Vor drei Wochen rief eine Frau aus dem Süden Afghanistans bei der Hotline des Welternährungsprogramms (WFP) in Kabul an. Eigentlich dient die Nummer dazu, dass Leute fragen können, warum sie keine Nahrungsmittelhilfe erhalten. 140.000 solcher Anrufe gehen jedes Jahr ein. Doch die Frau wollte etwas anderes. Sie sagte, dass sie sich das Leben nehmen wolle, weil ihre Familie von der stark geschrumpften Liste der Hilfsempfänger gestrichen wurde und ihr Mann deshalb ihre zwölfjährige Tochter an einen 40 Jahre alten Drogensüchtigen verheiratet habe. „Wir mussten die Mitarbeiter in unserem Callcenter schulen, wie sie mit der wachsenden Zahl an Selbstmordanrufen umgehen sollen“, sagt WFP-Landesdirektor John Aylieff. Der Brite hat viel Erfahrung mit Hungerkrisen. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er für die Organisation. Er war schon in Ländern wie Sudan, Äthiopien, Bangladesch und weiß, dass man drastische Beispiele braucht, um noch durchzudringen, bei all den Krisen in der Welt. Mehr als 17 Millionen Afghanen von akutem Hunger bedroht Hilfsgelder für Afghanistan zu akquirieren, ist seit der Machtübernahme der Taliban schwer geworden. Erst recht angesichts der weltweit stark geschrumpften Hilfsbudgets. Der bislang größte Geber, die Vereinigten Staaten, hat die Nahrungsmittelnothilfe für Afghanistan eingestellt. Auch Deutschland hat die Beiträge für das WFP in dem Land stark zusammengestrichen: Im Jahr 2022 waren es laut WFP-Angaben 167 Millionen Euro. 2024 waren es noch 45 Millionen Euro – in diesem Jahr nur sechs Millionen. Dabei haben sich Hunger und Mangelernährung in Afghanistan weiter verschlimmert. Mehr als 17 Millionen Afghanen sind in diesem Winter von akutem Hunger bedroht. Das sind 2,6 Millionen mehr als vor einem Jahr und entspricht einem Drittel der afghanischen Bevölkerung. Die Zahl der mangelernährten Kinder unter fünf Jahren wird laut Prognosen in diesem Winter um sechs Prozent auf 3,7 Millionen steigen. „Wir sehen einen starken Anstieg der Kindersterblichkeit“ „Wir sehen bereits einen starken Anstieg der Kindersterblichkeit“, sagt Aylieff. Die Dürre, zwei Erdbeben und die Abschiebung von 2,6 Millionen Afghanen aus Pakistan und Iran haben die humanitäre Lage in diesem Jahr verschlimmert. Die Rückkehrer aus den Nachbarländern waren bis dahin für viele Familien die wichtigste Einnahmequelle. Nun müssen viele entscheiden, ob sie essen oder heizen wollen. Wegen der knappen Ressourcen kann das WFP in diesem Winter nur zwölf Prozent der akut Hilfsbedürftigen versorgen. Aylieff spricht von einem „beispiellosen Entzug von Mitteln“. Für seine Kollegen bedeutet das, aus den Ärmsten der Armen die noch Ärmeren auszuwählen. Dazu zählen Witwen, von denen kaum ein Land so viele hat wie Afghanistan. Außerdem Kriegsversehrte und Minenopfer, Menschen mit Behinderung, Schwangere und Kleinkinder. Afghanistan gehe einem unter die Haut Unter denen, die durch das Raster gefallen sind, hat das WFP eine Studie zu Überlebensstrategien durchgeführt. In einem Viertel der Familien müssen demnach die Kinder arbeiten, in zehn Prozent der Haushalte gehen sie nicht mehr zur Schule. Ebenfalls zehn Prozent der Familien „mussten ihre Töchter frühzeitig in die Ehe verkaufen“, sagt Aylieff. Der Landesdirektor hat in seinem Leben schon viel Elend gesehen. Aber man merkt, dass ihn die Lage nicht kaltlässt. Afghanistan, sagt er, gehe einem „unter die Haut“. Die frauenverachtende Politik der Taliban hat die Hilfsbereitschaft der Geber schwinden lassen. Dabei habe die internationale Gemeinschaft nach der Machtübernahme der Islamisten vor vier Jahren doch versprochen, afghanische Frauen nicht im Stich zu lassen, erinnert Aylieff. „Afghanische Frauen fragen jetzt, wo die Solidarität hin ist.“ Der Brite weiß, dass Appelle an das Gewissen in diesen Zeiten wenig Gehör finden. Deshalb spricht er die Eigeninteressen westlicher Regierungen an: „Der Hunger wird zu mehr Migration führen.“ Und er werde es extremistischen Organisationen leichter machen, neue Mitglieder zu rekrutieren. Außerdem, sagt Aylieff, gebe es ein „Missverständnis“ über die Auswirkung der Taliban-Politik auf die Hilfsorganisationen. „Die Wahrheit ist, dass wir besseren Zugang haben als während der 20 Jahre des Krieges.“ Auch zu Frauen. WFP: Unter Taliban haben wir besseren Zugang Um die dafür nötigen Mitarbeiterinnen in die Provinzen zu bringen, betreibt das WFP allerdings einen hohen Aufwand. Die Taliban verlangen, dass die Frauen von männlichen Verwandten begleitet werden, die für ihren Aufwand ebenfalls bezahlt werden müssen. Erst kürzlich hatten die Taliban den Mitarbeiterinnen von UN-Organisationen den Zugang zu ihren Büros verboten. Arbeiten tun sie allerdings immer noch. Von zu Hause aus oder anderswo. Auch Karina Lehmann von „Aktion gegen den Hunger“ hebt hervor, dass die Hälfte der 820 Mitarbeiter der Organisation in Afghanistan Frauen seien. Wegen der Vorgaben der Taliban würden sie in unterschiedlichen Gebäuden arbeiten und auf Reisen von männlichen Verwandten begleitet. Lehmann sagt aber auch, dass die Bewegungsfreiheit von Frauen „und damit der Zugang zu Gesundheits- und Ernährungsdiensten eingeschränkt“ sei. Bei ihrer jüngsten Reise nach Kabul und in die zentralafghanische Provinz Ghor im November habe sie die lokalen Behördenvertreter als „konstruktiv“ wahrgenommen. So wertet sie es als Erfolg, dass das afghanische Gesundheitsministerium zum ersten Mal eine Zeremonie zum Welttag der psychischen Gesundheit veranstaltet hat. „Das hört sich nicht nach viel an, aber es ist ein starkes Zeichen an die Provinzen, dass über dieses Thema gesprochen werden darf.“ 1,2 Millionen schwangere oder stillende Afghaninnen unterernährt „Aktion gegen den Hunger“ betreibt seit dem Jahr 2022 eine Hotline für mentale Gesundheit in Afghanistan, die von der Bundesregierung finanziert wird. Die Anrufer leiden unter Depressionen, Angststörungen, psychosomatischen Schmerzen, häuslicher Gewalt und Isolation. In mehreren Sitzungen werden ihnen Strategien vermittelt, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Anders als man vermuten könnte, sind 60 Prozent der Anrufer Männer. Lehmann glaubt, dass das mit Stigma und Scham zu tun haben könnte und damit, dass weniger Frauen Zugang zu Handys und der Nummer der Hotline hätten. Die Isolation der Frauen unter den Taliban sei nur einer von vielen Faktoren, die die mentale Gesundheit bedrohten. Andere seien Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Gewalt durch den Ehemann, Krankheit der Kinder. Auch „Aktion gegen den Hunger“ musste wegen der gekürzten Mittel schon 100 örtliche Mitarbeiter entlassen, zwischenzeitlich ein Ernährungszentrum für mangelernährte Kinder schließen und die Zahl der Hilfsempfänger um 120.000 Menschen reduzieren. Die fehlenden Hilfsangebote haben insgesamt dazu geführt, dass in diesem Winter rund 1,2 Millionen schwangere und stillende Afghaninnen unterernährt sind; das sind 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit irreversiblen Folgen für die Kinder. „Hinzu kommt, dass kulturell bedingt zuerst der Mann isst und dann die Kinder und dann die Frau, auch wenn sie schwanger ist“, sagt Lehmann. „Das hilft nicht.“
