Einen Monat nach dem US-Angriff und der Festnahme von Staatschef Nicolás Maduro befindet sich Venezuela in einem Schwebezustand zwischen vorsichtigem Optimismus und Ungewissheit. Maduro ist außer Gefecht gesetzt, sein Regime aber weiter an der Macht, angeführt von der bisherigen Vizepräsidentin Delcy Rodríguez. Doch unter dem Druck aus Washington zeigt sich Caracas so kooperationswillig wie nie zuvor. Nach der Freilassung von Dutzenden politischen Gefangenen in den vergangenen Tagen kündigte Rodríguez am Freitag ein Amnestiegesetz an, mit dem das „friedliche Zusammenleben unter den Venezolanern“ wiederhergestellt werden solle, wie sie sagte. Tags zuvor hatte das Parlament einer Reform für eine weitreichende Öffnung der Ölindustrie zugestimmt, welche die staatliche Kontrolle über den Sektor lockert. Verändert hat sich für die Venezolaner in den vier Wochen seit Maduros Sturz jedoch wenig. Wie zuvor sind die meisten damit beschäftigt, irgendwie über die Runden zu kommen. Eine rasante Inflation, die der Internationale Währungsfonds für dieses Jahr auf fast 700 Prozent prognostiziert hat, senkt die Kaufkraft der bereits verarmten Bevölkerung. Die meisten von ihnen haben mehr als einen Job. Für viele reicht das Einkommen dennoch nicht. Sie müssen dann etwa zwischen dem Kauf von Medikamenten oder Essen entscheiden. So geht es auch der 76 Jahre alten Rentnerin Mercedes, die ihren vollen Namen nicht nennen will. „Die Krise hat kein Ende“, sagt sie im Telefongespräch mit der F.A.Z. Sie kaufe und esse immer weniger. Und für ihre Medikamente bleibe kaum Geld, erzählt sie. Mercedes’ offizielle monatliche Rente beträgt umgerechnet 0,33 Dollar. Überleben kann sie nur dank eines monatlichen Sozialzuschusses von 50 Dollar und der Unterstützung ihrer beiden Söhne, von denen einer in Frankreich lebt. Viele Venezolaner sind geflohen Wie viele junge Venezolaner hat auch der 23 Jahre alte Manaure Márquez schon darüber nachgedacht, das Land zu verlassen, so wie es in den letzten zehn Jahren fast acht Millionen seiner Landsleute getan haben. Einer der schwierigsten Momente sei für ihn nach den umstrittenen Wahlen 2024 gewesen, als das Regime den Sieg der Opposition nicht anerkannt habe, erzählt Márquez, der in der Werbebranche tätig ist und Freunde hat, die während der Proteste nach der Wahl verhaftet wurden. „Das war eine Zeit der härtesten Repression, die Diktatur hatte sich komplett gegen die Bevölkerung gewandt.“ Doch er sei geblieben. Und nach den Geschehnissen der letzten Wochen sei er noch überzeugter, das Richtige getan zu haben. Besser sei sein Leben seit Maduros Sturz zwar nicht geworden; die Inflation sei enorm, man bekomme immer weniger fürs Geld, sagt er. Doch Márquez hat ein Gefühl, das er als eine vorsichtige Hoffnung beschreibt: „Eine neue Etappe beginnt.“ Diese Hoffnung auf eine Veränderung zum Besseren teilt auch die 39 Jahre alte Ana Rincón. „Wir haben alles versucht auf politischem Weg und wurden immer wieder enttäuscht.“ Ihren jüngsten Rückschlag habe Rincón im vergangenen Dezember erlitten: Nach 20 Jahren als Mitarbeiterin des staatlichen Telefon- und Internetanbieters CANTV sei ihr die Anstellung gekündigt worden, weil sie sich geweigert habe, an einer Demonstration für die Regierung und Maduro teilzunehmen. Nun versucht sie sich in der Selbständigkeit mit dem Verkauf von Tierfutter und hofft auf einen wirtschaftlichen Aufschwung. Es sei gut, dass wieder Dollars ins Land gelangten, das stabilisiere die Währung, glaubt Rincón. „Ich habe Hoffnung, dass es besser wird, eine Hoffnung, die wir über die Jahre verloren hatten.“ Interimspräsidentin Rodríguez muss auf Washington hören Rincón spricht die Öffnung des Ölsektors unter der Kontrolle der US-Regierung an. Die Erlöse werden von Washington kontrolliert. Die venezolanische Führung wird dazu angehalten, monatliche Budgets vorzulegen. Die Regierung unter Interimspräsidentin Rodríguez macht gezwungenermaßen mit und spricht von einem „neuen politischen Moment“, während Trump ihr einen „phantastischen Job“ attestiert. In der vergangenen Woche verkaufte die US-Regierung venezolanisches Öl im Wert von rund 500 Millionen Dollar, wovon 300 Millionen Dollar an venezolanische Banken gingen, um die Landeswährung Bolívar zu stützen und die Hyperinflation unter Kontrolle zu bekommen. Erstmals seit Langem war in den vergangenen Tagen ein Rückgang der Preise für Fleisch und andere Frischprodukte zu verzeichnen. Die beschlossene Reform des Ölsektors ebnet zudem Trumps Plan den Weg, Milliardeninvestitionen in den venezolanischen Ölsektor zu locken. Das US-Außenministerium bereitet auch die Wiedereröffnung der amerikanischen Botschaft in Caracas vor. „Es ist sehr früh, um zu sagen, wohin es geht, aber wir haben große Hoffnung, dass sich die wirtschaftliche Situation verbessert“, sagt der Agrarproduzent Celso Fantinel. Es sei wichtig, dass wieder Dollar ins Land kommen, doch der wirtschaftliche Wiederaufbau dürfe sich nicht nur auf den Ölsektor beschränken. Auch die Landwirtschaft brauche Kapital, Kredite und eine Öffnung, um den Einbruch der vergangenen Jahre aufzuholen und die Produktivität zu steigern, sagt er. Fantinel, der vorwiegend Mais produziert, erzählt, wie die venezolanische Landwirtschaft durch Enteignungen, staatliche Eingriffe und Preiskontrollen in den vergangenen zwei Jahrzehnten regelrecht erstickt wurde. Der Mais werde zu kontrollierten Preisen in Bolívares verkauft, während Importe von Maschinen, Saatgut und Chemikalien in Dollar bezahlt würden und auch wegen bürokratischer und rechtlicher Hürden kaum noch zu importieren seien. Selbst große Betriebe wie jener von Fantinel arbeiten mit alten Maschinen. Seine neuesten Traktoren seien 20 Jahre alt, sagt der Landwirt und rechnet vor, wie sich die Fläche für die Maisproduktion in Venezuela in den letzten 25 Jahren mehr als halbiert hat. „Ohne Trump wäre das nie passiert“ Wie die meisten Venezolaner gibt Fantinel sich jedoch mit einer wirtschaftlichen Stabilisierung nicht zufrieden. „Am Ende braucht es freie Wahlen und eine Rückkehr zur Demokratie“, sagt er. „Alle warten darauf.“ Auch die Hoffnung des jungen Manaure Márquez geht in diese Richtung. „Ich hoffe, dass nun ein Wandel stattfindet, ein Wandel hin zur Demokratie“, sagt er. Der vergangene Monat sei sehr emotional gewesen, eine Mischung aus Freude, Hoffnung, aber auch Unsicherheit, sagt Márquez. Er sei heute weniger besorgt als Anfang des Jahres. Und die Rentnerin Mercedes ist gar ein wenig euphorisch, wie sie sagt. Sie hoffe, dass Venezuela möglichst rasch aus dieser Situation herauskomme und dass anderen Ländern wie Kuba oder Nicaragua das auch gelinge. „Ohne Trump wäre das nie passiert.“ Einen Monat nach Maduros Sturz ist alles anders und doch vieles gleich geblieben. Die Venezolaner stehen vor ihrer nächsten Geduldsprobe. Für viele werden sich die Lebensumstände trotz des aufgekommenen Optimismus nicht schlagartig verändern, selbst wenn Washingtons Wiederbelebung der venezolanischen Erdölindustrie gelingt. Und mit der Rückkehr zur Demokratie dürfte es noch komplizierter werden. Ein freies und wohlhabendes Venezuela sei das Ziel, sagte US-Außenminister Marco Rubio vergangene Woche vor dem Senat. Doch das erreiche man nicht in drei Wochen. „Es wird einige Zeit dauern.“ Während andere Regierungsvertreter sich zurückhaltend geben, beharrt Rubio auf der Notwendigkeit von Wahlen. Einen Zeitplan dafür hat Washington jedoch nicht.
