FAZ 25.11.2025
16:45 Uhr

Vergiftung durch Pestizid: Hätte der Tod der Familie Böcek verhindert werden können?


Eine Familie aus Hamburg ist in Istanbul gestorben – mutmaßlich an einer Pestizidvergiftung. Bereits im April starb ein Junge an einer solchen Vergiftung. Versprüht wurde es von derselben Firma, die nun verdächtigt wird.

Vergiftung durch Pestizid: Hätte der Tod der Familie Böcek verhindert werden können?

Die Hamburger Familie Böcek könnte womöglich noch am Leben sein, wenn die türkische Justiz schneller reagiert hätte. Schon im vergangenen April starb in ­Istanbul ein drei Jahre alter Junge an einer Vergiftung durch ein Insektizid. Besonders erschreckend daran ist, dass das mutmaßlich tödliche Gift von derselben Firma eingesetzt wurde, die nun verdächtigt wird, den Tod des Ehepaars Böcek und ihrer beiden kleinen Kinder verursacht zu haben. Der Name der Firma: DSS. Auch im früheren Fall des drei Jahre alten Jungen Karan Yazıcı ging es um die Bekämpfung von Bettwanzen. Im rechtsmedizinischen Gutachten dazu heißt es, in seinem Blut seien Aluminium und Zink festgestellt worden. In der Nachbarwohnung sei einen Tag vor der Erkrankung des Jungen eine Schädlingsbekämpfung durchgeführt worden, schreiben die Gutachter. Die Nachbarn hätten das Unternehmen DSS beauftragt, weil es beim Suchdienst ­Google als Erstes genannt worden sei, wenn man nach Schädlingsbekämpfern in Istanbul suchte, sagt ­Eylem Karaca, die Anwältin der Familie Yazıcı, im Gespräch mit der F.A.Z. Wenige Tage nach dem Tod seines Sohnes stellte der Vater Şahin Yazıcı Ende April einen Strafantrag gegen DSS. „Wir haben Anzeige erstattet, damit niemand anderes ein Kind verliert“, sagte er am Dienstag. Das Protokoll seiner Aussage liegt der F.A.Z. vor. Staatsanwalt habe auf das rechtsmedizinische Gutachten warten wollen Darin ist auch nachzulesen, dass die Anwältin der Familie schon damals verlangte, dass die Verantwortlichen des Unternehmens umgehend befragt werden müssten. Sie gab außerdem zu Protokoll, dass DSS ihrer Erkenntnis nach keine Lizenz für den Umgang mit Pestiziden habe. Der Staats­anwalt habe jedoch auf das rechtsmedizinische Gutachten warten wollen, sagt Karaca – auch weil unklar ­gewesen sei, ob bei der Behandlung des Jungen im Krankenhaus Fehler gemacht worden seien. „Deshalb wurde niemand befragt oder festgenommen.“ Und so konnte das Unternehmen unbehelligt weiter Aufträge annehmen, bis Mitte November die vierköpfige Hamburger Familie Böcek mutmaßlich in ihrem Hotel vergiftet wurde. DSS sah offenbar trotz des Todesfalls im April keinen ­Anlass dazu, seine Praktiken maßgeblich zu verändern. Das rechtsmedizinische Gutachten zum Tod von Karan Yazıcı ist auf September datiert. Doch bis es vom zuständigen Vorgesetzten abgezeichnet, der Ermittlungsakte beigefügt und hochgeladen wurde, vergingen weitere zwei Monate. „Durch diese zweimonatige Verzögerung verlor eine weitere Familie ihre Kinder“, sagt die Anwältin. Sie hält es für denkbar, dass der zuständige Staatsanwalt sich der Fahrlässigkeit schuldig gemacht hat. Das Gutachten wurde nach ihren Angaben am 13. November hochgeladen. Am selben Tag starben die drei und sechs Jahre alten Kinder der Familie Böcek. Das ist vermutlich kein Zufall. Überlastung der zuständigen Behörde Nach Angaben der Anwältin Karaca ist es in Istanbul normal, dass die Ausstellung rechtsmedizinischer Gutachten bis zu acht oder neun Monate dauert. Die zuständige Behörde sei heillos überlastet. Das sei aber kein Grund dafür, Verdächtige nicht vorher schon zu befragen. Schneller gehe es nur, wenn Fälle in der ­Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit ­erregten, so wie bei den Urlaubern aus Hamburg. Karaca geht davon aus, dass sich diese Aufmerksamkeit auch auf das Strafmaß auswirken wird. „Leider ist es in unserem Land so, dass das Gesetz effektiver durchgesetzt wird, wenn die öffentliche Meinung entsprechend ist.“ Aber auch die Tatsache, dass das Unternehmen mutmaßlich in mehrere Todesfälle involviert sei, werde sich im Strafmaß niederschlagen. Während man im ersten Fall noch von „bewusster Fahrlässigkeit“ hätte ausgehen können, werde es nach dem zweiten Fall wohl auf eine Verurteilung wegen Totschlags hinauslaufen. Karaca rechnet mit mindestens 20 Jahren bis zu einer lebenslangen Haft. Der anfängliche Verdacht, dass die ­Familie Böcek an einer Lebensmittelvergiftung gestorben sein könnte, hat derweil weitere Kontrolllücken offenbart. Fast täglich berichten türkische Medien derzeit über neue Verdachtsfälle von ­Lebensmittelvergiftung. Unter anderem wurden mehr als 100 Studenten aus drei unterschiedlichen Wohnheimen in Krankenhäuser gebracht. In einem anderen Fall wurden 25 Gäste eines Restaurants nach dem Verzehr von Lahmacun (türkische Pizza) behandelt. Laut türkischen Medien war das Restaurant vorher bereits dreimal von der Gesundheitsbehörde ­geschlossen worden.