FAZ 07.03.2026
20:59 Uhr

Verbotsdebatte: Die Demokratie der Konsumenten schützen


Die Eltern, nicht der Staat, müssen Kindern den Umgang mit sozialen Medien beibringen. Die Verantwortung dafür darf nicht wieder auf der Allgemeinheit abgeschoben werden.

Verbotsdebatte: Die Demokratie der Konsumenten schützen

Es ist ein irritierender Gegensatz: Seit Monaten verkündet die Bundesregierung, dass sie Unternehmen mit weniger Bürokratie belasten wolle. Zugleich aber arbeiten CDU und SPD auf ein Verbot sozialer Medien für Kinder unter 14 Jahren hin und für „jugendfreie“ Versionen der Plattformen für unter 16-Jährige. Mehr Freiheit für die Unternehmen, weniger Freiheit für die Bürger? Darauf liefe ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche hinaus. Jüngere von Internetplattformen auszuschließen bedingt, jeden Nutzer auf sein Alter zu überprüfen. Das wäre ein heftiger Eingriff in die Souveränität von Millionen Verbrauchern, die in den sozialen Medien nur Unterhaltung oder Information suchen. Ähnlich grotesk wäre es, den Käufern von Zeitungen aufzuerlegen, ihr Alter nachzuweisen. Vielleicht kommt ein Politiker auch noch auf die Idee, dass Verbraucher ihre Cholesterinwerte zeigen müssen, bevor sie zuckerhaltige Lebensmittel kaufen dürfen. Solche absurden Regulierungen des Konsums verstoßen gegen die Demokratie der Konsumenten, die den Kern der Marktwirtschaft ausmacht. Wichtige Quelle für Informationen aller Art In der aufgeregten Debatte über ein Verbot sozialer Medien wird dieser Eingriff in die Freiheit zu selten zum Thema. Der Kern der Debatte dreht sich darum, ob Kinder und Jugendliche Schaden nehmen könnten, wenn sie viele Stunden lang an den sozialen Medien hängen. Es gibt Studien, die darauf hindeuten, doch ist die Frage nicht endgültig geklärt. Doch selbst wenn sie es wäre, wäre ein Verbot der sozialen Medien für Jugendliche eine schlechte Idee. Soziale Medien wie X, Instagram, Youtube oder Tiktok sind nicht nur Plattformen, auf denen Kinder und Erwachsene stundenlang mehr oder weniger kurzweilige Videos anschauen können. Sie sind auch ein Platz der Ideen und des Wissens, auf dem sich vom Häkeln über die Geschichte bis zum Know-how für komplizierte Reparaturen vieles lernen lässt. Die Plattformen erlauben einen vielfältigen Blick in die Welt, der mehr über fremde Länder offenbart als der Schulunterricht. Sie sind für viele Jugendliche zunehmend eine wichtige Quelle für politische und andere Informationen aus dem eigenen Land. Den Jüngeren den Zugang zu diesen Informationen einzuschränken, wirkt umso absurder, wenn sie nach europäischen Recht schon mit 16 Jahren wählen dürfen. Hier geht es nicht nur um die Demokratie der Konsumenten, sondern um die Demokratie an sich. Wenn Politiker wie in Australien beginnen, Medien und Plattformen nach Vertrauenswürdigkeit und Gefährlichkeit zu unterscheiden, könnte mancher Zensur wittern. Schon begründet die SPD ein Verbot mit Hassrede und Falschinformation im Netz. Eltern sollten Kinder anleiten Die Welt der sozialen Medien ist nicht ohne dunkle Ecken. Spanner, Triebtäter, psychisch Gestörte oder politische Aktivisten machen sich im Schutz der Anonymität an Kinder und Jugendliche heran. Schon jetzt lässt sich dagegen juristisch vorgehen. Die Nutzung sozialer Medien für Jugendliche zu verbieten, wäre auch hier ein untaugliches Mittel. Solch ein Verbot wäre kaum durchzusetzen, weil Jugendliche findig sind, Verbote zu umgehen. Wichtiger als dieses technische Argument aber ist, dass ein Verbot an der falschen Stelle ansetzt. Um eine verantwortungsbewusste Nutzung sozialer Medien zu erlernen, bedarf es der steten Anleitung und Erklärung. Das ist Aufgabe der Eltern, nicht des Staats. Soziale Medien sind da nicht anders als Messer oder Scheren, deren gefahrlose Nutzung beigebracht werden will. Sie unterscheiden sich auch nicht von den dunklen Ecken und Gefahren in der Heimatstadt, vor denen Eltern ihre Kinder üblicherweise fernhalten. Ein Verbot sozialer Medien nähme den Eltern die Chance, ihren Nachwuchs behutsam an die Internetplattformen heranzuführen, dezentral, in Zusammenarbeit mit Lehrern und Schulen, wissend um den Entwicklungsstand der jeweiligen Kinder. Da sollte der Staat sich nicht einmischen. Schlimmer noch: Ein Verbot entbände die Eltern von ihrer Pflicht, die Kinder auf das Leben mit sozialen Medien vorzubereiten. Wieder einmal würde die Verantwortung auf die Allgemeinheit abgeschoben. Tech-Unternehmen machen die Kindererziehung durch das verlockende Angebot sozialer Medien gewiss nicht einfacher. Sie helfen aber auch dabei. Im Wettbewerb am Markt und nicht nur auf öffentlichen Druck bieten sie schon seit Langem Möglichkeiten, dass Eltern die Nutzung des Internets und sozialer Medien auf den Handys ihrer Kinder regulieren – falls Vater und Mutter das im Interesse des Nachwuchses für geboten halten. Nach einem staatlichen Verbot braucht da nur noch der zu rufen, der die Bürger bevormunden will.