Als Johannes Golla neulich mit der SG Flensburg-Handewitt nach Turda reiste, war da nicht nur der 15-Stunden-Trip über die Flughäfen Hamburg, Warschau und Cluj, ehe der Nationalmannschaftskapitän per Bus Siebenbürgen erreichte. Es blieb dem 28-Jährigen wenig Vorbereitungszeit auf diese Auswärtspartie der European League in Rumänien, weil die SG ihr fernes Ziel erst spät am Spieltag erreichte. Und dann traf sie auch noch auf einen ungewohnt harten Boden. Zwar klebte auf dem Hallenuntergrund der gewohnte hellblaue Gerflor-Belag aus PVC. Den schreibt der Europäische Handballverband (EHF) vor. Doch da drunter lag nicht viel. Ist das ein Verletzungsrisiko? „Hart oder weich ist nicht so entscheidend“ Damit konfrontiert, sagt Gollas Nationalmannschaftskollege Matthes Langhoff: „Hart oder weich ist für mich nicht so entscheidend. Wenn man auf einen harten Boden fällt, tut es etwas mehr weh, aber von einem weichen Boden kommt man beim Springen nicht so gut weg. Wichtiger ist, dass der Boden sauber ist – ich erinnere mich an Jugendspiele, bei denen wir geschlittert sind, weil er staubig war oder festklebten, weil noch Harz drauf war.“ Mehrfach im Spiel tunken die Profis ihre Finger in den Harz-Pott, um den Ball besser greifen zu können. Weder Rutschen noch „Festkleben“ ist für Rückraumspieler wie Langhoff mit zig Drehbewegungen und Richtungswechseln gewünscht. Alle Rückraumspieler kennen Knieschmerzen. Ob Böden eine Rolle bei solchen und anderen Verletzungen spielen, wurde zuletzt in Melsungen diskutiert, wo die Bodenbeschaffenheit der alten Trainingshalle in Verdacht geriet, ihren Anteil an der Verletzungsflut zu haben. Anruf bei Dr. Patrick Luig. Der Bundestrainer Bildung und Wissenschaft des Deutschen Handballbundes kommt schnell zum Punkt. Die wissenschaftliche Studienlage zu Hallenböden ist überschaubar – Luig kennt sie und ordnet sie ein. Zunächst verweist der 43-Jährige, der selbst zu diesem Thema geforscht hat, auf den strukturellen Fortschritt: „In den siebziger Jahren traf man noch auf grün übermalte Betonböden. Das ist lange vorbei. Inzwischen sind alle verlegten Böden in der ersten und zweiten Bundesliga gleich – zumindest von der Oberfläche her.“ Sofort denkt man an Joachim Deckarm: Der seinerzeit beste deutsche Spieler schlug am 31. März 1979 so hart mit dem Kopf auf den dünnen Boden Tatabanyas, dass er ins Koma fiel. Bis heute leidet er unter den Folgen. Die neuen Beläge des Troisdorfer Herstellers Gerflor sind viel weicher. Moderne Glasunterböden bergen Nachteile Mitentscheidend ist dabei der Unterbau: „Wenn man direkt auf Betonböden aufbaut, ist der Boden härter. Dann ist der Kraftabbau geringer, das bedeutet, die Dämpfung schlechter. Bei jeder Landung, bei jedem Richtungswechsel wirken so mehr Kräfte auf den Körper. Das merkt man nach dem Spiel, wenn man es nicht gewöhnt ist“, erklärt Luig. Auch moderne Glasunterböden bergen Nachteile: Sie sind ebenfalls hart und schwingen vergleichsweise wenig. Luig warnt vor der einfachen Ursache-Wirkungs-Zuschreibung. Aus der Härte eines Bodens lasse sich kein unmittelbares „mehr“ oder „weniger“ an Verletzungsrisiko ableiten: „Langfristig kann die Bodenbeschaffenheit eine Rolle spielen – etwa bei tausendfach wiederholten Sprüngen, Landungen und Richtungswechseln auf wenig schwingenden Untergründen. Gleichzeitig ist der menschliche Bewegungsapparat anpassungsfähig. Muskeln, Sehnen und Bänder können sich an die Belastungen ,gewöhnen’“. Die meisten Spieler schätzen wie Matthes Langhoff einen stumpfen Boden, weil dann bei Antritten und Richtungswechseln die Kraft direkter übertragen wird, sie weniger rutschen. Zu stumpf sei aber auch nicht gut, sagt Luig, weil dann der Schuh auf dem Boden „verblocken“ kann, wodurch die Gefahr für ein Umknicken oder Verdrehen steigt. Besonders problematisch findet er Werbeaufkleber in der intensiv bespielten Zone bei neun Metern. Gerade von den großen Turnieren der EHF und IHF kennt man die Bilder der dort ausrutschenden Spieler. Luig hat die Veranstalter schon mehrfach auf die Gefahr hingewiesen und vorgeschlagen, die Werbung näher zur Spielfeldmitte aufzukleben, wo weniger los ist. Vorgaben der HBL für Trainingshallen denkbar Der eigentlich relevante und beeinflussbare Punkt sei aber die Reinigung. Luig sagt: „Nicht der Boden an sich und auch nicht das Harz sind das Problem. Kritisch wird es, wenn Böden über längere Zeit nicht konsequent gereinigt werden.“ In Eventhallen wie Hamburg, Berlin oder Mannheim wird der Boden vor jedem Heimspiel verlegt oder verklebt. Es macht einen großen Unterschied, ob die Böden vor der Lagerung jedes Mal sofort nach Spielende zur Säuberung von Harz und Dreck abgefahren, oder nur ungesäubert „geparkt“ werden. Das ist eine Kostenfrage. Eine Rolle spielen auch die Trainingshallen. Dort verbringen die Profis mehr Zeit als bei Punktspielen. Hier herrscht eine Mixtur aus vereinseigenen Hallen wie in Kiel, Schulsporthallen wie in Flensburg oder der Möglichkeit, in der Arena zu trainieren wie in Magdeburg vor. Aus Luigs Sicht wären Vorgaben der HBL für Trainingshallen denkbar – mit dem Ziel, die Bedingungen der Spieler zu verbessern und wiederkehrende Diskussionen wie jüngst in Melsungen zu verhindern.
