Deutschlands Unternehmen stöhnen über die Energiekosten. Gerade im Mittelstand sind die Belastungen hoch. Der Industriestrompreis bietet oftmals keine Lösung, weil viele Unternehmen davon nicht partizipieren können. Doch der durchschnittliche Strompreis kann zu einer falschen Einschätzung führen. Darauf weist das auf das Energiemanagement von Unternehmen spezialisierte Start-up Ecoplanet in seinem aktuellen Industriebericht hin, der der F.A.Z. exklusiv vorliegt. Demnach können zwischen zwei Unternehmen mit identischem Stromverbrauch strukturelle Kostenunterschiede von über zehn Prozent vorliegen. Der Grund liegt in den unterschiedlichen Strompreisen im Tagesverlauf. Durch die Energiewende und der damit verbundenen Einspeisung erneuerbarer Energien ist der Strom mittags immer günstiger, aber morgens und abends teurer. Nach Angaben von Ecoplanet-Geschäftsführer und -Gründer Henry Keppler zahlt ein Unternehmen zum Basispreis einen Aufschlag von bis zu 9,8 Prozent, wenn es in den teuren Stunden produziert. Bei einem Maschinenbauer mit einem Stromverbrauch von 20 Gigawattstunden im Jahr führe das zu zusätzlichen Kosten von 140.000 Euro im Jahr. Cromme sieht ein Preisstrukturproblem Der Industriebericht von Ecoplanet basiert auf der Auswertung des Stromverbrauchs von mehr als 350 Industrieunternehmen aus elf Branchen. „Wer Energie mit derselben Systematik behandelt wie seine Produktion, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil, den der Markt derzeit nur wenigen zugesteht“, sagt Gerhard Cromme, Vorsitzender des Ecoplanet-Industriebeirats. Der frühere Thyssenkrupp-Chef und ehemalige Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende ist an dem Start-up beteiligt. Für Cromme ist aus einem Preisniveauproblem ein Preisstrukturproblem geworden. Die Software von Ecoplanet dient dem integrierten Energiemanagement, worunter Verbrauchssteuerung, intelligente Beschaffung und Regulatorik zu verstehen sind. Optimiert wird die Software durch Künstliche Intelligenz (KI). Fast 200 Unternehmen zählt das 2022 gegründete Start-up mit Sitz in München als Kunden. Zu diesen gehören der Kunststoffverarbeiter Durotherm, die Edelstahlgießerei Schmees, der Autozulieferer Ferdinand Bilstein, der Pflegeanbieter Alloheim Senioren-Residenzen oder die Kfz-Werkstattkette ATU. Zwar sinkt der Basispreis für Strom nach Angaben von Ecoplanet bis 2036 in den Terminkurven deutlich, doch gleichzeitig steigt der Aufschlag auf bis zu 12,2 Prozent. Denn Wind und Sonne zögen die Preise zwischen den Stunden immer weiter auseinander. „Absichern lässt sich das nicht, nur über das eigene Profil reduzieren“, sagt Keppler. Hinzu kämen die Netzentgelte, bei denen der Preis an der höchsten Lastspitze hänge. Das bedeutet: Eine einzige Viertelstunde kann über 80 Prozent der Kosten für Netzentgelte entscheiden. Lastverschiebung sind Grenzen gesetzt Nach Angaben von Keppler belastet dies vor allem Branchen mit kurzen, hohen Spitzen. Als Beispiele nennt er Maschinenbau oder Holzwaren, die fast 30 Prozent mehr Netzentgelt je Kilowattstunde zahlen als gleichmäßig laufende Betriebe der Chemie oder der Kunststoffverarbeitung. Als möglichen Lösungsansatz führt Ecoplanet im Industriebericht eine Lastverschiebung an, also eine höhere Produktion in Tagesphasen mit günstigen Strompreisen. Das setzt aber eine Analyse des Stromverbrauchs voraus, was häufig noch über Excel-Dateien erfolgt, die nicht die nötigen Erkenntnisse liefern. Zudem sind der zeitlichen Verschiebung der Produktion rechtliche Grenzen gesetzt. Doch liefert eine genaue Kenntnis des eigenen Verbrauchsprofils den Unternehmen gute Voraussetzungen, die Energiekosten über andere Instrumente zu optimieren: langfristige Stromlieferverträge mit Wind- oder Solarparks zu einem festen Preis oder Batterien als Stromspeicher. Batterien mit kurzer Amortisation Bei den langfristigen Verträgen für grünen Strom sei weniger der Preis als die richtige Menge entscheidend. Winddirektverträge können nach Angaben von Ecoplanet 39 Prozent des Verbrauchs sinnvoll decken, Solarstrom dagegen nur vier bis 26 Prozent. Eine Alternative wäre die Photovoltaikanlage auf dem Werksdach. Doch die Amortisationszeit dafür steige aufgrund des geringen Werts von Solarstrom im Markt. Wichtigste Optimierungsgröße ist nach Ansicht von Ecoplanet ein hoher Eigenverbrauchsanteil, weil hier zusätzlich Steuern und Netzentgelte eingespart werden könnten. Ein attraktives Investment sind für die Energiemanager Batterien als Speicher hinter dem Netzanschluss. Die Anschaffungskosten amortisierten sich in jeder Branche in weniger als fünf Jahren. Am schnellsten geht es in der Metallerzeugung mit 2,6 Jahren. Der Strompreis ist für Ecoplanet-Geschäftsführer Keppler nur ein Mittelwert. „Was ein Betrieb wirklich zahlt, entscheidet sein Lastprofil – und dieser Effekt wird mit jedem zusätzlichen Windrad und jeder Solaranlage größer.“ Genau hier habe die Industrie ihre Kosten selbst in der Hand. Cromme hält es für wichtig, dass die Unternehmen ihre eigenen Daten kennen, Transparenz schaffen und dann Verbesserungen strukturell und nicht punktuell verankern.
