Die Musik von Johann Sebastian Bach bewegt bis heute die Gemüter und begeistert Freunde klassischer Musik. Aber kann sie auch die Weinqualität positiv beeinflussen? Zehn Monate lang hat im Keller des Hattenheimer Weinguts Georg Müller Stiftung ein außergewöhnliches Experiment stattgefunden: Ein 500-Liter-Edelstahlfass, gefüllt mit hochwertigem Riesling aus der Lage Hattenheimer Schützenhaus, wurde rund um die Uhr mit den Klängen von Johann Sebastian Bach beschallt. Ausgewählt hatte der Mainzer Wissenschaftler Peter Kiefer eine im Jahr 1741 von Bach veröffentlichte Komposition für Cembalo, die als „Goldberg-Variationen“ in die Musikgeschichte eingegangen sind. Kiefer, der an der Uni Mainz die Wechselwirkungen von Klängen erforscht, fand für den Test das Bach-Stück wegen seiner intensiven Schwingungen prädestiniert. Die Schallwellen der 40 Minuten langen Variationen wurden Tag und Nacht über eine ausgeklügelte Technik in das Stahlfass geleitet, ohne dass der Wein unmittelbar damit in Berührung kam. Ein zweites Fass, gefüllt mit dem identischen Riesling aus der gleichen Erntepartie, blieb von Bachs Musik gänzlich unbehelligt. Würden Laien und Kenner nach dem vollendeten Ausbau der Weine im Keller und der Füllung in Flaschen einen Unterschied schmecken? Erstaunlich große Geschmacksunterschiede Im Weingut wurde bei einer Blindverkostung jetzt die Probe aufs Exempel gemacht. Für die Interpretation der beiden durchgegorenen Tropfen wurde eigens der Kölner Weinjournalist Carsten Henn zugeschaltet, dem die Flaschen vorab zugesandt worden waren. Henn ließ bei der Verkostung keinen Zweifel am erstaunlich unterschiedlichen Geschmack der beiden Proben aufkommen – und entschied sich im Hinblick auf die Qualität für den von Bachs Komposition beeinflussten Wein als den Besseren. Dieser sei am Gaumen „purer“, frischer und präziser. Henn hatte den Bach-Wein zielsicher erkannt. Dass permanente Schwingungen über zehn Monate hinweg nicht ohne Wirkungen auf den Geschmack bleiben, hatte auch Weingutsbesitzer Winter erwartet. Schließlich könnten die Schwingungen im Tank die Hefeteilchen im Wein aufwirbeln. Nicht wenige Winzer nutzen die als Bâtonnage bekannte Technik des regelmäßigen Aufrührens der Hefe traditionell beim Weinausbau. Einen ähnlichen Effekt könnte auch die Musik von Bach bewirkt haben. Klangwein hat mehr Säure Der Kellermeister der Georg Müller Stiftung, Tim Lilienström, verriet allerdings, dass im Stahlfass mit dem „Klangwein“ der biologische Säureabbau aus unbekannten Gründen vorzeitig ein Ende fand, im Kontrollfass aber nicht. Bei diesem Prozess in der Weinherstellung wandeln Bakterien die Apfelsäure im Most in mildere Milchsäure um. Im Ergebnis weist der Klangwein eine etwas höhere Säure auf, was ihn für Weinkritiker Henn leichter erkennbar machte. Ob Bachs Musik verantwortlich ist oder nicht, vermochte Lilienström nicht mit Sicherheit zu bestätigen. In der weinbaulichen Praxis kommt es immer wieder vor, dass sich ein und derselbe Wein in unterschiedlichen Fässern oder Tanks anders verhält. Für Kiefer allerdings liegt es bei zwei identischen Weinpartien auf der Hand, dass es Bachs Komposition war, die den Unterschied machte. Wissenschaftlich belegen lässt sich das aber nicht. Kiefer spricht auch deshalb von einem „poetischen, künstlerischen Projekt“. Das hinterließ bei der Präsentation im Hattenheim gleichwohl mehr Fragen, als es Antworten gab: Hatte Bachs Musik wirklich Einfluss auf die Gärung entfaltet? Und wie würde ein Wein wohl auf eine Dauerbeschallung mit Werken der Beatles, von ABBA oder Rammstein reagieren? Kiefer ist jedenfalls begeistert, dass überhaupt ein klarer Unterschied schmeckbar ist und dass der Klangwein somit jede Menge Gesprächs- und Diskussionsstoff bietet. Winter hat den Klangwein und sein „unmusikalisches“ Gegenstück mit einem Sonderetikett des Rheingauer Künstlers Michael Apitz ausstatten lassen und bietet 500 Pakete des Duetts an, damit sich Weinliebhaber und Bach-Freunde selbst ein Bild machen können, welche Wirkung Musik auf einen Wein entfalten kann.
