Als ihre Mutter stirbt, erbt die weitgehend erfolglose Autorin Lowen (Dakota Johnson) nichts als Schulden. Das Angebot, die millionenschwere Buchreihe der berühmten Verity Crawford (Anne Hathaway) weiterzuschreiben, kommt da gerade recht. Um die Autorin und ihre Thriller besser zu verstehen, zieht Lowen in die abgelegene Villa, in der Verity seit einem Unfall in einer Art Wachkoma liegt. Bald jedoch beginnt Lowen zu zweifeln, ob Verity wirklich so krank ist, wie sie vorgibt. Während sie sich in den quasi schon hinterbliebenen Ehemann Jeremy (Josh Hartnett) verliebt, findet sie eine unveröffentlichte Autobiographie. Was Verity darin offenbart, stellt die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit infrage. Der Psychothriller „Verity: Dunkle Geheimnisse“ beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Colleen Hoover, einer der erfolgreichsten Autorinnen der USA. Dass sie der Mehrheit gleichwohl unbekannt sein dürfte, begründet sich durch das Internetphänomen „Booktok“: Ausgestattet mit einer Prise Psychothriller und jeder Menge expliziter Bettgeschichten, erreichen Hoovers Liebesromane insbesondere junge Leserinnen, die ihre Begeisterung millionenfach auf Tiktok teilen. Die digitalen Empfehlungen übersetzen sich in einen lukrativen Aufschwung für die Buchbranche. Längst versucht das Kino, die zahlungswillige Leserschaft für sich zu rekrutieren: „Verity“ ist einer von vier Romanen Hoovers, die innerhalb von drei Jahren verfilmt wurden. Das Problem ist: Während die Geschichte als romantischer Thriller für junge Frauen gilt, wimmelt es in „Verity“ nur so von reaktionären Stereotypen, die Gewalt gegenüber Frauen verharmlosen. Und das Babyphon ist ausgeschaltet Verity bedient nahezu jedes Frauenfeindbild. Als die neu geborenen Zwillinge nicht aufhören zu schreien, tanzt sie mit Ohrstöpseln und ausgeschaltetem Babyphon im Zimmer nebenan. Während Jeremy ein Baby auf dem Arm wiegt, arbeitet sie am Laptop und verdreht in Anbetracht des Lärms die Augen. Weil sie es nicht erträgt, die Liebe Jeremys mit ihren Kindern zu teilen, berichtet sie in ihrer Autobiographie von ihren Mordphantasien. Die verrückte Ehefrau verschmilzt mit der Gewalt ihrer Bücher, wenn sie mit emotionsloser Stimme in Lowens Phantasie aus ihrem Werk vorliest; Gewalt, auf die sie in Interviews immer wieder angesprochen wird und mit der sie insinuiert, dass diese Autorin nicht normal sein kann. Ihre Krankheit inszeniert der Film als Konsequenz einer destabilisierten Ordnung. Die ehemals erfolgreiche Frau mit scharlachrotem Kleid und ebenso roten Lippen liegt nun mit fahlem Gesicht und ungewaschenem Haar wie die Blaupause jeder Horrorbraut im Pflegebett. Die Villa, Zeichen ihres Erfolgs, liegt seit ihrem Unfall im Schnee. Erst mit Lowen, die sich eine Familie wünscht und sich zunehmend um den verbliebenen Sohn Crew kümmert, zieht der Frühling wieder ein. Lowen geht in Verity auf: Sie probiert ihren Schmuck an, trägt ihre Kleidung, beißt beim Sex in die Bissspuren, die Verity in ähnlicher Situation auf dem hölzernen Bettgestell hinterlassen hat. So abstrus diese Verschmelzung auch sein mag, zeigt sie doch, welche Möglichkeit Lowen in Verity sieht: Sie möchte die gute Version der abgestürzten Autorin mimen, um neben dem Mann auch Veritys Erfolg, ihre Familie und ihren sozialen Status zu gewinnen. „You have this perfect life“, flüstert Lowen der katatonischen Verity zu, „you don’t deserve it.“ Die transportierte Annahme: (Nur) als brave Ehefrau verdienst du dir in dem für Frauen zugänglichen Raum die Macht. Sie kann sich sogar als liebende Mutter rehabilitieren Verity ist das Hindernis, das überwunden werden muss. Was brutal endet, verklärt der Film jedoch zur Romantik. Die Kamera setzt Jeremy und Lowen zunächst mit Nahaufnahmen in Beziehung, lässt sie aber erst bei einem Spaziergang gemeinsam im Bild erscheinen. Im Haus, umgeben von Veritys Geist, trennt die Kamera die beiden voneinander, Verity verhindert die weitere Annäherung. Als wahres Opfer erscheint Jeremy, der neben dem Unfall seiner Frau auch den Tod seiner Tochter verarbeiten muss, das Leid aufgrund der Pflege seiner Frau aber nicht überwinden kann. Als Lowen ihn fragt, wie es ihm geht, versteht er zunächst die Frage nicht, scheint er doch lange nicht danach gefragt worden zu sein. Dann beginnt er zu weinen. „You’re a prisoner in your own home“, sagt Lowen. Das Ende Veritys entwickelt sich zur notwendigen Katharsis und verharmlost die Gewalt als Wiederherstellung der Ordnung. Zwar erkennt Lowen am Schluss, dass Verity Unrecht geschehen sein könnte; dies aber erst, nachdem sie bereits zum Opfer geworden ist und sich als liebende Mutter rehabilitieren kann. Dass „Verity“ besonders unter jungen Frauen Konjunktur erlebt, sollte also nicht nur in Anbetracht grober Logikfehler beunruhigen. Was wie schnelle Unterhaltung wirkt, ist die Akzeptanz von Regeln, bei denen Frauen nicht gewinnen können. Die gute Besetzung kann derweil nicht über das schlechte Drehbuch hinwegtäuschen. Vielmehr sollen Schockmomente kaschieren, dass es schlicht an Inhalt fehlt. Als Lowen zu Beginn des Films an einer Ampel steht, erfasst ein Auto einen Radfahrer. Vollkommen mit fremdem Blut bespritzt, starrt Lowen auf den Tatort, während die Kamera um sie kreist. Erst als Jeremy sie anspricht, löst sich ihre Schockstarre auf. Im weiteren Geschehen ist der Unfall jedoch weder von Bedeutung, noch scheinen die beiden weiter darüber nachzudenken. Später nähern sich Jeremy und Lowen an, ohne sich über etwas anderes als Verity unterhalten zu haben. Als Jeremy selbst sagt, dass er nichts über Lowen wisse, und daraufhin nach ihrem Geburtstag fragt, fasst das die Oberflächlichkeit der Beziehung ungewollt komisch zusammen.
