Der kurze, aber äußerst wirkungsvolle US-amerikanische Einsatz in Venezuela war in jeder Hinsicht eine kühne Aktion. Militärisch war die Ergreifung Maduros in dessen Residenz eine bemerkenswerte Leistung. Trump und sein Generalstabschef hatten recht, als sie auf ihrer Pressekonferenz in Florida darauf hinwiesen, dass kein anderes Land auf der Welt einen solchen Einsatz zustande gebracht hätte. Dass sie erkennbar froh waren, dass keine US-Soldaten getötet wurden, zeigt, dass ihnen das operationelle Risiko bewusst war. Politisch ist der Sturz eines amtierenden Präsidenten ein noch größeres Wagnis, nicht zuletzt für einen Politiker wie Trump, der früher gegen Regimewechsel und „nation building“ wetterte. Er will nun sogar, dass Venezuela von den Vereinigten Staaten geführt wird, wenn auch nur für eine unspezifizierte Übergangszeit. Die US-amerikanische Geschichte ist reich an missglückten Versuchen dieser Art, siehe zuletzt Afghanistan oder der Irak. Also doch Bodentruppen? Vor allem aber ist es eine völlig offene Frage, wie Trump diesen Anspruch überhaupt durchsetzen will. Ein Telefonat seines Außenministers mit der Interimspräsidentin in Caracas dürfte jedenfalls nicht reichen, um das Regime von der Macht zu vertreiben. Es sitzt ja immer noch im Land. Ein wichtiger Faktor wird sein, auf wessen Seite sich die Armee und die Sicherheitskräfte schlagen. Sie waren eine Stütze Maduros, sie profitieren auch wirtschaftlich vom System. Also doch Bodentruppen? Es fällt auf, dass Trump auf seiner Pressekonferenz in dieser Frage ungenau blieb. Er wird wissen, was erhebliche Teile seiner MAGA-Bewegung von einer Besatzung halten würden; im November finden Zwischenwahlen zum Kongress statt. Dass er die Friedensnobelpreisträgerin Machado nicht für geeignet hält, das Land zu übernehmen, spricht auch nicht dafür, dass man im Weißen Haus einen durchdachten Plan für Venezuelas Zukunft hat. Wie will man eine neue politische Ordnung ohne die Opposition und ihre Anführerin aufbauen? Dass Trump trotz dieser ungeklärten Fragen handelte, hat etwas mit der heute wieder viel zitierten Geopolitik zu tun. Drogen, Öl und Gangs spielten eine wichtige Rolle im Vorgehen des Präsidenten, aber es handelte sich auch um eine Demonstration US-amerikanischer Macht. In Europa unterschätzt man bis heute, wie stark die Trump-Regierung vom Gefühl getrieben wird, dass die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren rund um den Globus als geschwächte Macht wahrgenommen wurden. Die Monroe-Doktrin Das gilt nicht zuletzt für ihren Hinterhof in Lateinamerika. Die Wiederbelebung der Monroe-Doktrin aus dem 19. Jahrhundert, die Trump am Samstag ausdrücklich anführte, mag Europäern merkwürdig vorkommen. Sie diente aber schon vielen Regierungen in Washington als Vorlage für offene oder verdeckte Einflussnahme in der westlichen Hemisphäre, auch mit militärischer Gewalt. Selbst für die Ergreifung Maduros gibt es ein Vorbild, es liegt noch gar nicht so lange zurück: Ende 1989 wurde der damalige panamaische Machthaber Noriega bei einer US-Invasion gestürzt. Er wurde verhaftet und später in Miami wegen Drogenhandels verurteilt. Historisch richtete sich der Dominanzanspruch der Vereinigten Staaten gegen Europas Kolonialmächte. Heute geht es um China, Russland und Iran, die mit Maduro zusammengearbeitet haben. Venezuela ist in diesem Spiel auch wegen seines Bündnisses mit Kuba ein wichtiger Dominostein. Gerade die Chinesen werden aber nicht so schnell die Segel streichen auf einem Kontinent, in den sie viel investiert haben. Selbst Argentinien, das unter Milei wieder zu einem der engsten Partner Washingtons in Lateinamerika wurde, will die Handelsbeziehungen zu China nicht aufgeben. Und die Grundskepsis gegenüber den USA, die gerade auf der Linken überall in der Region vorherrscht, wird mit Trumps Intervention eher Bestätigung erfahren. In Europa hat man sich angewöhnt, in solchen Fällen nach dem Völkerrecht zu fragen. Das hat die Weltpolitik aber noch nie so bestimmt, wie man sich das hier in Sonntagsreden vorstellt. Und einem Despoten wie Maduro muss man keine Träne nachweinen. Er hat Venezuela heruntergewirtschaftet, ließ Wahlen fälschen und ist für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Auch in der EU hat man seine Herrschaft nicht anerkannt. Das „bolivarische“ Regime in Venezuela hat über die Jahre Millionen Menschen außer Landes getrieben. Viele kamen als Asylbewerber über Spanien nach Europa. Der Kokainhandel, der über das Land läuft, geht zu großen Teilen nach Europa. Es wäre also auch im Interesse der EU, dass Venezuela tatsächlich ein freies und blühendes Land wird, wie Trump es verspricht.
