FAZ 28.12.2025
16:12 Uhr

Veröffentlichte-Akten: Willkommen bei Trumps Epstein-Show


Die Regierung Trump macht aus der Veröffentlichung der Epstein-Akten eine Show der Desinformation. Das Motto von Steve Bannon, alles mit Mist zuzuschütten, damit niemand die Wahrheit erkennt, gilt immer noch. Ob das wieder verfängt?

Veröffentlichte-Akten: Willkommen bei Trumps Epstein-Show

Die Tranche der Akten über den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, die es kurz vor Weihnachten veröffentlichte, versah das US-Justizministerium mit einer denkwürdigen Vorwarnung. Die Akten, schrieb das Ministerium auf der Plattform X, enthielten „unwahre und aufgebauschte Behauptungen über Präsident Trump“. Dass eine Behörde, die im Dienst des amerikanischen Volkes und der Opfer von Kriminalität steht, den Präsidenten pauschal in Schutz nimmt, sei unlauter, befand der Sender MS Now (früher MSNBC) mit beinahe rührendem Ernst. Dass die Akten tatsächlich dazu führen, Epsteins Netzwerk offenzulegen, darf man längst nicht mehr annehmen. Die Regierung Trump pervertiert die Aufklärung. Sie veranstaltet schon seit Monaten ein Schauspiel, das der Vernebelung dient. Die Antwort auf die Frage zu finden, was Jeffrey Epsteins unternahm, wer seine Mittäter waren, was diese taten, wen Epstein erpressbar machte und schließlich, welche Rolle Donald Trump bei alldem spielte, ist durch die erratische Veröffentlichung der Akten nicht leichter geworden. „Dass hier irgend etwas versteckt werden soll“ Nicht nur der „New York Times“ kommt die Posse seltsam vor. Da die Regierung „derart entschlossen gegen volle Transparenz kämpft, muss man den Eindruck gewinnen, dass hier irgendetwas versteckt werden soll“, sagt der Reporter David Enrich im „Times“-Podcast „The Daily“. Hätten Trumps Leute die Akten schlicht veröffentlicht, wie zu Jahresbeginn angekündigt, „würden wir längst nicht mehr darüber reden.“ Stattdessen muss die Öffentlichkeit immer neue Verrenkungen der Regierung Trump erdulden, die einen klaren Einblick in die Ermittlungen gegen Epstein und zu den Mitteln verhindern, derer sich Epstein bediente, um sehr junge Frauen reichen und einflussreichen Männern für sexuelle Handlungen zugänglich zu machen. Dabei war Epstein, der 2008 eine unerklärlich milde Haftstrafe von 18 Monaten wegen des sexuellen Missbrauchs einer Vierzehnjährigen verbüßte, im Sommer 2019 erneut verhaftet und wenige Wochen später erhängt in seiner Zelle gefunden wurde, das Symbol des vermeintlich verrotteten Establishments, dem Trumps MAGA-Bewegung den Kampf ansagte. Trumps Ansehen bei seinen Anhängern beruht auch auf dem Versprechen, er werde die „korrupte Eliten“ der Demokraten entlarven, die ihren Einfluss dazu nutzten, übelste Schandtaten zu verbergen. Zwei der eifrigsten Verbreiter dieser Botschaft, der Anwalt Kash Patel und der Podcaster Dan Bongino, setzte Trump an die Spitze der Bundespolizei FBI. Und was machen sie dort? Sie beteiligen sich an einer großen, absurden Show. Zuerst sagte die Justizministerin Pam Bondi, eine „Kundenliste“ Epsteins liege auf ihrem Schreibtisch. Dann schickte sie rechten Influencern Ordner mit dem Aufdruck „The Epstein Files: Phase 1“. Was war drin? Nichts, was nicht längst bekannt gewesen wäre. Im Juli verkündeten Patel und Bongino plötzlich, es gebe keine „Kundenliste“. Epstein sei durch Suizid gestorben, die Ermittlungen seien „abgeschlossen“. Angebliches Video-Rohmaterial, aufgenommen vor Epsteins Zelle in der Nacht seines Todes, das die Suizid-These stützen sollte, entpuppte sich als bearbeitet. „Offenbar hastig zensiert“ Das ließen die MAGA-Bewegten der Regierung dann doch nicht durchgehen. Eine parteiübergreifende Initiative im Kongress zwang die Regierung Trump, die Akten bis zum 19. Dezember herauszugeben. Zu sehen bekommt die Öffentlichkeit bisher nur einen Teil – darunter 16 Dateien, die von der Webseite des Justizministeriums verschwanden und erst nach wütenden Protesten von Politikern und Journalisten wieder auftauchten. Die seitenweise geschwärzten Dokumente kann man mit wenigen Handgriffen wieder lesbar machen. Sie seien „offenbar hastig zensiert“ worden, meint die „New York Times“. Derweil sagte der stellvertretende Justizminister Todd Blanche, dessen Besuch bei Epsteins Mittäterin Ghislaine Maxwell im Gefängnis im Juli dazu geführt hatte, dass sie in eine andere Strafanstalt mit erleichterten Haftbedingungen verlegt wurde, allen Ernstes: „Noch nie in der amerikanischen Geschichte hat sich ein Präsident oder das Justizministerium in einer wichtigen Strafverfolgungssache so transparent gegenüber dem amerikanischen Volk gezeigt.“ In den sozialen Medien triefen die Kommentare nur so vor Sarkasmus. Ein X-Nutzer postet ein Foto von einem Mann, der mit Tipp-Ex einen Computerbildschirm bearbeitet – Überschrift: „Unkenntlichmachung der Epstein-Akten“. „Wired“ titelt: „Das Justizministerium veröffentlicht weitere Akten – aber nicht die, die die Opfer sehen wollen“. Owen Shroyer, ehemaliger Ko-Moderator der Onlineshow „Infowars“ des ultrarechten Verschwörungstheoretikers Alex Jones, spricht vom „Weihnachtsdesaster der Epstein-Akten“. Führende MAG-Influencer, die im Juli Pam Bondis Kopf gefordert und fast eine Revolte gegen Trump gestartet hatten, bleiben dagegen still. Auf dem Jahrestreffen der Organisation „Turning Point USA“, dem ersten nach dem Mord an deren Gründer Charlie Kirk im September, zeigten sich viele Teilnehmer desinteressiert, berichtet „Vanity Fair“. Der konservative Kommentator Eric Bolling stellt fest, das MAGA-Lager sei „ermüdet“. Die MAGA-Abtrünnige Marjorie Taylor Greene meint: „Die Leute sind stocksauer und wenden sich ab.“ Das könnte darauf hindeuten, dass die Taktik der Regierung Trump aufgeht – solange verzögern und vernebeln, bis niemand mehr wissen will, was wirklich geschah. Das entspricht dem Vorgehen, das Trumps frühere Berater Steve Bannon zum Mantra erhob: „Flood the Zone with Shit“ – überflute alles mit Mist. „Schweißausbrüche bei den Demokraten“? Vermeintliche „Transparenz“ gibt es bislang nur mit Blick auf Trumps politische Gegner. Veröffentlicht wurden Bilder mit Bill Clinton im Pool an der Seite von Ghislaine Maxwell und einer Frau, deren Gesicht unkenntlich gemacht wurde. Die politische Rechte stürzt sich brav auf den hingeworfenen Brocken. „Freue mich schon darauf, dass die Medien aufgeregt über Bill Clinton nackt im Pool mit Epstein & Ghislaine Maxwell diskutieren“, schreibt die Aktivistin Laura Loomer, „aber natürlich werden sie das gar nicht zeigen. Sie wollen ja nur ,Trump kriegen‘“. Die konservative Kommentar-Webseite „PJ Media“ imaginiert „Schweißausbrüche bei den Demokraten“, weil Bill Clinton und nicht Donald Trump in den Dateien aufgetaucht sei. „Die Dateien enthüllen wenig und wühlen viel auf“, erkennt die „New York Times“. Während man auf der Linken in den hunderttausenden Dokumenten nach Trump belastenden Bildern und Informationen wühlt, feixt man auf der Rechten über Fotos berühmter Persönlichkeiten, die den Demokraten nahestehen. Kontext fehlt oft, und in den sozialen Medien häufen sich gefälschte Dokumente und Fotos. Etwa eine Million Seiten harren der Veröffentlichung. Das Justizministerium sagt, man werde Wochen brauchen, um die Akten auf sensible Angaben über Opfer und zu laufenden Ermittlungen zu überprüfen. Die Opfer, die Epsteins Mittäter und Geldgeber zur Verantwortung ziehen wollen, sehen sich verraten und verkauft. Mehrere von ihnen mussten beim Blick auf die veröffentlichten Dateien mit Entsetzen feststellen, dass sie erkennbar sind. Sie werden abermals Opfer.