Zwei ausgezeichnete Schiedsrichter fehlen bei der Handball-Europameisterschaft. Slave Nikolov und Gjorgij Nachevski haben „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ ihren Fitness-Test gefälscht. Da sind zwei Videos, mit denen sie den Europäischen Handball-Verband (EHF) Ende des Jahres von ihrer Leistungsfähigkeit überzeugen müssen. Fachleute untersuchten die daheim in Nordmazedonien entstandenen Aufzeichnungen. Sie waren offenbar manipuliert. Die EHF lud das Top-Gespann Ende Dezember aus – „um die Integrität des Wettbewerbs zu wahren“. Nikolov und Nachevski hatten vor zwei Jahren das Finale der Europameisterschaft zwischen Frankreich und Dänemark in Köln geleitet (33:31 nach Verlängerung). Auf jede Form von Unregelmäßigkeit hat die EHF ein Auge. Die Unparteiischen nehmen schließlich eine zentrale Rolle ein. Zu umstrittenen Entscheidungen wird es immer kommen; 25 bis 30-Mal pro Partie müssen sich die Referees bei ihren Pfiffen zu einer Seite bekennen. Stürmerfoul oder Abwehraktion? Siebenmeter oder nur Freiwurf? Zwei-Minuten-Strafe oder Rote Karte? Selten sind nach einem Spiel beide Seiten mit ihnen einverstanden. Zufriedener hat die Szene die Einführung des Videobeweises gemacht. Dieser wird bei der EM in Dänemark, Schweden und Norwegen nun auch gezeigt und per Durchsage erklärt. Das hat zur Akzeptanz beigetragen. EHF-Mediendirektor Thomas Schöneich sagt der F.A.Z.: „Wir haben uns bewusst entschieden, die Szenen aus dem Videobeweis nicht nur im Fernsehen, sondern auch in den Arenen zu zeigen, um die Prozesse nachvollziehbar zu machen. Die bisherigen Reaktionen – sowohl von den Schiedsrichtern als auch vom Publikum – unterstreichen, dass dieser Schritt sehr gut aufgenommen wird. Das gilt auch für die Ansage der jeweiligen Entscheidung in der Halle. Das ist manchmal noch ungewohnt, erhöht aber Nachvollziehbarkeit und Transparenz.“ Anders als beim Fußball entscheiden die Schiedsrichter selbst, wann sie rausgehen und sich eine Szene ansehen. Das ist Stärke des Systems und Schwäche zugleich. Für die Unparteiischen ist es eine relevante „zweite Meinung“, wenn sie in der Hektik des Geschehens, des Getümmels am Kreis, unsicher sind, wer Opfer, wer Täter war. Darüber geben die Bilder nun Aufschluss. Versteckte Fouls, früher beliebtes Mittel der Einschüchterung, werden fast immer geahndet. Selbstvertrauen und Vertrauen ins System Doch es ist verführerisch, sich auf die Bilder zu verlassen: Einige Partien wurden vier-, fünfmal in wenigen Minuten unterbrochen, um dann eine Entscheidung zu fällen. Man brauche ein Maß an Selbstvertrauen und Vertrauen ins System, sagt Robert Schulze vom Spitzenduo Schulze/Tönnies. Die Magdeburger gelten als Prototyp moderner Pfeifenleute; es ist ihre vierte Männer-EM in Serie. EHF-Mann Schöneich sagt hingegen zufrieden: „Wir bewerten die Akzeptanz des Videobeweises unter den Schiedsrichtern sehr positiv. Im Vergleich zu 2024 wird der er häufiger verwendet. In Deutschland war es 29-mal in der Vorrunde, jetzt 50-mal. Wir sehen in der Auswertung, dass der Video Replay die Schiedsrichter zu richtigen Entscheidungen führt.“ Inhaltlich liegt der Schwerpunkt abermals auf dem Kreisläuferspiel sowie dem Umgang mit Provokation, Überreaktion und Simulation, erklärt DHB-Schiedsrichter-Chefin Jutta Ehrmann. Sie ist als Delegierte am Zeitnehmertisch bei dieser EM im Einsatz. Wer sich bei einem Aufprall nach hinten wirft oder einen Gesichtstreffer markiert, wird erst ermahnt, dann bestraft. Auch das „Einklemmen“ beim Gegner wird geahndet. Das Wissen um die Sanktion hat die Spieler diszipliniert. Die versuchte Schauspielerei wird häufig entlarvt – menschliche Makel aber bleiben: So gaben die Schweden Mirza Kurtagic/Mattias Wetterwik bei Deutschland gegen Portugal Johannes Golla nach Videobeweis die „Rote Karte“, obwohl er Francisco Costa auf die Brust geklopft hatte, nicht an den Kopf. Ein deutlicher Gesichtstreffer des Dänen Simon Hald wurde indes nur mit einer Zeitstrafe geahndet. Hier wird die Spielleitung durch uneinheitliche Auslegung geschwächt. Wetterwik/Kurtagic übersahen später auch noch einen Regelfehler, als die Deutschen Uscins und Schluroff beim Anwurf in der portugiesischen Hälfte meterweit im „Abseits“ standen – und Uscins zum 32:30 traf. Gebe es Hilfe von außen, wäre der Treffer annulliert worden. Doch beim Handball gibt es keine Instanz, die mit Abstand zum Feld den Unparteiischen assistiert. Und so soll es bleiben, sagt Schöneich: „Die EHF bleibt bei ihrer Linie, dass allein die Schiedsrichter entscheiden, wann der Videobeweis genutzt wird und er weiterhin nicht von außen – Stichwort Kölner Keller – ins Spiel eingreift.“ Insgesamt gibt es den Trend, das Spiel im Fluss zu lassen, es bei Würfen mit Kontakt laufen zu lassen, statt immer und immer wieder auf Freiwurf zu entscheiden – was zuvor quälend lange Angriffe erzeugte. „Die EHF ist zum Abschluss der Hauptrunde zufrieden mit den Schiedsrichterleistungen. Einige Paare sind zum ersten Mal bei einer EM dabei. Das Spiel hat sich im Vergleich zu 2024 noch mal beschleunigt – und wir sehen dennoch über das gesamte Turnier konstante Leistungen“, sagt Schöneich.
