Als Torsten Bertram von Hessen Mobil auf der A 5 die Aufforderung „Rettungsgasse bilden“ sieht, ahnt er, dass er länger im Stau stehen könnte. Er will deshalb auf die parallel verlaufende A 67 wechseln. Doch auf der dorthin führenden Bundesstraße ist eine Kreuzung mit Ampel das nächste Hindernis. Also wählt er die Route durch Griesheim bei Darmstadt. „Eine längere Ampelphase hätte verhindert, den Weg durch die Stadt zu nehmen.“ Die am Mittwoch eröffnete Verkehrsmanagementzentrale Rhein-Main kann genau das: auf den Stau vor der Kreuzung reagieren und die Ampel so steuern, dass niemand verleitet wird, von der Bundesstraße abzufahren. Die beiden Mitarbeiter, die im House of Logistics and Mobility am Frankfurter Flughafen vor einer großen Videowand und mehreren Bildschirmen am Arbeitsplatz zu den Hauptverkehrszeiten montags bis freitags von 6 bis 20 Uhr Dienst haben, können auf Unfälle, Baustellen und andere Verkehrsbehinderungen reagieren. Das Bild der Verkehrslage speist sich aus den von Autos übermittelten Echtzeitdaten, Informationen über Baustellen und Verkehrsmeldungen. Das Maß dafür, wann ein Einschreiten empfohlen wird, ist die Reisezeit. Überschreitet sie einen Schwellenwert, bietet das System verschiedene Strategien an. Die Störung wird etwa an die Mobilithek des Bundes weitergeleitet, wo sie den Navigationsanbietern zur Verfügung stehen. Unter Umständen bekommen die Rundfunksender eine Routenempfehlung, und durch die Vernetzung mit der Lichtsignalanlagezentrale Hessen können Ampelschaltungen umgestellt werden. Später einmal sollen Verkehrshinweise auch auf LED-Schildern an Straßen und Kreuzungen zu lesen sein. Routenempfehlung mit Rücksicht auf lokale Besonderheiten Die einzelnen Strategien hat die Landesstraßenverwaltung Hessen Mobil vorher mit den Kommunen abgestimmt, von denen größere wie Frankfurt eigene Verkehrsleitzentralen haben. Denn während das Navigationsgerät einfach auf die nächste freie Straße lenkt, wurde hier berücksichtigt, welche Straßen für Umleitungen geeignet sind und ob zum Beispiel der Verkehr mitten durch einen Ort fließen würde. „Dort dauert es viel länger als auf der Autobahn, bis sich ein Stau wieder auflöst“, sagte der Leiter der Verkehrsmanagementzentrale, Jürgen Wilke. „Wir haben mit den Kommunen durchaus im Detail um Routen gestritten“, sagte Projektleiter Sebastian Oster über die Vorbereitung des operativen Betriebs. Die lokalen Erfahrungen der Strategiepartner beeinflussten die Handlungsempfehlungen des Systems. Deshalb sprach er ausdrücklich nicht von Künstlicher Intelligenz. „Die Strategien sind das Ergebnis von Kompromissbereitschaft, das kann keine KI.“ Die letzte Entscheidung träfen ohnehin die beiden Mitarbeiter. Die Verkehrsmanagementzentrale Rhein-Main ist für das sogenannte Basisnetz aus Bundes-, Landes- und Kreisstraßen zuständig. Die Vernetzung über Kreis- und Verwaltungsgrenzen hinweg ist ein Grundgedanke. Sieben Millionen Euro haben Strategieentwicklung und Verkehrstechnik gekostet. Bund und Land haben sich daran beteiligt. Für die Autobahnen gibt es eine eigene Verkehrszentrale, die inzwischen in Händen der Autobahn GmbH des Bundes liegt. Das Rhein-Main-Gebiet sei die Pilotregion, sagte der Präsident von Hessen Mobil, Heiko Durth. Die Erfahrungen könnten auch andernorts von Nutzen sein, etwa in Limburg mit der Feinstaubproblematik und in Wetzlar mit seinen Brücken. Die Verkehrsmanagementzentrale ersetze keine Investitionen, sagte der hessische Verkehrsminister Kaweh Mansoori (SPD). Aber sie helfe, die vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen. Langfristig sei der Ausbau zu einer intermodalen Zentrale für ganz Hessen geplant, die auch den öffentlichen Nahverkehr und sogar Radstrecken berücksichtige. „Es geht um die Perspektive der Anwender, die von A nach B kommen wollen.“
