Herr Vogel, was haben Sie am 9. Oktober gedacht, als Sie die Nachricht vom Nobelpreis hörten? Ich habe sofort an László Krasznahorkai gedacht. Er ist ja ein stiller Mensch, der sich gerne zurückzieht und nicht im Mittelpunkt stehen will. Mir war klar, jedem wird klar gewesen sein: Damit ist jetzt erst mal Schluss. Man ist, wenn man den Nobelpreis bekommt, von jetzt auf gleich der wichtigste Autor der Welt. Für jemanden wie ihn, der gerne nachdenkt, bevor er redet, dürfte das, bei aller Freude, auch ein Schreckmoment sein. Wo waren Sie damals gerade? Ich saß in meinem Büro an der Berliner Rosenstraße. Wir hatten alle die Seite mit der Liveübertragung aus Stockholm geöffnet. Dort ging dann die große, alte Holztür auf, als mein Bildschirm schwarz wurde. Und während ich mich erst gewundert habe und dann versuchte, das Bild wiederzufinden, brach im Nebenraum der Jubel los. Hatten Sie eine Ahnung? Wir hatten mit nichts gerechnet. Das tut man vernünftigerweise nicht beim Nobelpreis. Aber heimlich gehofft hatten wir natürlich schon. László Krasznahorkai stand ja schon lange auf der Liste. Schön war dann, wie viele Menschen sich mit uns gefreut haben. Das konnte ich den plötzlich einprasselnden Mails entnehmen. Gefreut haben sie sich, denke ich, nicht nur für den Autor und seinen Verlag, sondern auch über eine sehr gute Entscheidung, die eine für die Literatur ist. Solche Momente erlebt man nicht oft. Was hat man als Verleger in solchen Momenten zu tun? Ich habe als erstes László angerufen und ihm gratuliert. Es hatte ihm, diesem Menschen der Sprache, tatsächlich ein bisschen die Sprache verschlagen. Das war ein sehr schöner, irgendwie auch stiller Augenblick. Er war übrigens gerade zufällig bei seinem Lektor, Hans Jürgen Balmes. Mit ihm die Freude, den Schreck und das Staunen zu teilen, war sicher eine Hilfe. Das Eigenartige ist ja, dass es im selben Moment der Höhepunkt der schriftstellerischen Karriere ist und trotzdem nicht so ganz passt. Schriftsteller schreiben, weil sie sich schriftlich besser ausdrücken. Weil sie, wenn sie schreiben, öffentlich sein können, ohne in der Öffentlichkeit stehen zu müssen. Der Nobelpreis sorgt für ein Rampenlicht, das die größte Freude einfängt und Autoren zugleich zu etwas zwingt, das viele von ihnen eher vermeiden. Und was bedeutet es für die Umgebung des Autors? Für einen Verlag ist das anders. Da ist die Freude ohne Einschränkung riesig. Kaum hatten wir aufgelegt, klingelte mein Telefon und hörte bis abends nicht auf. Ich habe den Rest des Tages Interviews gegeben. Und als ich so gegen 17 Uhr kurz mal aus meinem Zimmer rausgekommen bin, war schon alles passiert. Das Lager war überprüft, die Bücher umgestellt auf Taschenbuch und die Nachdrucke in die Wege geleitet, Bestellungen notiert, der Stand der Buchmesse umgeplant. Der glückliche Verlag hat funktioniert. Das ist übrigens die Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe: Alle sind Spezialisten auf ihrem Platz. Alle wissen, was zu tun ist. Das im Ernstfall so zu erleben, ist besonders schön. Ich bin stolz gewesen auf diesen Verlag, den ich leiten darf – und auf unseren Nobelpreisträger. Der Fischer-Verlag sitzt seit einiger Zeit in Frankfurt und Berlin. Da klappen auch solche Situationen? Julia Giordano, unsere Pressechefin, ist in Frankfurt, und ja, die Zusammenarbeit zwischen beiden Orten klappt reibungslos. Sie hatte das Glück, dass László gerade im Taunus war. Der neue Nobelpreisträger und sein Lektor konnten am Nachmittag also in den Verlag kommen, um die wichtigsten Dinge mit ihr und mit Ruth Kumpmann, die die Veranstaltungen organisiert, zu besprechen. Man braucht ja eine Weile, um zu verstehen, was da gerade passiert ist. Ich nehme an, das war für alle vier der Moment, in dem das real wurde. Beflügelt so ein Preis das ganze Unternehmen? Beflügeln ist das richtige Wort. Wenn man als Verlag über Jahrzehnte hinweg das Risiko eingeht, immer wieder Autoren zu veröffentlichen, die man für wichtig hält, deshalb aber nicht unbedingt auch für verkäuflich, und wenn das durch eine Anerkennung aufgeht, so wie in diesem Fall, dann glaubt man, der Institution seien gerade Flügel gewachsen. Das ist ein sehr schönes Gefühl, das so einen Verlag für Wochen in eine Art fliegenden Teppich verwandelt. Am 10. Dezember wird László Krasznahorkai der Preis in Stockholm überreicht. Wissen Sie, wie es ihm geht? Ich sitze, während ich Ihre Fragen beantworte, am Flughafen in Stockholm. Am Sonntag war ich bei László Krasznahorkais beeindruckender und auch witziger Nobelpreisrede im Börshuset in der Stockholmer Altstadt. Wir konnten nur kurz reden, aber er wirkte sehr gelassen und sehr bei sich. Natürlich müsste er das selbst beantworten, er wird es besser wissen als ich, aber ich denke, er freut sich über diese Anerkennung seines Lebenswerkes und, so hoffe ich, wird auch zugleich wissen, dass das die angemessene Auszeichnung ist für ihn. Ist jemand vom Verlag mit dabei? Bei der Preisverleihung wird sein Lektor Hans Jürgen Balmes dabei sein, der ihn seit bald dreißig Jahren betreut. Lászlós Verlage kommen aus der ganzen Welt. Schon bei der Rede waren die meisten da und auch seine Agentur. Eine schöne Gelegenheit für alle, sich zu sehen. Wir saßen danach zusammen, fast wie bei der Buchmesse, aber doch ganz anders. Der Frankfurter Hof, in dem viele der Abende in Frankfurt stattfinden, war hier das Stockholmer Grand Hôtel, und man saß nebeneinander nicht nur als Verleger und Lektoren und Teil der Literaturcommunity, sondern als die Krasznahorkai-Familie, die gerade groß beschenkt worden war. Es gab Fish and Chips und Gemüse mit Dip, und alle waren ganz beseelt. Krasznahorkai war am Tag der Bekanntgabe zufällig im Rhein-Main-Gebiet. Was passierte dann? Flucht des Autors in das Verlagsgebäude, gerade noch rechtzeitig vor dem Anmarsch der Presse? Sie liegen nicht ganz falsch: Die Hintertür kam László Krasznahorkai gerade recht. Für Paparazzi eignet er sich gar nicht. Hans Balmes weiß natürlich, wie man auf geheimen Wegen in den Verlag kommt. Und unsere Aufgabe besteht nicht darin, Autoren, die das nicht wollen, auf die Bühne zu schieben. Was für ein Mensch und Autor ist er? Wirklich begegnet sind wir uns erst, als ich Verleger von S. Fischer und auch für die internationale Literatur zuständig war. Er war eine meiner ersten Verabredungen in der neuen Position. László ist ein ernster Mensch, und ich hatte sofort das Gefühl: Er merkt alles. Man hat den Eindruck, er bemerkt und versteht jeden kleinen Schritt, den die Leute, die Politik, die Gesellschaft in einem großen Radius um ihn herum machen. Und bei aller Ernsthaftigkeit: Wer die Welt sieht, sieht auch, wie komisch sie ist. Man lacht viel mit ihm. Auf den ersten Blick ist er sehr höflich, und vor allem ist er ungeheuer freundlich. Dieser erste Blick bewahrheitet sich, auch wenn sich eine gewisse Strenge nicht abstreiten lässt. Woher sonst sollten solche Bücher auch kommen, wenn nicht aus der Strenge? Im direkten Umgang kann er die Strenge aber recht gut verbergen. Pünktlich zum Preis erscheint auf Deutsch ein neuer Roman, „Zsömle ist weg“. Er sollte im Frühjahr 2026 erscheinen. Das fertige Manuskript seiner großartigen Übersetzerin Heike Flemming lag aber schon vor und war lektoriert. Es sprach also nichts dagegen, die deutschsprachige Welt schon früher mit diesem neuen Helden Krasznahorkais zu konfrontieren, Onkel Józsi Kada, der vielleicht so eine Art neuer Bartleby ist: „I would prefer not to.“ Allerdings ist dieser Bartleby ein Thronfolger, der sich der Politik und der von ihm erwarteten Herrscherrolle verweigert. Er hat sich versteckt, wird aber von Monarchisten aufgespürt, die einen gewaltsamen Umsturz in Ungarn planen. Einer dieser aufrührerischen Monarchisten heißt übrigens László Krasznahorkai und ist ein reisender Musiker. Vielleicht ist Onkel Józsi die passende Figur für unsere Zeit, in der sich die Politik immer wieder und an den unmöglichsten Stellen dem offensichtlich Notwendigen verweigert. Zsömle, der im Titel weg ist, ist übrigens der Wachhund von Onkel Józsi. Dieses seltsame und sehr lustige Buch ist genauso radikal gedacht und geschrieben, wie man es von den früheren Büchern kennt. Radikal? Eine befreundete Buchhändlerin sagte neulich zu mir, dass sie nicht versteht, warum manche seine Romane als schwierig bezeichnen. Man werde doch sofort reingezogen in diese Welten, die er entwirft. Das empfinde ich auch so, und es liegt an dieser eigenartig genauen Sprache, die seinem immensen Wahrnehmungsvermögen für die Menschen und ihr Verhalten entspricht. Sie ahnen: Ich empfehle alle Romane von László Krasznahorkai. Eines wie das andere verändert den Blick, den wir auf die Welt haben. „Herscht 07769“, sein letzter Roman vor „Zsömle“, spielt in Thüringen und eignet sich daher vielleicht als Einstieg besonders gut. Da will einer, der Florian Herscht heißt, dass Angela Merkel endlich erfährt, was los ist in ihrem Land, wie sich die Neonazis immer weiter ausbreiten und immer stärker werden. Er schreibt ihr Briefe. Eine Antwort kommt nicht. Vielleicht hätte er nicht nur Angela Merkel schreiben sollen, sondern mehr Leuten. László Krasznahorkai tut das jedenfalls. Er schreibt uns allen. Zum Schluss eine Frage aus regionalem Eigennutz: Wird der Nobelpreisträger irgendwann auch in Frankfurt lesen? Ich hoffe es. Wir reden mit ihm über seine Lesungen, wenn er Stockholm geschafft hat.
