FAZ 15.02.2026
08:11 Uhr

Vetternwirtschaft in der AfD: Wie sich die AfD den Staat zur Beute macht


AfD-Abgeordnete haben der F.A.S. beschrieben, wie es ist, ein Mandat zu erringen. Und wie dann der Druck wächst, Verwandte von Fraktionskollegen zu beschäftigen.

Vetternwirtschaft in der AfD: Wie sich die AfD den Staat zur Beute macht

AfD-Politiker verabscheuen politischen Filz, das haben sie zumindest immer behauptet. Jahrelang tönten sie, die „Altparteien“ – also alle Parteien außer ihrer eigenen – machten sich den Staat zur Beute, versorgten ihre Gefolgsleute mit Posten und bildeten eine korrupte Clique, von der nur sie, die AfD, das Volk befreien könnte. Das verschaffte der Partei eine populistische Mission. Schon 2016 hieß es im AfD-Grundsatzprogramm: „Es hat sich eine politische Klasse von Berufspolitikern herausgebildet, deren vordringliches Interesse ihrer Macht, ihrem Status und ihrem materiellen Wohlergehen gilt.“ Ein junger AfD-Politiker namens Ulrich Siegmund aus Sachsen-Anhalt sagte 2016 einer Lokalzeitung, Anspruch der AfD sei es, „gegen eingefahrenen Politikfilz, Mauscheleien, Steuerverschwender und ideologische Scheuklappen“ vorzugehen. Manchmal, zwischendrin, warnten AfD-Politiker. Der frühere Bundesvorsitzende Konrad Adam war erbost, dass es „Glücksritter“ in der AfD gebe, die von ihr und nicht für sie leben wollten. Das sagte er 2014, nur ein Jahr nach der Gründung. Der frühere Bundesvorsitzende Jörg Meuthen steigerte diese Beobachtung im Jahr 2023. Er sagte, die Partei bestehe „nur noch aus Extremisten, Opportunisten und Karrieristen, die sich in ihrer Mandatsgier mit diesen Leuten bis zur völligen Anbiederung arrangieren“. In der AfD schien sich also eine politische Klasse gebildet zu haben, deren vordringliches Interesse ihrem eigenen materiellen Wohlergehen galt. Diese Leute waren lange gehemmt. So beschreiben es AfD-Politiker, mit denen die F.A.S. in dieser Woche gesprochen hat. Solange die Partei zerrissen war in Bürgerliche und Radikale, war es risikoreich, der Frau seines Fraktionskollegen einen Scheinjob zu geben, denn das hätte schnell seinen Weg in die Zeitung gefunden. Die Gegenseite hätte eine Kampagne daraus gemacht. Es gab auch weniger Geld zu verteilen, die AfD war noch nicht im Bundestag. Ein Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt kann rund 5500 Euro für Mitarbeiter ausgeben. Einer im Bundestag hat dafür mehr als 26.000 Euro. Der AfD-Politiker Jan Wenzel und seine „Pokerrunde“ Irgendwann flachten die Machtkämpfe ab. Wer den Parteikurs nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, trat aus. Übrig blieben Glücksritter und Extremisten. Sie vernetzten sich, halfen sich gegenseitig, vereinbarten Listenplätze. In Sachsen-Anhalt wurde in dieser Zeit die „Pokerrunde“ gegründet, das war eine Whatsapp-Gruppe, die der AfD-Politiker Jan Wenzel Schmidt so nannte, damit sie harmlos klang. Er wollte sie nicht „Klüngelgruppe“ nennen, das wäre entlarvend gewesen. Also: „Pokerrunde“. Später gab es eine andere, die hieß: „Gemeinsames Pokern“. Ziel war, gemeinsam stark zu sein, Landesparteitage zu kontrollieren, Aufmüpfige niederzuhalten. Das klappte gut. Auf einem Landesparteitag 2020 festigte die „Pokerrunde“ rund um Schmidt, den AfD-Landesvorsitzenden Martin Reichardt und den Parteiideologen Hans-Thomas Tillschneider ihre Herrschaft. So war es in vielen Landesverbänden. Also erkundeten die Abgeordneten, wie viele Reisen im Parlamentsbetrieb auf Kosten der Steuerzahler möglich sind. Und welche Potentiale man bei der Besetzung von Stellen heben kann. Viele Außenstehende wollten nicht für eine Partei wie die AfD arbeiten. Rechtsextremisten hatten solche Hemmungen nicht, weshalb immer mehr von ihnen in die Mitarbeiterstäbe einsickerten. Wo viel Geld zu verteilen ist und es keine Aufsicht gibt, entstehen Begehrlichkeiten. AfD-Abgeordnete haben der F.A.S. beschrieben, wie es ist, ein Mandat zu erringen. Um auf dem Parteitag einen guten Listenplatz zu erreichen, muss man für sich werben. Man knüpft also ein Netzwerk, das ist in allen Parteien so. Bei der AfD kommt eine Besonderheit hinzu: Sie wird für ihre Haltung, nicht für ihr Personal gewählt. Wer von der Partei aufgestellt wird, muss also besonders dankbar sein, denn man hätte auch einen anderen nehmen können. So entstehen stärkere Abhängigkeiten als anderswo. Und dann kommt irgendwann ein Anruf, so schildern es AfD-Abgeordnete, die anonym bleiben wollen. Ein guter Parteifreund ist dran. Einer, mit dem sie sich seit Jahren in einer Chatgruppe über Listenplätze abstimmen. Er sagt, dass seine Frau im Krankenhaus arbeitet, aber dort diskriminiert wird, weil sie nicht geimpft ist. Oder er sagt, dass seine Frau als Maskenbildnerin am Theater arbeitet, aber dort alle fürchterlich links seien und sie deshalb einen neuen Job brauche. Sie haben 26.000 Euro Budget, aber sie brauchen nur zwei Drittel davon, um ihr Büro arbeitsfähig zu halten. Bleiben 8600 Euro übrig. Also sagen sie ihrem Parteifreund, dass sie gerne helfen. Sie rutschen in etwas hinein. Sie fühlen sich wie eine Milchkuh. Bei Tobias Rausch lebt ein Großteil der Familie von der AfD Einer erzählt, dass Abgeordnete sich politische Gefallen bezahlen ließen. Wer etwas bekam, musste erlauben, dass der andere einen Mitarbeiter bei ihm platzieren darf. Eine Hand wäscht die andere. Auch der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla beschäftigt die Frau eines sächsischen Landtagsabgeordneten. Auch die Frau des baden-württembergischen Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier arbeitet für einen AfD-Abgeordneten. Gegenüber der F.A.S. fällt der Satz: „Das war am Anfang nicht so. Das hat sich die letzten zwei Jahre verstärkt. Wir werden zu einer Funktionärspartei. Seilschaften werden immer wichtiger.“ In Sachsen-Anhalt ist es legal, Verwandten von Fraktionskollegen einen Job zu geben. Beim Parlamentarischen Geschäftsführer Tobias Rausch lebte ein Großteil der Familie von der AfD. Der junge Abgeordnete war 2016 gemeinsam mit seinem Vater in den Landtag eingezogen. Drei seiner Geschwister wurden später bei der Magdeburger AfD-Bundestagsabgeordneten Claudia Weiss angestellt, deren Tochter wiederum in der Magdeburger Landtagsfraktion arbeitet. Ein Schwager von Rausch bekam auch einen Job bei einem Bundestagsabgeordneten. Ein Bruder von Rausch arbeitet in dessen Immobilienfirma, die wiederum jene Räumlichkeiten verwaltet, in denen sich die Wahlkreisbüros von Tobias Rausch und seinem Vater Daniel sowie die Geschäftsstelle der AfD-Kreistagsfraktion befinden. Wer zur „Pokerrunde“ gehörte, wie Tobias Rausch oder Jan Wenzel Schmidt, konnte Jobs besorgen. Schmidt beschäftigte in seinem Büro Verwandte der Pokerfreunde Tillschneider und Reichardt. Mitarbeiter einer Firma für E-Zigaretten, deren Miteigentümer er ist, stellte er in seinem Bundestagsbüro ein. Einer von ihnen behauptet inzwischen, dort nie gearbeitet zu haben und die angebliche Beschäftigung nur als Gehaltserhöhung erhalten zu haben. Schmidt gab seine Ideen, wie man es am besten macht, auch an andere weiter. Den heutigen Spitzenkandidaten Siegmund, der seinen Vater bei einem Europaabgeordneten unterbringen wollte, warnte er, dass in Brüssel alle Namen veröffentlicht werden. Also kam der Vater im Bundestag unter, das war diskreter. Er soll dort zeitweilig 7725 Euro im Monat bekommen haben. Siegmund sagt, damit nichts zu tun zu haben. Vetternwirtschaft in der AfD Sachsen-Anhalt Für solche Zustände ist ein besonderer Menschenschlag nötig. Jan Wenzel Schmidt hat früher Lotto-Annahmestellen betrieben. Nach seinem Einzug in den Landtag wollte er auf den Posten des Lotto-Bezirksleiters vorrücken. Als seine Bewerbungen scheiterten, deckte er Mauscheleien in der landeseigenen Lotto-Gesellschaft auf, die zur Ablösung ihrer Geschäftsführer führten. Schmidt ist also jemand, der sich rächt, wenn er nicht zum Zug kommt. Später stieg er ins Geschäft mit E-Zigaretten ein und erkundete parallel das Diamanten-Business. Mit dem chinesischen Spion Jian G., einem früheren Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Maximilian Krah, reiste er dafür nach Zentralchina. Im Jahr 2018 zeigte Schmidt seinen damaligen Fraktionskollegen Mario Lehmann an. Er warf ihm vor, ihm in einer Herrentoilette aufgelauert und ihn dann geschlagen zu haben. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Lehmann ist der Vater der ehemaligen Lebensgefährtin des früheren Spitzenkandidaten André Poggenburg, die inzwischen in der Landtagsfraktion angestellt wurde und Tobias Rausch geheiratet hat. In der AfD von Sachsen-Anhalt herrschen besondere Sitten. Die Frau von Schmidt bekam im aktuellen Zerwürfnis einen positiven Schwangerschaftstest einer angeblichen Nebenbuhlerin zugeschickt, mit der Aufforderung, ihren Ehemann zu verlassen. Seilschaften werden in der AfD immer wichtiger Auch Verbindungen in die Welt der Erotik sind bekannt. 2017 wehrte sich der AfD-Abgeordnete Ronny Kumpf vor Gericht dagegen, von Parteifreunden wegen seiner Vergangenheit als „Porno-Ronny“ bezeichnet zu werden. Auch der AfD-Funktionär Phillipp-Anders Rau war früher Pornodarsteller. In einem Strafprozess um sein gefälschtes 1,0-Abiturzeugnis führte er eine Kokainabhängigkeit zu seiner Verteidigung an. Auch Rau gehört zur „Pokerrunde“, was in der AfD die Sorge auslöst, dass weitere Enthüllungen drohen. Hätte sich die „Pokerrunde“ nicht zerstritten, wäre vieles nie bekannt geworden. Ende 2024 gab es Uneinigkeit, ob sich die Kontrolle über den Landesverband maximieren lässt. Der Plan war, die Aufstellung von Direktkandidaten in den Wahlkreisen zu unterbinden. Das hätte bedeutet, dass alle Mandate über die Liste und somit auf Landesebene vergeben werden, wo die „Pokerrunde“ die Zügel in der Hand hat. Dagegen regte sich allerdings Widerstand von der Parteibasis. Schmidt, der das Vorhaben als Generalsekretär exekutiert hatte, musste zurücktreten und entzweite sich immer stärker von seinen Weggefährten, bis der Konflikt Ende 2025 völlig eskalierte. Im September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD träumte schon von der absoluten Mehrheit und Siegmund als Ministerpräsidenten. Nun glauben viele, dass Vetternwirtschaft von AfD-Wählern stärker bestraft wird als Extremismus. Der AfD-nahe Publizist Götz Kubitschek schrieb jüngst, die AfD habe „von Anfang an einen korrumpierenden Sog entwickelt“. Der „Schaden ist schon da, die Glaubwürdigkeit hat einen Riss. Tünche reicht nicht, aufräumen muss man.“ Der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke verbreitete diesen Artikel und bemerkte: „Wir können nur an uns selbst scheitern.“ Einer in der AfD sagt: „Wenn das jetzt schon so läuft, wie soll das erst werden, wenn wir Ministerien besetzen?“ Aufgeräumt wird in der AfD bisher nicht. Der Bundesvorstand befasste sich unter „Sonstiges“ mit dem Vorgang. Der sachsen-anhaltische Landesvorsitzende Reichardt bat um Verständnis, wie Teilnehmer berichten. Es sei schwierig, Mitarbeiter zu finden, und Verwandten könne man wenigstens vertrauen. Der stellvertretende AfD-Vorsitzende Kay Gottschalk brachte sich als Vermittler ins Spiel, was in Sachsen-Anhalt prompt abgelehnt wurde und auch an Terminproblemen scheiterte, weil Gottschalk erst noch Fasching feiern wollte. Nun soll der Landesverband die Angelegenheit selbst aufklären, die „Pokerrunde“ soll den Filz bekämpfen. Das hemmt den Reformwillen. Die Verwandten sollen, Stand jetzt, ihre Jobs behalten. Dafür ist im Landesverband immer öfter von einem „Bauernopfer“ die Rede. Irgendjemand soll die Verantwortung übernehmen, damit sich sonst nichts ändern muss.