Die Auguren des britischen Königshauses sind sich rasch einig gewesen: Die polizeiliche Festnahme Andrew Mountbatten-Windsors hat die Monarchie in die schwerste Krise seit mehr als einem Jahrhundert gestürzt. Andererseits aber ist in einer Institution, die seit rund 1000 Jahren besteht, auch alles schon irgendwann einmal dagewesen. Im Jahre 1477 kam letztmals der Bruder eines Königs in Haft. Das war damals George, Herzog von Clarence, der sich einem Aufstand gegen König Edward IV. angeschlossen hatte. Der Haftgrund lautete Hochverrat, was härter, aber ein wenig verwandt klingt mit dem Ermittlungsgrund, dessentwegen die Polizei jetzt den einstigen Prinzen Andrew ins Visier genommen hat: Fehlverhalten in einem öffentlichen Amt. Der Verdacht gründet sich auf Fundstücke im Schriftverkehr des amerikanischen Finanziers und Bösewichts Jeffrey Epstein, die amerikanische Ermittlungsbehörden vor knapp zwei Wochen freigegeben haben. Daraus ergibt sich, dass Andrew, der damals als außerordentlicher Handels-Botschafter des Vereinigten Königreiches in der Welt unterwegs war, das Ergebnisprotokoll einer offiziellen Reise durch Südostasien an seinen amerikanischen Freund weiterleitete. Andrew scheint sich nicht an den Kodex gebunden gefühlt zu haben, der für sein Amt galt Auch Details über Investitionsmöglichkeiten in Afghanistan soll Epstein auf diese Weise erfahren haben. Unklar bleibt einstweilen, ob die Interna, die Andrew aus seiner amtlichen Mission ausplauderte, einem formellen Geheimhaltungsverbot unterlagen, ob sie „nur für den Dienstgebrauch“ vorgesehen waren oder gar keiner Vertraulichkeitsvorschrift unterlagen. In jedem Fall lässt sich aus dem sorglosen Umgang Andrews mit derartigen dienstlichen Unterlagen herauslesen, dass der mittlere Sohn von Königin Elisabeth II. sich nicht recht an den Kodex gebunden fühlte, der für die Beamten Ihrer Majestät im diplomatischen oder im allgemeinen öffentlichen Dienst unumschränkt galt und weiterhin gilt – dass dienstliche Angelegenheiten nicht privat verhandelt werden sollen. Allerdings handelte Andrew in seiner Funktion im strengen Sinn auch nicht als Beamter, sondern als „Spezieller Repräsentant für internationalen Handel und Investitionen“ – in einer Funktion, die Mitgliedern der königlichen Familie vorbehalten war und die vor ihm nur ein einziger anderer Träger innehatte. Prinz Edward, Herzog von Kent – jener Cousin Elisabeths II., der an der Seite seiner Gattin Katherine jahrzehntelang in der Ehrenloge des Tennisturniers von Wimbledon zu sehen war –, repräsentierte das Königshaus und also auch den britischen Staat viele Jahre lang auf Handelsmessen und internationalen Foren. Er zog sich aus dieser Position im Jahr 2001 zurück. Für Andrew, der zu jener Zeit seine aktive Karriere in der Royal Navy beendete, sollte damals in der königlichen „Firma“ eine neue Aufgabe gefunden werden – also übernahm er jene Funktion, obwohl schon damals Warnungen laut wurden, er sei womöglich für eine solche Aufgabe gar nicht geeignet. Sie diente ihm jedenfalls als Vorlage für eigene geschäftliche Aktivitäten. 2014, da war er seine Repräsentantenrolle schon seit drei Jahren wieder los, gründete Andrew die Unternehmung „Pitch@Palace“, die eine Art Investitionsbörse für Start-up-Unternehmer sein sollte. Der Prinz machte auch außerhalb des Vereinigten Königreiches eine Marke aus diesem Mechanismus – und verdiente erstens an Lizenzgebühren; zweitens verband er sich mit ausländischen Geschäftsleuten, die nicht immer über alle Zweifel erhaben waren. Durch alle diese Aktivitäten schimmern die Eigenschaften Geldnot und Geltungssucht, die Andrew – wie seine geschiedene, aber mit ihm zeitlebens verbundene Gattin Sarah Ferguson auch – immer wieder in Bedrängnis brachten und derentwegen beide auch ihre freundschaftliche Verbindung mit dem Übeltäter Epstein weiterführten, nachdem dieser längst wegen Zuhälterei einer minderjährigen Prostituierten im Gefängnis gesessen hatte. Hatte Andrew als Handelsbeauftragter ein „öffentliches Amt“ inne? Die Ermittler, die Andrew am Donnerstag vorübergehend in Polizeigewahrsam nahmen, haben auch Unterlagen und Dateien an seinem neuen Wohnsitz auf dem Anwesen von Sandringham und in seiner bisherigen Residenz, der Royal Lodge im Park von Windsor, gesichtet und beschlagnahmt. Womöglich enthalten sie Informationen, die zu weiteren Anhaltspunkten eines „Fehlverhaltens im öffentlichen Amt“ führen werden. Es ist allerdings ein Tatbestand, der im englischen Recht selten Anwendung findet. Womöglich ist sogar strittig, ob Andrew als Handelsbeauftragter tatsächlich ein „öffentliches Amt“ versah, wie es das entsprechende Gesetz verlangt. Als wahrscheinlich kann trotzdem gelten, dass die Ermittlungen der Polizei nicht eingestellt, sondern in einer Anklage und dann auch in einem Gerichtsverfahren münden werden. Das wird voraussichtlich nicht nur dem Ansehen Andrews, sondern der gesamten Monarchie weiteren Schaden zufügen. Der einzige zu seinen Gunsten wirkende Nebeneffekt könnte darin bestehen, dass alle Bemühungen amerikanischer Parlamentarier, Andrew zu einer Zeugenaussage bezüglich der Sexualstraftaten seines Freundes Epstein zu bewegen, von ihm nun mit dem Hinweis auf das laufende britische Verfahren abgewiesen werden können. Es kann auch sein, dass die Beziehungen anderer einstiger Freunde zu Epstein sich als gravierender erweisen und Andrews Verfehlungen in den Schatten stellen. Derselbe Tatvorwurf eines Fehlverhaltens im öffentlichen Amt wird gegenwärtig gegen den Labour-Politiker Peter Mandelson erhoben, der noch weitaus intimer mit Epstein Umgang hatte und der während seiner Amtszeit als britischer Minister auch interne Kenntnisse per Textnachricht an diesen übermittelte. Sollte das Verfahren gegen Mandelson in eine Anklage münden und mit einer Verurteilung enden, wäre womöglich die Position von Premierminister Keir Starmer in Gefahr, der vor einem Jahr Mandelson mit dem Amt des britischen Botschafters in Washington ausstattete und ihn dieses Amtes neun Monate später wieder enthob, nachdem die Dauer und Intensität dieser Freundschaft offenbar geworden war. König Charles III. bemüht sich unterdessen, mit knappen, aber klaren Worten das Schicksal der Monarchie von den Verfehlungen seines Bruders abzutrennen. Schon im vergangenen Oktober, nachdem die ersten veröffentlichten Epstein-Akten belegten, dass Andrew die Freundschaft zu dem Amerikaner länger hielt als zuvor zugegeben, hatte der König ihn aller Titel und Ehren entkleidet. Nun ließ der König wissen, er sei einerseits „zutiefst besorgt“ über die vorübergehende Festnahme Andrews, habe andererseits aber Vertrauen in den „vollen, fairen und ordnungsgemäßen Ablauf“ des polizeilichen Untersuchungsverfahrens, welches das Königshaus im Übrigen „aus ganzem Herzen“ unterstütze. Charles bittet ferner um Verständnis, dass er sich zum laufenden Verfahren nicht weiter äußern wolle, und beteuert gegenüber seinen Untertanen: „Unterdessen werden meine Familie und ich in unseren Pflichten und unserem Dienst gegenüber Ihnen allen fortfahren.“ Der Monarch hätte die Distanzierung von seinem jüngeren Bruder kaum deutlicher formulieren können. Der Präzedenzfall des Jahres 1477 ging allerdings für George, den jüngeren Bruder Edwards IV., noch schlimmer aus. Er wurde nach seiner Verurteilung wegen Hochverrats in einem Weinfass ertränkt.
