Die Vorwürfe der Vetternwirtschaft führen zu wachsender Unruhe in der AfD. Im Mittelpunkt der Affäre steht der Landesverband in Sachsen-Anhalt, in dem etliche Verwandte von führenden Parteifunktionären über Kreuz Mitarbeiterstellen bei innerparteilich Verbündeten bekommen haben. Die Vorwürfe betreffen auch den AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im September, Ulrich Siegmund, dessen Vater ein hohes Gehalt als Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten aus dem Landesverband bezogen haben soll. Die sachsen-anhaltische AfD gibt zu den Beschäftigungsverhältnissen seit Tagen keine Auskunft und verweist auf den Datenschutz. Dieser Umgang mit der Affäre stößt innerparteilich auf zunehmendes Unverständnis. „Die Vorgänge sind ein Schlag ins Gesicht für alle Mitglieder, die an der Basis harte Arbeit für unsere Partei leisten“, schreibt der AfD-Politiker Hannes Loth auf der Plattform X. Loth ist der einzige hauptamtliche Bürgermeister der Partei in Sachsen-Anhalt. „Wo ist eigentlich der Landesvorsitzende?“, fragte Loth zudem mit Blick auf den sachsen-anhaltischen AfD-Vorsitzenden Martin Reichardt, dem im Landesverband fehlende Kommunikation nach außen wie nach innen vorgeworfen wird. Reichardt sieht sich zudem inzwischen selbst dem Vorwurf der Vetternwirtschaft ausgesetzt, da zwei seiner Familienmitglieder nach einem Bericht von NDR und WDR im Bundestagsbüro seines Fraktionskollegen Jan Wenzel Schmidt beschäftigt waren. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Gottschalk will vermitteln Schmidt und Reichardt galten lange Zeit als enge Verbündete und gehörten beide der sogenannten Pokerrunde an, aus der heraus die Geschicke der sachsen-anhaltischen AfD über mehrere Jahre gelenkt wurden. Vor rund einem Jahr kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Schmidt und anderen Anführern der Gruppe. Gegen Schmidt läuft inzwischen ein Parteiausschlussverfahren, gegen das er sich vehement zur Wehr setzt, auch unter Rückgriff auf Parteiinterna wie die zahlreichen Über-Kreuz-Beschäftigungen. Ein knappes Dutzend Parteimitglieder fordert den AfD-Bundesvorstand nun in einem Schreiben dazu auf, die Vorgänge „unabhängig zu prüfen und strukturiert aufzuklären“. Die größte Gefahr für die AfD seien derzeit nicht ihre Gegner, „sondern hausgemachte Skandale, Machtkämpfe und öffentlich ausgetragene Vorwürfe“, heißt es in dem Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt. Für die Eskalation wird der Landtagsabgeordnete Tobias Rausch verantwortlich gemacht, von dem mindestens fünf Familienangehörige beruflich mit der AfD verbunden waren oder sind. Rausch versuche, „Kritiker mundtot“ zu machen, heißt es in dem Brief der Mitglieder. Dem AfD-Landesvorsitzenden Reichardt werfen die Verfasser des Briefes wiederum vor, „nicht ordnend eingeschritten“ zu sein. Die Unterzeichner des Briefes stammen aus der Harz-Region und werden innerparteilich dem Umfeld von Jan Wenzel Schmidt zugerechnet. Nach Informationen der F.A.Z. will der stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Kay Gottschalk in der übernächsten Woche in Sachsen-Anhalt über die Vorgänge beraten und vermitteln. In Kreisen der Landes-AfD wird Gottschalk jedoch nicht als neutral, sondern als Jan Wenzel Schmidt nahestehend wahrgenommen. Ein Sprecher der Landes-AfD sagte, der Umgang mit der Affäre obliege weiter dem dortigen Landesvorstand. Die jüngste Umfrage zur Landtagswahl am 6. September stammt vom Meinungsforschungsinstitut INSA, das die AfD Ende Januar bei 39 Prozent sah, deutlich vor der regierenden CDU (26 Prozent). Die Affäre rund um die mutmaßliche Vetternwirtschaft wird aber in der AfD als hochgefährlich für den eigenen Wahlkampf wahrgenommen.
