud Kalimuendo und Jonathan Burkardt ersetzen zu müssen, nicht gekommen. Nun sind die beiden Angreifer wieder fit, womit sich Dahouds Zwischenspiel in vorderster Linie erledigt hat. Aber die Maßnahme zeugt vom Phantasiereichtum und der Flexibilität Rieras. Sie ist zumindest nicht völlig schiefgegangen. Neue Aufgaben für Skhiri, Larsson und Brown Als Erfolg kann die aus der Not erfolgte Umorientierung von Ellyes Skhiri aus dem defensiven Mittelfeld in die Innenverteidigung bezeichnet werden. Der 30 Jahre alte Tunesier hielt am vergangenen Samstag beim 2:3 gegen Bayern München die Abwehrkette dank seines ausgeprägten Gefühls für Raum und Zeit sehr gut zusammen und erwies sich sogar in den Zweikämpfen als widerstandsfähig. Diese Lösung bietet sich auch für die kommenden Wochen an, bis die ersten Mitglieder der ersten Verteidigungsreihe mit Robin Koch, Arthur Theate und Rasmus Kristensen wieder fit werden. Die zuletzt größere Stabilität in der Eintracht-Defensive hat auch mit Hugo Larsson zu tun. Riera bietet den 21 Jahre alten Schweden als einzigen defensiven Mittelfeldspieler auf. Larsson, der als Achter oder offensiverer Part der Doppel-Sechs groß geworden ist, zeigt auch bei der defensivsten Aufgabenstellung für einen Mittelfeldspieler sein riesiges Talent. Der Schwede hat ein großes Gespür für Fußball, das überall auf dem Spielfeld zur Geltung kommt. Er liest das Spiel und trifft deshalb viele richtige Entscheidungen bei der Zweikampfführung, im Positionsspiel und im Spielaufbau. Die neue Rolle von Nathaniel Brown hat nichts mit Zwangs- oder Notlagen zu tun, sie ist die Konsequenz der hohen Wertschätzung Rieras für den 22 Jahre alten Jung-Nationalspieler. Dass Brown die Eintracht als Mannschaftskapitän in München auf das Spielfeld führte, ist der eine Aspekt. „Nicht wegen seiner beiden Tore gegen Union und Mönchengladbach, sondern weil er ein riesiges Potential hat und ein ruhiger und bescheidener Charakter ist“, begründete Riera seine Entscheidung, ihm die Spielführerbinde zu übergeben. Albert Riera: „Brown hat kein Limit“ Der Spanier spricht lieber über das Kollektiv als über einzelne Profis. Bei Brown vergaß er vor lauter Begeisterung sein Credo. „Er ist noch viel besser, als er selbst denkt, er hat kein Limit. Mit meiner Unterstützung kann er ein noch viel besserer Spieler werden.“ Diese Entwicklung forciert der Trainer, indem er Brown größere Einflussmöglichkeiten auf das Spiel der Eintracht bietet. Der ehemalige Nürnberger darf und soll so oft wie es er für richtig hält seinen angestammten Platz an der linken Seitenlinie verlassen und im defensiven und zentralen Mittelfeld wirken. Gegen die Bayern verteidigte er sogar ein paar Mal auf der rechten Seite. „Daran wachse ich auf jeden Fall. Es ist etwas Neues. Es macht sehr, sehr viel Spaß, weil ich einfach öfter am Ball bin, mehr Aktionen habe“, sagte Brown auf Nachfrage der F.A.Z. Riera vertritt die Ansicht, dass gute Fußballer auf jeder Position gut Fußball spielen können, also möchte er Brown möglichst oft am Ball sehen oder in Ballnähe wissen. Der 22-Jährige stellt nach seinem Mannschaftskollegen Burkardt ein „sehr seltenes Paket“ dar. In einem Doppelinterview in der „Frankfurter Rundschau“ lobte der Mittelstürmer seinen Mitspieler als „brutal guten Verteidiger“ mit außergewöhnlicher „Geschwindigkeit, Zweikampftechnik und Technik am Ball. Ich bin froh, dass er bei uns spielt, an ihm ist kaum vorbeizukommen.“ Diese Erfahrung haben schon Starspieler wie Lamine Yamal (FC Barcelona), Florian Wirtz (Liverpool) und Michael Olise (FC Bayern) in dieser Saison gemacht. Aber das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Brown hat auch offensiv eine Menge zu bieten. Er kann dribbeln, erkennt Kombinationsmöglichkeiten genauso wie freie Räume, und ihn zeichnen Präzision und Timing bei Hereingaben und beim Torschuss aus. Drei Treffer und sechs Torvorlagen bei 31 Pflichtspieleinsätzen in dieser Saison sind eine starke Offensivbilanz für einen laut Burkardt brutal guten Verteidiger. Auch Brown hat während der Eintracht-Misere nicht nur gute Spiele gemacht, aber sein außergewöhnliches Talent blitzte zumindest immer wieder auf. Das Interesse großer europäischer Vereine an ihm ist keineswegs erlahmt. Zuletzt soll sich Manchester United in die Reihe mit Real Madrid und Manchester City eingetragen haben. Sportvorstand Markus Krösche verpflichtete in der Winterpause mit Keita Kosugi einen 19-jährigen Linksverteidiger – ein Indiz, dass er sich gut vorstellen kann, dass aus dem Interesse der Super-Klubs für Brown im Sommer Offerten erwachsen könnten. Vor allem, wenn Brown einen Platz im deutschen WM-Aufgebot erhält. Riera wird ihm bei der Eintracht die Bühne bieten, für sich zu werben.