Raubtiere stehen ganz oben in der Nahrungskette – und jagen entweder allein oder im Rudel. So weit die gängige Meinung. Doch nun zeigen Beobachtungen aus dem Nordpazifik, dass manche Spitzenprädatoren sich offenbar gern bei der Jagd helfen lassen: Orcas, Orcinus orca, auch Schwer- oder Killerwale genannt, jagen vor der Küste Kanadas gemeinsam mit Weißseitendelfinen, Lagenorhynchus obliquidens. Das berichten Forscher um Andrew Trites von der University of British Columbia in „Scientific Reports“. In den Gewässern des Pudget Sound leben rund 70 Orcas, die sich vor allem von Königslachs (Chinook) ernähren. Diese Fische werden bis zu 1,5 Meter lang und mehr als 20 Kilogramm schwer. Normalerweise gehen die Orcas als Einzelgänger oder in kleinen Gruppen auf die Jagd der großen Fische. Häufig lässt sich aber beobachten, dass die Orcas dabei Delfinen zu folgen scheinen, sie sind ihnen gegenüber aber nicht aggressiv. Die Wissenschaftler hatten deshalb bereits vermutet, dass die beiden Arten von Meeressäugern eventuell bei der Jagd zusammenarbeiten. Mithilfe von Bewegungsdaten, Unterwasservideos und -tonaufnahmen sowie mit Drohnenaufnahmen konnten sie in 25 Fällen belegen, dass Orcas beim Zusammentreffen mit Delfinen ihren Kurs änderten. Es liege nahe, so die Wissenschaftler, dass die Orcas sich von den Delfinen bei der Suche nach Lachs helfen lassen. Die Orcas sparten möglicherweise Energie, wenn sie ihre eigene Echoortung einstellten – und stattdessen entweder die Laute der Delfine „abhörten“ oder sich einfach von ihnen zu Lachsen führen ließen. Ein Vorteil für die Orcas, schreiben die Wissenschaftler. Den Delfinen nützte diese Art der Kooperation möglicherweise, weil sie einerseits in der Nähe von Orcas besser geschützt seien. Außerdem könnten sie davon profitieren, dass Orcas beim Fressen der Lachse Fischreste verlören. Orcas teilen mit Orcas Dass Orcas ihre Beute mit anderen Orcas teilen, konnten die Wissenschaftler schon mehrfach – und auch in dieser Studie in acht Fällen – dokumentieren. Bei vier dieser Begegnungen waren demnach auch Delfine anwesend. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass kooperatives Verhalten zwischen verschiedenen Arten zunehmend wichtig werden könnte. Zumindest dann, wenn sich die Bedingungen der Umwelt stark veränderten. Die Orcas aus dem Pudget Sound kämpfen seit Jahren damit, dass es weniger Chinook-Lachse gibt und die Verschmutzung des Meeres weiterhin hoch ist. Zudem ist der Schiffsverkehr dort sehr hoch, Schiffsschrauben sind eine Gefahr für Meeressäuger. Und der Lärm der Schiffe erschwert Walen und Delfinen zunehmend die Kommunikation und Echoortung ihrer Beute. Kooperation bei der Jagd ist kein so seltenes Phänomen im Tierreich, Forscher bezeichnen es als Mutualismus. Es ist bislang aber meist innerhalb von Arten beschrieben: Löwen, Wale, Wölfe jagen im Rudel und teilen die Beute. Seltener und spannender ist es, wenn verschiedene Arten sich zu Jagdgemeinschaften zusammenschließen. So wie es Zackenbarsche und Muränen im Roten Meer tun, wie Wissenschaftler der University Cambridge in „Current Biology“ beschrieben haben. Jagt ein Barsch einen kleineren Fisch, kann dieser ihm entkommen, indem er sich in die Spalten der Riffe flüchtet. Dort können Muränen lauern. Forellenbarsche suchen deshalb an den Riffen aktiv nach Muränen und fordern sie, wie Wissenschaftler beschrieben haben, durch spezielle Kopfbewegungen zur gemeinsamen Jagd auf. Barsch und Muräne ziehen denn gemeinsam durchs Riff – flieht ein Fisch aus dem freien Wasser vor dem Barsch in die Spalten, kommt die Muräne zum Zug. Flieht die Beute vor der Muräne aus den Spalten ins Freiwasser, wartet dort der Barsch. Muräne und Barsch fangen so mehr Fische als ohne diese Kooperation. Kojoten helfen Dachsen – und umgekehrt Aber auch zwischen Landsäugetieren sind Jagdgemeinschaften beschrieben. Im Westen der USA etwa jagen Kojoten und Dachse häufiger gemeinsam Mäuse und andere kleine Tiere. In einem viral gegangenen Video aus der San Francisco Bay Area sieht man, wie die beiden Tiere Seite an Seite durch ein Kanalrohr trotten. Für Kojoten ist es praktisch, mit einem Dachs umherzuziehen, da dieser häufig Mäuse oder Hörnchen aufscheucht – aber selbst zu langsam ist, sie zu fressen. Der Kojote erlegt sie dann. Der Dachs wiederum profitiert davon, dass von Kojoten aufgescheuchte Säugetiere häufig in Erdlöcher flüchten – die sie dann leicht ausbuddeln können. Auch von dieser Art der Kooperation profitieren beide Partner, da sie gemeinsam mehr Beute machen, schreiben die Forscher. Besonders häufig wurden Dachs-Kojoten-Paare in Gegenden beobachtet, in denen es eine hohe Dichte an Jägern und Beute gibt, beispielsweise in den weiten, offenen Ebenen von Wyoming, Montana und Oregon. Das spricht für die These der Orcaforscher um Andrew Trites, der als einen Treiber der Kooperation die Umweltbedingungen ausgemacht haben will. Die Kooperationsbereitschaft geht sogar noch weiter: So arbeiten nicht nur verschiedene Fisch- oder Säugetierarten zusammen. Auch Menschen und Vögel bilden erfolgreiche Teams: So leiten Große Honiganzeiger, Indicator indicator, mit lautem Geschrei Honigsammler der Hadza, ein indignes Volk, das als Jäger und Sammler in Tansania lebt, zu Bäumen, in deren hohlen Stämmen sich Bienen eingenistet haben. Die menschlichen Honigsammler brechen den Stamm der Bäume auf und sammeln den Honig ein. Dabei bleibt aber meist so viel übrig, dass auch die Vögel genug abbekommen. Bis zu zehn Prozent ihrer Nahrung beschaffen sich die Hadza Schätzungen zufolge durch die Kooperation mit den Vögeln.
