FAZ 08.12.2025
16:41 Uhr

Verstappen im Nachteil?: Der Wert von Norris' Titel


McLaren mag den schnellsten Boliden haben. Lando Norris’ Leistung schmälert das nicht. Denn er fuhr einsamer, als es aussah.

Verstappen im Nachteil?: Der Wert von Norris' Titel

Max Verstappen wäre in diesem Jahr schneller Champion geworden – im McLaren. Das hat der viermalige Formel-1-Weltmeister von sich behauptet, gut eineinhalb Wochen bevor ihn Lando Norris am Sonntag in Abu Dhabi als Weltmeister ablöste. Der Engländer fand die Behauptung nicht lustig, sprach vom üblichen Verhaltensmuster bei Red Bull. Aber Verstappen konterte die Replik mit Hinweis auf die Durchschnittsgeschwindigkeit des McLaren bis zum 23. Grand Prix: etwa 0,2 Sekunden im Schnitt schneller im Qualifying als der Red Bull, rund 0,3 Sekunden fixer pro Runde in den Rennen. Es besteht kein Zweifel an der besonderen Qualität von Norris’ Dienstwagen in dieser Saison. Und auch nicht an der generellen Würdigung Verstappens: Er ist der Beste seiner Generation. Ginge es nur nach Siegen, wäre der Niederländer die Nummer eins 2025. Mit dem achten ersten Platz am Sonntag überholte er Norris (sieben). Ist der neue Champion also vor allem ein Kind glücklicher Umstände? Nein. Im Gegenteil. McLaren hätte dem 26 Jahre alten Piloten aus Bristol das Leben auf dem Weg zu seinem ersten Titel leichter machen können. Im Fahrerlager schüttelten erfahrene Pragmatiker den Kopf, forderten, was im Fahrgeschäft üblich ist: auf den Piloten zu setzen, der die besten Aussichten hat, den Titel zu gewinnen, sobald Siegertypen wie Verstappen auf der Jagd beschleunigen. Beinahe hätten sie recht behalten. Von den 104 Punkten Rückstand Verstappens Ende August blieben bis ins Ziel am Sonntag nur zwei stehen. Bei Red Bull dreht sich alles um Verstappen Warum diese phantastische Leistung für das Phänomen Verstappen, aber nicht gegen Norris spricht? Weil nicht der Engländer damals so weit in Führung lag, sondern sein Teamkollege Oscar Piastri. Und weil McLaren, im Gegensatz zu Red Bull, schlicht nicht wissen konnte, wer das beste Pferd im Stall ist. Beide noch ohne ­Titel, beide schwankend. Die sowohl Norris wie Piastri von Anfang der Saison laut Rennstall gewährte Chancengleichheit erhebt die Teamführung von McLaren, Andrea Stella und Zak Brown, nicht gleich zur moralischen Instanz des Fahrerlagers. Es ist klug, es dient dem Team, vor einer Beförderung zum Chefpiloten zunächst zu schauen, wer denn das Zeug dazu bietet. Aber die so schwierige und anstrengende Balance der Interessen zweier zu Egomanen erzogener Fahrer im Wettrennen um den Titel ist in der Formel 1 dennoch so ungewöhnlich wie ehrenwert. Diese vor allem von Stella, einst bei Ferrari an der Seite von Michael Schumacher, gepredigte, gegen teils hämische Kritik durchgezogene Haltung erhöht den Wert von Norris’ WM-Titel. Es ist zwar richtig, dass Verstappen sich einsam vorkam, so ohne Unterstützung des hinterherfahrenden Teamkollegen. Aber bei Red Bull drehen sich alle und dreht sich alles um den famosen Steuermann. Jeden Wunsch liest man ihm von den Lippen ab. Nicht zuletzt wird der Rennwagen – was sonst? – auf seine Vorlieben abgestimmt. Wie wichtig es selbst für Rekordpiloten sein kann, sich im Mittelpunkt zu fühlen, lässt sich am Drama der Saison erkennen: am Absturz des Superstars Lewis Hamilton im Ferrari. Norris, auch Piastri, kreisten einsamer, als es aussah. Die Reaktion des Australiers am Sonntag auf seine Niederlage spricht für eine Übereinstimmung von äußerem Bild und innerem Klima – für den Triumph der Fairness.