FAZ 02.12.2025
09:08 Uhr

Viele Fragen um Neymar: Abstieg einer Fußball-Ikone?


Einst sorgte Neymar für große Fußballkunst, mittlerweile aber kickt der Brasilianer in seiner Heimat – und das meist mehr schlecht als recht. Doch für seine Zukunft haben er und seine Familie eine Vision.

Viele Fragen um Neymar: Abstieg einer Fußball-Ikone?

Ein dicker Eisbeutel liegt auf dem lädierten Knie, dafür aber strahlt sein Gesicht: Neymar Jr. kann also doch gegen den Abstieg kämpfen. Zumindest gegen den bereits als Absteiger aus der Serie A feststehenden Tabellenletzten Sport Recife gelang dem ehemaligen Weltklasse-Spieler endlich mal wieder ein überzeugender Auftritt. Das 1:0 (25.) erzielte der Stürmer selbst, den 3:0-Endstand von Joao Schmidt (67.) bereitete er vor. Kurz vor Schluss dann die Auswechslung, und die exakt 14.156 Zuschauer im nicht ausverkauften Estádio Vila Belmiro erhoben sich von den Plätzen. Sie applaudierten für den zwischenzeitlich in Ungnade gefallenen Profi. Nur sechs Tore in 19 Spielen bei 17 verpassten Spielen. Das war bislang nicht wirklich das, was sie von Neymars Rückkehr erwartet hatten. Ein bisschen Drama ist immer dabei „Jetzt hängt alles von uns selbst ab. Die Tordifferenz ist wichtig, deshalb habe ich auf Tore gedrängt. Natürlich respektieren wir Sport Recife, aber wir wollten den Sieg, eine größere Tordifferenz. Glückwunsch an die ganze Mannschaft für das Ergebnis“, sagte ein gut gelaunter Neymar später. Drei Tage zuvor hatten die brasilianischen Medien noch gemeldet: Saisonaus für Neymar. Eine Knieverletzung zwinge ihn, die letzten drei Saisonspiele zum Zuschauen. Der Meniskus zwicke. Für seinen auf einem Abstiegsplatz stehenden FC Santos sei das eine „Bombe“, kommentierte „DSports“, und „beinsports“ wollte sogar den Anfang vom Ende aller Träume erkannt haben. Doch nur 72 Stunden später das Comeback, das ein ganz klein wenig von der Hochstimmung zu Saisonbeginn rund um die Rückkehr zu seinem Heimatklub zurückbrachte. Die war wegen bestenfalls durchwachsener Saisonleistungen und ständiger Verletzungen praktisch komplett verflogen. Doch Neymar stand am Samstag – brasilianische Medien behaupten: entgegen dem Rat seiner Ärzte – wieder auf dem Platz, um seine Mannen im Kampf gegen den Abstieg anzuführen. Ein bisschen Drama ist immer dabei. Neymar will nochmal zur Fußball-WM Jetzt aber könnte Neymar in den letzten beiden Spielen, zunächst beim ebenfalls abstiegsbedrohten EC Juventude und dann beim Tabellendritten Cruzeiro, tatsächlich doch noch zum Retter aufsteigen. Die Partie am Mittwochabend im tiefen brasilianischen Süden dürfte der Schlüssel sein. Gelingt ein Sieg, könnte Santos dem Abstieg noch einmal von der Schippe springen. Geht das schief, ist es schwer vorstellbar, dass Neymar dann mit in die zweite Liga runtergeht. Überhaupt weiß niemand, wie es in diesem Fall weitergehen würde. Im Grunde spielt Neymar deswegen in den nächsten 180 Minuten nicht nur um den Klassenverbleib, sondern auch um seine Chance, doch noch auf den WM-Zug aufzuspringen. Darüber zu entscheiden hat Brasiliens Nationaltrainer Carlos Ancelotti. Und der hat Neymar einen Zeitplan mitgegeben: „Neymar steht auf der Liste der Spieler, die zur Weltmeisterschaft fahren könnten. Jetzt hat er sechs Monate Zeit, um es auf die endgültige Liste zu schaffen. Wir werden ihn, wie auch andere, beobachten und versuchen, die bestmögliche endgültige Aufstellung für die Weltmeisterschaft zu finden“, sagte Ancelotti jüngst. Zu Testspielen brauche er ihn nicht einzuladen, denn jeder wisse, was Neymar könne. Wenn er denn fit ist. Und genau diese 180 Tage hat Neymar nun Zeit, seinen derzeit nicht zu einhundert Prozent austrainierten Körper wieder in die Spur zu bekommen. Das bedeutet Opferbereitschaft, Änderung des Lebensstils und absolute Hingabe; nicht gerade Neymars Kernkompetenzen. Im Februar wird er 34 Jahre alt, es wird das letzte wirklich große und wichtige Halbjahr seiner Karriere. Eines, das darüber entscheidet, ob er vielleicht doch noch in den Hochadel des brasilianischen Fußballs aufsteigt, in dem fünf Weltmeistermannschaften seit 2002 auf Neuzugänge hoffen. Oder ob er als talentierte, aber unvollendete Kunstfigur mit Geschäftssinn in die Fußballgeschichte eingehen wird. Die Sache mit Pelé Vater Neymar Santos Sr. hat jedenfalls schon die Zeit nach der WM im Auge. Die Familie Neymar hat sich die Markenrechte an der Marke „Pelé“ gesichert. Die umfassen Namens-, Bild- und Verwertungsrechte des legendären Fußballers, die bislang in ausländischem Besitz waren. Der Deal hat nach brasilianischen Medienberichten einen Umfang von 18 Millionen US-Dollar (etwa 15,5 Millionen Euro). Nicht viel für die Vermarktungsrechte des vielleicht besten Fußballers aller Zeiten. Bekanntgegeben wurde das ganze Paket passend im Pelé-Museum in Santos. Anders als beim fußballerischen Potential ist es Neymar Santos Sr. bei Marketing- und Vertragsfragen gelungen, das Optimale für seinen Sohn herauszuholen. Nach Schätzungen brasilianischer Medien hat die Marke Neymar, auch dank ihrer weltweiten Social-Media-Präsenz, bereits über eine Milliarde US-Dollar in die Kassen gespült. Allein bei Instagram folgen Neymar 231 Millionen Menschen. Und die wollen beliefert werden. „Ich glaube, dass es sich um eine sehr starke Marke handelt. Wir möchten ihre Identität hervorheben und sie in die Gegenwart bringen“, sagt Vater Neymar zum Kauf der Marke Pelé. „Die Rückgabe der Marke an Brasilien bedeutet die Rückgabe eines Teils unserer eigenen Identität.“ Vor zwölf Jahren, als Neymar nach einem überragenden Confed-Cup 2013 im eigenen Land in Richtung FC Barcelona und großer Fußballwelt zog, da träumten Vater und Sohn noch davon, in Pelés Sphären, als mehrfacher Weltmeister, aufzusteigen. Reich ist Neymar zwar geworden, auch einige Titel hat er gewonnen. Doch bis ganz ins oberste Regal der Fußball-Hierarchie hat er es nicht geschafft. Dieser Geschichte doch noch einen letzten Kick zu vermitteln, auf den WM-Zug aufzuspringen und wie Lionel Messi im Spätherbst der Karriere im Nationaltrikot die Titel gewinnen, dafür hat Neymar nun noch 180 Tage Zeit. Sein Vertrag endet dieses Jahr, allerdings könnte das kein Hindernis sein. Denn die Familie Neymar erwägt offenbar auch, den FC Santos zu kaufen und daraus eine Aktiengesellschaft zu machen. Wenn der Klub nicht absteigt.