FAZ 25.12.2025
17:59 Uhr

Veteran hilft Verwundeten: „Dann sah ich ziemlich schnell: Mein linkes Bein ist weg“


Im Kampf gegen Russland verliert Andrij Holopapa ein Bein. Nach seiner Genesung will er wieder an die Front, doch es kommt anders: Mit Freunden gründet er eine Initiative, um verwundete Soldaten aufzumuntern.

Veteran hilft Verwundeten: „Dann sah ich ziemlich schnell: Mein linkes Bein ist weg“

Als Andrij Holopapa das Krankenzimmer betritt, ruft ein verwundeter Soldat: „Hey, wo hast du denn dein Bein vergessen?“ Alle lachen, und das ist schon mal ein guter Start für Andrij, den 22 Jahre alten Studenten, der selbst verwundet und Veteran ist. Sofort fliegen Geschichten durch den Raum. Einer erzählt, wie er wochenlang ohne Ablösung an vorderster Linie ausgeharrt habe, ein anderer, wie oft er gerade noch mal davongekommen sei und es ihn dann doch erwischt habe: „Bumm, zack und Schluss!“ Der Mann zeigt auf sein mit Mullbinden eingewickeltes Knie. Splitterwunden sind eine der häufigsten Verletzungen, mit denen Soldaten in die Klinik im Zentrum Kiews kommen. Bis eben schien jeder der Männer hier in seiner Welt versunken, jetzt ist es laut in dem Zimmer mit dem braunen Linoleum und den grauen Betten. Ein Blumenstrauß, der auf dem Fensterbrett in einer abgeschnittenen Plastikflasche vor sich hinwelkt, ist der einzige Schmuck – sieht man von den ukrainischen Fähnchen über manchen Betten ab. Bewusst hat Andrij sein linkes Hosenbein nach oben gekrempelt, sodass die Metallprothese gut zu sehen ist, wo früher sein Unterschenkel war. Das sei ein erprobtes Mittel, um ins Gespräch zu kommen, hat er vorher erzählt. Und es funktioniert. Mit einer Gruppe Freiwilliger besucht Andrij an Wochenenden Verwundete in Krankenhäusern in Kiew und Umgebung. Das Ziel ist, sie aufzumuntern. Andrij weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig das ist. Viele Monate hat er in solchen Krankenzimmern zugebracht und „zum Glück“ häufig Besuch gehabt. In so einer Lage sei jede Abwechslung willkommen. Also rückt er jetzt einen Holzstuhl in die Mitte des Zimmers, streckt das Bein mit der Prothese von sich und fragt: „Worüber wollt Ihr sprechen?“ Die Soldaten, meist in Shorts und olivgrünen Shirts, hocken auf ihren Betten. „Was ist mit dir passiert?“, fragt schließlich einer. „Ja, los, erzähl uns deine Story!“, rufen die anderen. Als Russland angreift, meldet sich Andrij freiwillig zum Militärdienst Andrijs Geschichte beginnt im Herbst 2021 in Kiew. Er studiert damals Nu­klearphysik im zweiten Studienjahr und engagiert sich in einer zivilgesellschaftlichen Initiative gegen Korruption. Er besucht Gerichtsprozesse gegen Oligarchen und berichtet darüber, geht auf De­monstrationen, malt Transparente, auf denen „Schluss mit der Korruption!“ steht. Wolodymyr Selenskyj, der damals gerade zwei Jahre Präsident des Landes ist, hatte die Wahl vor allem mit zwei Versprechen gewonnen: die Korruption einzudämmen und den Krieg im Osten des Landes zu beenden, wo russische Einheiten ukrainisches Territorium besetzt halten. Beides erweist sich in jenem Herbst als schwierig. Die Korruption, gegen die vor allem junge Ukrainer schon 2013 auf dem Maidan protestierten, hat sich wie ein Netz über das Land gelegt. Immerhin kommen jetzt mehr Fälle ans Licht und werden verfolgt. Zugleich gibt es Gerüchte über eine bevorstehende russische Invasion. Russlands Präsident Wladimir Putin lässt, angeblich für eine Übung, in unmittelbarer Nähe zur ukrainischen Grenze enorme Truppenverbände zusammenziehen. Andrij, groß, schlank, mit Brille und Haarzopf, ist ein rationaler Typ. Er hält Kontakt zu Verteidigungseinheiten, um auf dem Laufenden zu bleiben, und er besucht Militärübungen für Zivilisten. Im Dezember hilft seine Initiative, Räume zum Schutz vor Luftangriffen zu organisieren. Als Russland zwei Monate später die Ukraine angreift, meldet sich Andrij freiwillig zum Militärdienst. Er muss das nicht tun, das Mobilmachungsalter liegt damals bei 27 Jahren. „Für mich war das keine Frage“, erinnert er sich. „Die Entscheidung habe ich auch nicht an jenem Tag getroffen, sondern schon Monate vorher.“ Seine damalige Freundin und heutige Ehefrau Tanja Bunkowa, die wir mit Andrij in einem Café treffen, sagt, dass sie davon nichts gewusst habe. Sie habe damals plötzlich Fotos von ihm in Uniform bekommen. „Ich war sprachlos, wirklich schockiert und habe geweint“, erzählt sie. Ihre Mutter empfahl ihr zu beten. „Dabei bin ich die letzte Person, die betet.“ Tanja lacht jetzt und schaut Andrij in die Augen. „Aber ich weiß, dass ich ihn auch nicht vom Gegenteil hätte überzeugen können.“ „Ich war mehr so: Gebt mir eine Waffe! Wohin soll ich gehen?“ „Ich wollte einfach nur mein Land unterstützen“, sagt Andrij. Zivile Hilfe könne jeder leisten. „Aber ich kann viel mehr.“ Mit dieser Haltung geht er damals zum Rekrutierungsbüro. Dort herrscht großer Andrang, viele wollen sich jetzt einschreiben. Mit 18 Jahren ist Andrij ein Grünschnabel unter den erfahrenen Soldaten. „Im Rekrutierungsbüro haben sie mich nicht ernst genommen, aber ich war hartnäckig, ich hatte wirklich starke pa­triotische Gefühle.“ Von seinen Kommilitonen, viele im Schockzustand, folgt ihm jedoch kaum jemand. „Ich war mehr so: Gebt mir eine Waffe! Wohin soll ich gehen?“ Er wird der 101. Brigade zugeteilt, ei­ner Verteidigungseinheit, die in Kiew Mi­litärgebäude vor den anrückenden Russen schützen soll. Sechs Wochen ist er im Einsatz, dann ziehen die russischen Truppen aus den Kiewer Vororten ab. Erst jetzt kann Andrij überhaupt seinen Eid ablegen. Die folgenden Monate verbringt er mit seiner Truppe nördlich der Hauptstadt, wohin sie als Reserve gegen einen abermaligen Überfall Russlands aus Belarus stationiert werden. Als die Lage hier ruhig bleibt, werden sie zum Training abkommandiert und erhalten Schutzausrüstung: neue Helme, Splitterschutzwesten. Die werden sich bald als nützlich erweisen. Anfang September 2022 gelingt es der ukrainische Armee, die russischen Truppen aus dem Großteil des Landes zu vertreiben. Die Front konzentriert sich nun im Südosten der Ukraine, wohin auch Andrij ab­kommandiert wird. Er wird einem neuen Ba­taillon in Donezk zugeteilt, direkt an der Front. „Ich bekam eine Panzerfaust 3, ein deutsches Produkt“, erzählt er. „Ich wusste schon, wie man damit umgeht.“ Die Aufgabe von Andrij und seinen Kameraden ist es, die Straße in die nördlich gelegene Stadt Bachmut zu sichern, die ein wesentlicher Punkt im Verteidigungsgürtel der Ukraine ist. „Das war sehr hart. Zwischen uns und dem Feind lagen manchmal nur 40 Meter.“ Und während die Russen mit Panzern anrollen, haben die Ukrainer hier nichts als ein paar Panzerfäuste und dafür auch noch zu wenig Munition. Fünf Wochen lang harrt Andrij mit seiner Truppe aus, unter ständigem Beschuss und mit wenig Versorgung. Dann kommt endlich die Ablösung. „Dann sah ich ziemlich schnell: Mein linkes Bein ist weg.“ Als Andrij an die Front zurückkehrt, halten die Ukrainer die Straße noch. Die russischen Angriffe kommen vor allem nachts und während der Schichtwechsel, sodass die personell unterlegenen Ukrainer nicht zur Ruhe kommen. Der Beschuss verschärft sich, die Russen rücken vor. Mit Infanterie, Panzern, Mörsern. „Kugeln flogen um meinen Kopf“, sagt Andrij. „Ich konnte nur noch liegen.“ Am Abend des 25. Oktober 2022, einem Dienstag, schlägt eine feindliche Mörsergranate in Andrijs Nähe ein. Splitter des Geschosses treffen ihn und einen seiner Kameraden „Ich habe gar nicht direkt verstanden, was passiert war. Dann sah ich ziemlich schnell: Mein linkes Bein ist weg.“ Andrij denkt, dass er das nicht überleben wird. Er ruft seinen Kameraden zu, dass sie kein Risiko eingehen sollen. Verletzte unter feindlichem Dauerfeuer zu bergen, ist äußerst schwierig. „Doch dann kam ich auf eine Trage, sie banden mein Bein ab und trugen mich zwei Kilometer raus, während um uns herum die Hölle los war.“ In Kiew erhält Tanja an jenem Tag eine Nachricht. Andrijs Mutter fragt, ob sie etwas von ihrem Sohn gehört habe. „Wir hatten zwei Tage zuvor telefoniert“, erzählt Tanja im Café. „Er hatte mir versprochen, sich zu melden.“ Sie schreibt der Mutter, dass sie glaube, es sei alles in Ordnung. Dann ruft die Mutter an. „Er ist 300!“, ruft sie. 200 ist der Code für „gefallen“, 300 heißt „ver­wundet“. Andrijs Mutter hat es aus der Einheit ihres Sohnes gehört, aber keine Informationen darüber, was passiert ist. Tanja versucht, die Mutter zu beruhigen, einen kühlen Kopf zu bewahren. „Dabei hatte ich in dem Moment nur einen Gedanken: Wie kann ich ihn sehen?“ Anrufe zu Andrij gehen nicht durch. Auch sein Handy ist bei dem Angriff zerstört worden. „Dann klingelte mein Te­lefon“, erzählt Tanja. „Er war dran, mit ganz schwacher Stimme.“ Was er genau sagt, weiß sie nicht mehr. Sie bucht ein Ticket nach Dnipro, wo Andrij im Krankenhaus liegt, und sie kauft zwei Ringe. Die holt sie am Krankenbett aus ihrer Tasche. „Es war mein Zeichen, ihm zu zeigen, dass ich ihn nicht verlasse“, sagt Tanja im Café und strahlt Andrij an. Im Frühjahr dieses Jahres haben beide geheiratet. Andrij bekommt eine Prothese und muss neu laufen lernen Für Andrij beginnt damals eine lange Zeit in verschiedenen Krankenhäusern. Drei Operationen muss er über sich ergehen lassen, bevor er im Mai 2023 in eine Rehaklinik im Westen der Ukraine verlegt wird. In den langen Monaten im Krankenbett denkt er mehr an seine Leute an der Front als an seine Wunde. Er hadert mit sich. „Hätte ich besser in Deckung gestanden, wäre das nicht passiert und mein Kamerad nicht verletzt worden.“ Erleichtert ist er erst, als er erfährt, dass seine Einheit von der Front zurückgekehrt ist. Alle Männer sind noch am Leben, einige allerdings verwundet. Im Krankenhaus bekommt Andrij jedes Wochenende Besuch. Von seinen Eltern, von Freunden und natürlich von Tanja, die während seiner Zeit in der Reha zu ihm zieht, weil der Weg von Kiew sehr weit ist. Andrij bekommt eine moderne Prothese und muss damit neu laufen lernen. Das dauert. Es gibt Komplikationen, die Ärzte beraten, ob sie auch noch Andrijs Knie amputieren müssen. Das ist schließlich nicht nötig. Andrij erweist sich als zäh. Schon im Juni nimmt er erfolgreich an einem 100-Kilometer-Radmarathon und später an einer Wanderung teil. Doch ihn beschäftigt noch etwas anderes. Er sieht, wie verwundete Kameraden im Krankenhaus allein bleiben, von niemandem besucht werden. „Viele Soldaten sind älter als 40 Jahre, sie haben entweder sehr alte Eltern oder gar keine mehr.“ Viele lebten zudem weit weg vom Krankenhaus oder kämen aus den besetzten Gebieten. Ihre Familien, Geschwister oder Freunde seien oft in den Westen der Ukraine oder ins Ausland gezogen. Der Krieg verstreut die Menschen, und er formt das Leben neu. Andrij erzählt von Soldaten, die er im Krankenhaus traf: Wiktor, dessen Eltern von Russen getötet wurden, oder Pedro, dessen Frau sich trennte, als er zur Armee ging. Auch wenn sich die wenigsten Verwundeten anmerken lassen, dass sie einsam sind oder sich so fühlen, beschließt Andrij, etwas zu tun. Bald bringen seine Besucher kleine Geschenke für seine Bettnachbarn mit: selbst gebackenen Kuchen oder Limonade. „Die meisten waren dafür sehr dankbar“, erzählt Andrij. „Besonders für die Gespräche. Das hat die Stimmung gehoben, Zuversicht gegeben.“ Mehr als 100 Freiwillige haben sich ihm mittlerweile angeschlossen Im November 2023, mehr als ein Jahr nach seiner Verwundung, wird Andrij entlassen. Er meldet sich umgehend bei seiner Einheit, doch die hat keine Verwendung für ihn. „Sehr schade“, sagt er. Doch der Krieg hat sich dramatisch verändert. Drohnen bestimmen jetzt das Geschehen, die Armee braucht Technikspezialisten. Also geht Andrij zurück nach Kiew, nimmt sein Studium wieder auf. Und er hat einen Plan. Gemeinsam mit Freunden gründet er eine Initiative, um verwundete Soldaten in Krankenhäusern zu besuchen. Das spricht sich herum, bald sind mehr als 100 Freiwillige dabei, die sich an Wochenenden auf verschiedene Kliniken aufteilen. Sie sammeln Geld, kaufen kleine Geschenke, Snacks, Getränke, vor allem aber sind sie da, um zu reden. „Es geht um Hausbau, Autoreparatur, Fronterlebnisse oder das ‚schlimme‘ Krankenhausessen“, sagt Andrij und lacht. Viele seien sehr glücklich über die Abwechslung, auch die Kliniken unterstützten seine Initiative. „Manchmal sind wir acht Stunden in einem Raum und erzählen.“ Ein paar Regeln haben sich Andrij und seine Mitstreiter gegeben: Wenn es um Verwundungen geht, hören sie zu. Sie selbst sprechen über positive Themen. Und sie respektieren, wenn jemand nicht reden will. „Meistens muss man gar nicht viel sagen“, sagt Andrij. Aus vielen Soldaten sprudelten die Geschichten nur so heraus. Wie an jenem Sonntag in der Klinik in Kiew, wo Andrij einem Verletzten zuhört, dessen Kampfname „Der Stumme“ ist. „Verrückt“, sagen dessen Bettnachbarn, als Andrij und seine Leute sich zum Gehen anschicken. „Jetzt hat der in der kurzen Zeit viel mehr geredet als vorher mit uns.“ Andrij hat noch zwei Jahre Studium vor sich. Was er danach machen wird, weiß er noch nicht. Aber wer weiß in der Ukraine heute schon, was in zwei Jahren sein wird. Der Staat zahlt ihm Schwerstverwundetenversorgung, aber zum Leben reicht das nicht. Tanja und er wollen eine Familie gründen. Hat er es bereut, zur Armee gegangen zu sein? „Nein, nie“, antwortet er. „Es ist passiert, und ich muss weiterleben, trotz Schmerzen.“ Um seine Prothese hat er ein blau-gelbes Band gebunden, die Farben seines Landes, in dem seine Kinder aufwachsen sollen. „Ich bin stärker geworden. Ich habe heute mehr Lebenswillen und einen festeren Glauben“, sagt er. Und dass die Ukraine ein freies Land bleiben werde. Tanja schaut ihn an und strahlt.