FAZ 16.01.2026
19:31 Uhr

Versteigerung bei Rogacki: West-Berlin wird verkauft und abgeschraubt


Der Feinkosthandel Rogacki galt lange als ständige Vertretung des westdeutschen Lebensgefühls in Berlin. Im Sommer folgte die Insolvenz. Jetzt wird das Inventar versteigert. Ein Abschiedsbesuch in Charlottenburg.

Versteigerung bei Rogacki: West-Berlin wird verkauft und abgeschraubt

Das fiese Winterwetter hilft auch nicht. Es taut, Rollsplitt, Matsch und hier und da Eis, ein bisschen lebensgefährlich bleibt es noch. In diesem trüben Licht sieht der rückwärtige Teil der Deutschen Oper dann einfach aus wie der Sarkophag von Tschernobyl, vom Feeling her ist hier eh 1986, wie man 1986 gesagt hätte, und an der Zillestraße ist West-Berlin noch West-Berlin, morgens, Mittwoch, 9 Uhr. In der Benachrichtigung hatte gestanden, die ersteigerte Ware sei am Nebeneingang über den Hinterhof abzuholen, Zillestraße 75, und dass dieser Hinterhof nur mit Transportern zu befahren sei. Gerade schlängelt sich ein Sprinter rückwärts durch die Einfahrt, unter einem Schild hindurch, auf dem, in geschwungener Schrift, der Name des Geschäfts steht, das jetzt ausgeräumt werden soll. Rogacki. „Eine Institution“, hat der Schauspieler Max Urlacher, geboren und aufgewachsen in West-Berlin, erst vor Kurzem in diesem Feuilleton geschrieben. „Ich kenne keinen Westberliner, der dort nicht zu Weihnachten oder Silvester Kartoffelsalat und Würstchen, roten Heringssalat oder Räucherfisch erstanden hat.“ Die Feinkosthandlung Rogacki hatte es seit 1928 gegeben, erst auf Märkten, dann hier an der Wilmersdorfer Straße. Insolvenz nach dem Tod des Eigentümers Im vergangenen Sommer, nachdem der Eigentümer Dietmar Rogacki (dritte Generation) bei einem Brand in seinem Haus ums Leben gekommen war, hatte das Unternehmen Insolvenz angemeldet, seit Ende November konnte man Inventar des Geschäfts online ersteigern – und dann am eisig-tauenden Mittwoch und am Donnerstag dieser Woche abholen. Schüsseln. Kittel mit Schriftzug. Preisschilder für Fische („Lebende“ Aale, Hechte), emaillierte Preisverzeichnisse in D-Mark für „Wiener lang“ (1.65), „Bratmöpse“ (2.85), „Selter“ (2.35), Kühlschränke, Waagen, Regale, Schilder wie das über der Einfahrt, das jetzt ein Mann in Barbourjacke abschraubt. Nur echt mit hartem „k“ Rogacki (nur echt, wenn hinten falsch ausgesprochen, also mit hartem „k“) war eine Filiale westdeutschen Lebensgefühls in Berlin, allerdings in der noch spezielleren West-Berliner Variante: ein D-Mark-Wohlstand, der durch die Komprimierung auf den eingemauerten Teil dieser Stadt an Luft verlor und kleinbürgerlicher wirkte, als er vielleicht war. Je nachdem wo man heute in diesem West-Berlin hingerät (oder welches Programm man im Radio oder Fernsehen einschaltet), will man dort immer noch nicht so richtig wahrhaben, zum Osten Deutschlands zu gehören. Das kann nerven. Gerade aber entdeckt die nächste Generation von Zugezogenen den Westen Berlins, seine Bars und Kneipen wie den „Diener“, „Rum Trader“ oder „Zwiebelfisch“, Läden, die Zugezogene der Generation davor gemieden hätten, weil’s so nach Rogacki schmeckte, nach Tennisplatz-Italiener, weil’s an die Leinen-Avantgarde von Peter Schneider erinnerte und die Golfhosen von Günter Pfitzmann. Die Identität hängt an Hilde und Hertha Die Identität des alten West-Berlins klammert sich heute meist an längst verstorbene Schauspielerinnen und Schauspieler wie Pfitzmann oder Hildegard Knef, an Institutionen (die Komödie am Kurfürstendamm, Hertha BSC) oder an Einzelhandelsmarken wie das Modegeschäft Mientus oder eben Rogacki (das Kaufhaus KaDeWe hat es geschafft, sich aus der Tradition zu lösen und ihr gleichzeitig treu zu bleiben). Für das insolvente Rogacki hat sich ein Nachfolger gefunden, der unter dem Namen die remouladigen Rezepte weiter anbieten will, der Laden an der Wilmersdorfer aber wird aufgegeben. Auf der Website des neuen Rogacki kann man die eigene Geschichte mit dem alten Rogacki hochladen (einmal dort gewesen, frühe Neunziger, Mittagstisch, Backfisch mit Remoulade, am Stehtisch gegessen, wie man das hier machte). War wohl eher was für Ältere Aber der leichte Fischgeruch hier im Treppenhaus und den Büros hinter den Kulissen ist keine Erinnerung. Schränke, Ordner, Kisten, Drucker, alle als Los markiert, nur der gerahmte Schnappschuss vom Schauspieler Wolfgang Völz mit Rogacki-Präsentkorb an der Wand hat keine Nummer. Klar dürfen Sie ein Foto machen, sagt der junge Mann von der Auktionsfirma und dass er das Geschäft nicht kannte, aber seine Eltern, sei wohl eher was für Ältere gewesen. Dann, draußen auf der Wilmersdorfer, ein letzter Blick in den großen Verkaufsraum, leere Kühltheken und Regale, jemand hat noch mal das Licht angeschaltet, auch das von den Displays der digitalen Waagen. In der Eingangstür links hat sich eine junge Obdachlose einquartiert, auf der Decke vor ihr liegt eine zusammengeknüllte Brötchentüte von Butter Lindner, noch so eine West-Berliner Institution. Ein kurzes, wehes Gefühl, dann geht es durchs Tauwetter zur U-Bahn, unter dem Arm zwei Pakete Briefumschläge, DIN A4, mit Schriftzug, Post aus West-Berlin, ein verschwindendes Land.