FAZ 30.01.2026
10:23 Uhr

Verdi will mehr: Überhöhte Lohnforderungen wie aus einer Parallelwelt


Im öffentlichen Dienst streikt Verdi für bis zu zwölf Prozent mehr Lohn. Dagegen wären die Kollegen in der Chemiebranche fast schon über Jobgarantien froh. Der Klassenkampf ist nicht mehr zeitgemäß.

Verdi will mehr: Überhöhte Lohnforderungen wie aus einer Parallelwelt

Lohnpolitik für Arbeitnehmer in Deutschland teilt sich gerade in zwei Welten – die des Staates und die der Industrie. Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes kämpfen im Konflikt mit den Bundes­ländern für eine Forderung, die sich je nach Tarifstufe auf sieben bis zwölf Prozent beläuft. Und sie rufen Beschäftigte von Hochschulen, Straßenmeistereien und Behörden gerade reihum zu Warnstreiks auf, um vor der entscheidenden Verhandlungsrunde am 11. Februar „Empörung“ über die Arbeitgeber zu zeigen. Denn die boten bisher nur Lohnerhöhungen „leicht über der Inflationserwartung“ an, zuzüglich höherer Zuschläge für einzelne Beschäftigtengruppen. Die Tarifrunde für 580.000 Beschäftigte der Chemie- und Pharmaindustrie läuft hingegen im Zeichen einer Wirtschafts- und Standortkrise, die existenziellere Ar­beitsplatzsorgen erzeugt. Mit einem Lohnangebot wie dem obigen wären die Forderungen der Arbeitnehmervertreter dort im Grunde schon erfüllt: Die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) verhandelt für eine Lohnerhöhung, die „die Kaufkraft weiter stärkt“. Und sie will mit den Arbeitgebern „tarifliche Ins­trumente zur Beschäftigungssicherung“ vereinbaren. Die Beschäftigten wüssten „sehr genau, wie angespannt die Lage in Teilen ihrer Industrie ist“, hat IG-BCE-Vorstand und -Verhandlungsführer Oliver Heinrich die Forderungen intoniert. Leicht wird es für die Tarifparteien dennoch nicht, eine für die 1700 Unternehmen passende Lösung zu finden: Die Auslastung ihrer Produktionskapazitäten verharrt im Branchenschnitt schon geraume Zeit unter der Rentabilitätsschwelle. Nach­teilige Standortbedingungen wie hohe Energie- und Klimaschutzkosten drücken ebenso auf den Absatz heimischer Produkte wie Trumps Zollpolitik. Aus Sicht der Ar­beit­geber darf jetzt ein Tarifabschluss die Unternehmen gar nicht weiter belasten, wenn die Zukunft von Standorten und Arbeitsplätzen gesichert werden soll. Nach den regionalen Auftakt­runden treffen sich die Tarifparteien am Dienstag und Mittwoch zur ersten Verhandlung auf Bundesebene. Arbeitgeber: Kostenprobleme nicht noch verschärfen „Jede Kostenerhöhung verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit unserer Branche“, warnt Matthias Bürk, Verhandlungsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC). „Und nichts deutet derzeit darauf hin, dass die tiefe Strukturkrise unserer Branche morgen oder übermorgen von allein endet“, sagte er der F.A.Z. Umso mehr seien die Sozialpartner diesmal gefordert, Kostenprobleme nicht noch zu verschärfen. Im Hauptberuf leitet Bürk den Standort Darmstadt des Pharma- und Technologiekonzerns Merck. Schon im Herbst, als die IG BCE noch über ihre Marschroute für die Tarifrunde beriet, hatte sich der BAVC mit dem Ruf nach einer „Atempause“ po­sitioniert – sozusagen das Gegenbild zum „Schluck aus der Pulle“, der einst sinnbildlich für Lohnerhöhungen stand. Zur Begründung führt Bürk auch den jetzt auslaufenden Tarif­abschluss an, der im Rückblick kritisch zu sehen sei. Denn mit einer Lohnerhöhung von 4,85 Prozent im April 2025 habe er zwar den Beschäftigten weitaus mehr als einen Inflationsausgleich gebracht, viele Unternehmen aber überfordert. „Wir haben damit zu hoch ins Regal gegriffen“, sagt Bürk. Beide Tarifparteien hätten sich damals zu sehr „vom Prinzip Hoffnung leiten lassen“ und auf Aufschwung gesetzt, was nun nicht aufgegangen sei. „Auch das gehört zur Faktenbasis, wenn wir Spielraum für die neue Tarifrunde bewerten.“ Einen Beleg sieht er auch darin, dass zuletzt mehr Unternehmen die im Chemie-Tarifvertrag verankerte Flexibilitätsklausel genutzt haben. Mit ihr konnten sie vereinbarte Tariferhöhungen um bis zu drei Monate hinausschieben, sofern die wirtschaftliche Lage nachweislich schwierig ist. Im Jahr 2025 machten laut einer Aufstellung des BAVC 134 Unternehmen mit rund 45.000 Beschäftigten davon Gebrauch, fast doppelt so viele wie 2024. Aus Sicht der IG BCE lassen sich die Daten indes auch so lesen, dass sich ein Branchentarifabschluss nicht an den schwächsten Unternehmen orientieren müsse; für sie gebe es ja auch noch solche Puffer. Und auf der anderen Seite gebe es auch noch „genug Betriebe, die gut verdienen, und Industriesparten, die wachsen“, wie Verhandlungsführer Heinrich anmerkt. Für Verdi sind Streiks die natürliche Kommunikationsform Auch der Rückblick stellt sich ihm ganz anders dar. Heinrich eröffnete die Tarifrunde mit der Ansage, dass es für Chemiebeschäftigte „immer noch massiven Nachholbedarf bei den Löhnen“ gebe. Die Inflationsschübe von 2022 und 2023 seien bisher nicht aufgeholt. Außerdem hätten die Beschäftigen weder die wirtschaftliche Lage zu verantworten, „noch wollen sie die Zeche dafür zahlen“. Viel Raum für Kompromisse zwischen den Positionen beider Seiten gibt es offensichtlich nicht. Das gilt womöglich auch für die Forderung nach „tariflichen Instrumenten“ zur Beschäftigungssicherung. Jedenfalls ist es aus Sicht der Arbeitgeber ausgeschlossen, dass ein Branchentarifvertrag die Arbeitsplätze in einzelnen Unternehmen garantiert. „Sichere Arbeitsplätze lassen sich nicht verordnen“, betont Bürk. „Eine flächendeckende Jobgarantie per Tarifvertrag kann es nicht geben.“ Um Stellen zu sichern, gelte es vor allem die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken – auch mit der geforderten „Atempause“ bei den Löhnen. Noch mehr als im Hinblick auf die Wirtschaftslage unterscheiden sich Chemieindustrie und öffentlicher Dienst freilich in der Art, Tarifrunden zu führen: Für die Gewerkschaft Verdi sind Streiks dabei wie eine natürliche Kommunikationsform, IG BCE und BAVC dagegen sind für sozialpartnerschaftliche Lösungskompetenz bekannt. Vor diesem Hintergrund sind dann doch einige Bewegungsspielräume zwischen ihren Po­si­ti­onen mindestens zu erahnen. Die IG BCE könnte ihre Argumentation etwa dahingehend weiten, dass sich Kaufkraft nicht nur mit Lohnprozenten stärken lasse, sondern auch mit Lohnzurückhaltung, wenn sie Entlassungen verhindert. Und umgekehrt lässt sich das Wort „Atempause“ bei Bedarf weitaus flexibler auslegen als das Wort „Nullrunde“.