In der Bundesregierung wird derzeit über eine Frage gestritten, die weit über kulturpolitische Detailfragen hinausgeht. Es geht um nicht weniger als die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Filmstandorts Deutschland. Konkret: Soll es gemäß Koalitionsvertrag eine verbindliche Investitionsverpflichtung für internationale Streamingplattformen wie Netflix oder Disney+ oder freiwillige Selbstverpflichtungen geben? Was als regulatorische Einzelfrage erscheint, ist längst zu einer Standortentscheidung von erheblicher wirtschaftlicher Tragweite geworden. Ein Modell, das alle Marktteilnehmer fair behandelt Um die starren Fronte in dieser Frage aufzubrechen, schlagen die beiden führenden Branchenvertretungen, die Produktionsallianz (PA) und der Verband Technischer Betriebe für Film & Fernsehen (VTFF), einen neuen, dritten Weg vor, der die Vorteile der bisherigen, entgegengesetzten Modelle vereint: eine gesetzliche Verpflichtung zu Investitionen mit Rechterückbehalt, die aber mit klar definierten Öffnungsklauseln flexible und marktgerechte Lösungen zwischen den Marktpartnern zulässt – ein Modell, das alle Marktteilnehmer fair behandelt und zugleich die gesamte Wertschöpfungskette in Deutschland stärkt. Die Filmwirtschaft ist kein Nischensektor, sondern eine vitale Industrie. Filmproduktionsunternehmen und technisch-kreative Dienstleister stehen für Tausende Arbeitsplätze, mittelständische Strukturen und eine Wertschöpfungskette, deren Effekte weit über die Branche hinausreichen. Filme und Serien schaffen Beschäftigung im Handwerk, in der Logistik, im Tourismus. Sie prägen Regionen, machen Orte sichtbar und sichern Know-how in einem internationalen Wettbewerbsumfeld. Deutsche Talente, Produktionsunternehmen, Studios und Dienstleister genießen weltweit einen exzellenten Ruf. Wie es geht, machen viele europäische Länder vor Umso bedauerlicher ist es, dass Deutschland seit Jahren keine verlässlichen Rahmenbedingungen bietet. Während andere europäische Filmländer gehandelt haben, herrscht hierzulande Unsicherheit. Viele europäische Länder haben steuerliche Anreizsysteme für die Produktion von Kinofilmen und Hochglanzserien eingeführt, um Produktionen im Land zu realisieren. Darüber hinaus haben Länder wie Frankreich, Spanien und Italien internationale Plattformen in die Pflicht zu Investitionen in ihre Märkte genommen. Deutschland hingegen ist inzwischen einer der letzten großen europäische Märkte ohne entsprechende Instrumente. Die Folge: Während europäische Unternehmen anderer Länder durch die Rahmenbedingungen auf den heimischen Märkten zu Global Champions aufsteigen, finden deutsche Produktionsunternehmen, Studios und Dienstleister nicht einmal zu Hause ein Level Playing Field. Seit Jahren steckt der deutsche Film- und TV-Standort in einer schweren Krise. Dabei ist die Ausgangslage keineswegs aussichtslos. Deutschland könnte aus den Erfahrungen anderer Länder lernen und ein Modell entwickeln, das nicht ideologisch, sondern pragmatisch ist. Die filmwirtschaftlichen Verbände PA und VTFF haben gemeinsam einen Vorschlag für einen neuen Weg zu einer Entscheidungsfindung entwickelt. Für sie ist ein Gesetz mit einer Öffnungsklausel für spezifische Branchenvereinbarungen der Schlüssel zu einem tragfähigen politischen Kompromiss, der die Interessen aller Marktteilnehmer berücksichtigt – die der Produktionsunternehmen, der technisch-kreativen Dienstleister, Streamer und Sender. Diese Öffnungsklausel muss einerseits Sicherheit und Planbarkeit bieten, andererseits flexibel genug sein, um allen Seiten den Raum zu geben, ihre unterschiedlichen Geschäftsmodelle zu berücksichtigen und Kräfte im deutschen Produktionsmarkt zu entfalten. Mit Beschluss eines Investitionsgesetzes muss jener Sperrvermerk im Bundeshaushalt fallen, der die Situation der Film- und TV-Branche zusätzlich erschwert. Derzeit sind 120 Millionen Euro für die Filmförderung des Bundes wegen der Uneinigkeit der Regierungskoalition über die Ausgestaltung der Investitionsverpflichtung blockiert. Sollte diese Blockade anhalten, droht ein fataler Fehlstart in das Produktionsjahr 2026 – mit unmittelbaren Folgen für Beschäftigung, Investitionen und internationale Kooperationen. Kurz vor der Berlinale richtet sich der Blick der internationalen Branche auf Deutschland. Die Frage ist, welches Signal gesendet wird: Bleibt es bei politischen Grundsatzdebatten – oder zeigt die Bundesregierung, dass sie handlungsfähig ist und den Produktionsstandort ernst nimmt? In den Gesprächen mit ausländischen Filmproduktions- und Medienunternehmen geht es um Vertrauen, um Planungssicherheit und die Position Deutschlands im globalen Wettbewerb der Medienmärkte. Grundlage dieser Gespräche kann nur ein verlässlicher ordnungspolitischer Rahmen sein. Dies ist kein kulturpolitisches Zugeständnis, sondern eine wirtschaftspolitische Notwendigkeit – aus Verantwortung für den Filmstandort Deutschland. Wer jetzt zögert, riskiert nicht nur, Produktionen zu verlieren, sondern auch Vertrauen. Umso mehr braucht es jetzt ein klares politisches Bekenntnis statt weiterer Diskussionen. Wir wären nicht deutsche Produktionsunternehmen, Studios und technisch-kreative Dienstleister, wenn wir in dieser Frage nicht zusammenstehen würden: aus Verantwortung für die deutsche Filmwirtschaft. Michelle Müntefering ist Geschäftsführerin/CEO und Sprecherin des Gesamtvorstands der Produktionsallianz. Achim Rohnke ist Geschäftsführer/CEO des VTFF – Verband Technischer Betriebe für Film & Fernsehen e. V.
