Grönland: Bruch der NATO droht Auf den ersten Blick haben Grönland und Venezuela wenig miteinander zu tun. Aus amerikanischer Sicht aber gibt es zwei Parallelen: Washington zählt Lateinamerika, aber auch die riesige Insel im Norden Europas zu seiner Einflusssphäre. Es will sich dort vor dem Vordringen Chinas und der starken Drogenkartelle (in Lateinamerika) und Russlands (im arktischen Raum) schützen. Nach dem Angriff auf Venezuela drohten Trump und seine Getreuen mehrfach, „bald“ werde Washington auch Grönland übernehmen, Außenminister Rubio kündigte einen „Kauf“ an. Das autonome Gebiet Dänemarks sichert arktische Schifffahrtswege: Die Nordostpassage ist unter russischer Hoheit schon heute für längere Zeiträume im Sommer befahrbar, während die Nordwestpassage wohl in den 2030er-Jahren, die Transpolare Route frühestens ab den 2040er-Jahren für schwere Schiffe eisfrei und damit kommerziell zu nutzen sein dürfte. Auch für die Überwachung des Luftraums über Russland und die amerikanisch-kanadische Küste ist Grönland ein wichtiger Stützpunkt. Unter Grönlands Eis dürfte auch eine große Menge Bodenschätze liegen, die für Europa wichtig sind. Sie abzubauen, wird allerdings wesentlich schwieriger, als an das Öl Venezuelas zu gelangen. Die Grönländer selbst könnten von den USA geködert werden, mit Geld, Jobangeboten und Greencards. Die NATO könnte dabei gewinnen, denn Europa hat die Bedeutung der Nordinsel über Jahrzehnte unterschätzt. Ein unerwünschtes Eingreifen der USA in Grönland würde erstmals ein Zerwürfnis unter NATO-Staaten nach sich ziehen – der Verteidigungsbund stünde damit vor dem Bruch. Waffenhandel: Die Amerikaner demonstrieren ihre Überlegenheit Es ist unbestritten, dass die Amerikaner ihren Überfall mit überlegenen Waffen und militärischem Können durchführten. Dabei schalteten sie die für Lateinamerika führend geltende Luftabwehr der Venezolaner aus, wie etwa ein von Russland geliefertes Buk-M2E-System – es kam zu keinem einzigen Verlust von US-Soldaten. Ein Grund: Auch bei der Luftabwehr hatte sich Venezuela weitgehend auf russische Waffen verlassen. Ob diese in einer größeren Konfrontation dem Niveau der US-Waffen standhalten können, bleibt offen – denn den Venezolanern fehlt es an Ersatzteilen und Wartung. So sollen die 21 Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi-30MK2 aufgrund fehlender Schlüsselkomponenten länger nicht mehr abgehoben haben. Damit wird der Durchmarsch der Amerikaner ein unüberhörbares Warnsignal an andere Länder, die sich auf Russlands Waffenproduktion verlassen, namentlich Indien oder Vietnam. US-Waffen werden auf dem Weltmarkt nun noch beliebter werden, was wiederum dazu führen dürfte, dass das Weiße Haus sie noch teurer wird verkaufen können – mit Blick auf das bedürftige Indien beispielsweise mit dem Erzwingen eines Handelsabkommens. Denn angesichts ihrer Kriegsgegner China und Pakistan und ihrer russischen Waffen sind die Inder auf westliche Waffen angewiesen. Kuba: Das Regime muss zittern Venezuela und Kuba werden seit Monaten in einem Atemzug genannt – denn das sozialistische Regime unter Präsident Miguel Díaz-Canel, mitbestimmt von der Castro-Familie, ist den Amerikanern seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge. Die Insel liegt nur 150 Kilometer vor der Küste Floridas. Etwa 2,5 Millionen Menschen mit kubanischen Wurzeln sollen in den Vereinigten Staaten leben – unter ihnen viele Gegner des Regimes in Havanna. Zweimal haben US-Truppen Kuba im vergangenen Jahrhundert angegriffen, die Invasion in der Schweinebucht endete 1961 als Katastrophe. Trump sagte am Samstag, Kuba ginge „es nicht sehr gut“, die Inseldiktatur sei eine „gescheiterte Nation“. US-Außenminister Marco Rubio, selbst Sohn kubanischer Immigranten, wird noch deutlicher: „Lebte ich in Havanna und gehörte der Regierung an, würde ich mir Sorgen machen – zumindest ein wenig.“ Zugleich sagte Trump voraus, Kuba werde von selbst zusammenbrechen. Dafür sprechen immer wiederkehrende Stromausfälle und ein grassierender Mangel an Treibstoff. Ein Zusammenbruch könnte vom Weißen Haus aber auch als Kettenreaktion mitgedacht sein. Denn ein Regimewechsel in Venezuela trifft die Insel unmittelbar: Neben Russland ist Venezuela einer der stärksten Unterstützer des Inselregimes. Kuba hatte Söldner zum Schutz Maduros entsandt, 32 von ihnen verloren beim Angriff der Amerikaner ihr Leben. Iran: das nächste Ziel? Iran und Venezuela sind strategische Partner Russlands, Handelspartner und militärisch verbunden. Während die Amerikaner Maduro entführen, brodelt es im Iran. Immer mehr Demonstranten werden von Sicherheitskräften erschossen, der oberste Führer Ali Khamenei könnte nach Moskau fliehen, heißt es. Hintergrund ist die Repression durch die Staatsführung, aber auch das Aushungern der Bevölkerung durch eine zerfallende Wirtschaft. Die Amerikaner haben am 22. Juni unter dem Codenamen Operation Midnight Hammer Luftangriffe auf iranische Atomanlagen geflogen. Ihr Erfolg ist bis heute nicht bestätigt. Trump droht, wenn der Iran friedliche Demonstranten töte, „werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zu Hilfe kommen“. Das Regime gilt weiter als Drahtzieher terroristischer Aktivitäten in der Region und als Unruhestifter. Wie schon bei Venezuela hat Trump Irans Mullahs mehrfach gewarnt – allerdings ist der Iran deutlich besser bewaffnet als Venezuela. Ein Enthaupten des Regimes dort erscheint deutlich anspruchsvoller. Ein Angriff könnte zu einem jahrelang währenden Terrorkrieg in der Region führen. China: Einladung, nach Taiwan zu greifen Zwischen der Entführung Maduros und dem Ende des großen chinesischen Manövers rund um die Insel Taiwan liegen nur vier Tage. Nun ist China auf vier Ebenen betroffen. Mit ihrem Handeln verhelfen die Amerikaner dem Recht des Stärkeren noch weiter zum Durchbruch. Das könnte Peking als stille Zustimmung zu einer gewaltsamen Angliederung Taiwans verstehen. Auf der anderen Seite demonstriert das amerikanische Militär seine Stärke – was China mittelbar bedroht. Seine Netzwerk- und Gelddiplomatie in fernen Regionen hebelten die USA in Chinas Partnerland aus. Pekings Sondergesandter für Lateinamerika, Qju Xiaoxi, hatte Maduro nur Stunden vor dem Angriff der Amerikaner im Präsidentenpalast seine Aufwartung gemacht. Trump zeigt sehr deutlich, dass er Mittelamerika als Hinterhof der USA ansieht – wie schon bei der „Umbenennung“ des Golf von Mexiko oder dem Zugriff auf den Panamakanal. Und schließlich ist China mit geschätzten 80 Prozent Hauptabnehmer des venezolanischen Öls. Venezuela zahlt damit ausstehende Schulden ab. Da es Trump um Rohstoffe geht, soll dieses Öl wohl von US-Konzernen raffiniert und zum Marktpreis verkauft werden. Ölmarkt: China und USA ringen um Venezuelas Ressourcen Mit geschätzten 303 Milliarden Barrel (Fass, jeweils 159 Liter) besitzt Venezuela rund 17 Prozent der weltweiten Ölreserven, mehr als Saudi-Arabien mit gut 12 Prozent. Hätten die Amerikaner die Hand darauf, hätten sie ein knappes Drittel der weltweiten Reserven. Missmanagement, ein Investitionsstau, aber auch Sanktionen lassen die Kapazitäten weitgehend brachliegen. Dabei ist Venezuela Gründungsmitglied der Organisation erdölexportierender Länder (Organization of the Petroleum Exporting Countries, Opec). Um 1970 produzierte das Land bis zu 3,5 Millionen Barrel täglich. Heute sind es nur rund 800.000 Barrel, während die USA auf etwa 13 Millionen Barrel täglich kommen. Die Regierung von Hugo Chávez schrieb 1999 eine Mehrheitsbeteiligung des Staatskonzerns Petroleos de Venezuela S.A. (PDVSA) an allen Ölprojekten vor. So kann der amerikanische Chevron-Konzern bis heute rund ein Viertel der Gesamtmenge fördern. Die China National Petroleum Corporation (CNPC), Eni, Total und die russische Rosneft zählen über die Jahre zunächst zu den Partnern. Jedoch hat das Regime den USA – anders als Trump behauptet – nie „Öl gestohlen“. PDVSA selbst besitzt bedeutende Raffineriekapazitäten im Ausland, darunter Citgo in den USA. Amerikanische Raffinerien werden auf die Verarbeitung des schweren venezolanischen Rohöls ausgelegt. Doch seit der Einführung von US-Sanktionen im letzten Jahrzehnt ist China zum Hauptabnehmer des Öls geworden. Analysten schätzen die Abnahme auf bis zu 80 Prozent. Lateinamerika: Peking und Washington ringen um Einfluss Maduros Vizepräsidentin Delcy Eloína Rodríguez Gómez übernimmt die Führung des Landes. Sie bezeichnet Maduro als „einziges legitimes Staatsoberhaupt“ – hat aber hinter den Kulissen schon länger mit dem Weißen Haus über dessen Absetzen verhandelt. Trump droht ihr dennoch umgehend mit „noch Schlimmerem“. Die Cliquen aus sozialistischer Einheitspartei, Superreichen und Militärs aber bleiben an der Macht. Derek Chollet, Leiter des Geopolitik-Zentrums der Investmentbank J.P. Morgan, warnt: „Nichts hat sich geändert, außer dem Austausch der Führungsperson.“ Die Nachbarländer sind gespalten – Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sagt, die Aktion erinnere an die schlimmsten Momente der Einmischung in die Politik Lateinamerikas und der Karibik. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro drängt auf eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates, da er eine „Aggression gegen die Souveränität Venezuelas und Lateinamerikas“ sieht. Auch Mexiko und Kolumbien hat Trump mehrfach verbal attackiert. Argentinien und Chile begrüßen hingegen den Abgang Maduros. Alle aber rätseln über das weitere Vorgehen der Amerikaner in deren „Hinterhof“, gebildet aus souveränen Staaten: Ein Krieg gegen ein Land mit 31 Millionen Menschen, um ihnen Öl abzuringen, erscheint auch für die USA nicht ratsam – zumal die MAGA-Bewegung (Make America great again) Trump drängt, sich auf innenpolitische Probleme zu konzentrieren. Analyst Chollet gibt deshalb einem Fortbestehen des Regimes in Venezuela eine Chance von 50 Prozent. Das Risiko eines vollständigen Zusammenbruchs des Landes bewertet er mit 15 Prozent. Fraglich erscheint Analysten auch, ob die Amerikaner bald schon auf mehr Kupfer aus Peru drängen. Auch davon gehen mehr als 75 Prozent nach China. Und schließlich rückt die Schuldenkrise Venezuelas wieder in den Blickpunkt. Das Land sitzt auf rund 170 Milliarden Dollar Auslandsverschuldung, einschließlich der Verpflichtungen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, eine Schuldenquote von fast 200 Prozent. Sie kann nur mithilfe des amerikanisch bestimmten Internationalen Währungsfonds (IWF) abgebaut werden. Israel: Netanjahu reibt sich die Hände Stunden nach dem amerikanischen Angriff auf Venezuela gratuliert der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Präsident Donald Trump. Der mit Haftbefehl wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen gesuchte Netanjahu sendet damit eine doppelte Botschaft: Zum einen rechtfertigt der Bruch des Völkerrechts durch die USA aus seiner Sicht den monatelangen Angriff Israels auf den Gazastreifen, einschließlich der in Kauf genommenen massiven Zerstörung und des Tötens von Zivilisten. Zum anderen folgt aus dem amerikanischen Vorgehen in Venezuela nun die Hoffnung auf ein US-Eingreifen im Iran. Israels Diasporaminister Amichai Chikli schlägt denn auch einen Bogen vom US-Einsatz in Venezuela zum Iran. Er habe „der globalen Achse des Bösen einen tödlichen Schlag versetzt und sendet eine klare Botschaft an Khamenei“, schreibt er. Russland: Putins Freunde geraten unter Druck Stück für Stück wird Präsident Wladimir Putin von Donald Trump vorgeführt: Erst wird sein Bundesgenosse Bashar al-Assad mit seinem Clan aus Syrien nach Moskau vertrieben, nun Putins Verbündeter Nicolás Maduro hinter amerikanische Gitter gebracht, bald könnte die Führung des Irans ins russische Exil getrieben werden, und das nächste Ziel könnte der Zusammenbruch des russisch gestützten Kubas sein. Auch Öl wird zum Thema für die Russen: Denn ihre Produktionskosten liegen mit etwa 45 Dollar gut 10 Dollar höher als jene Venezuelas – bringen die Amerikaner mehr Öl von dort an den Weltmarkt, wird das russische schwerer zu vermarkten sein. Dass die russischen Waffen in Venezuela nicht einsatzfähig waren, mahnt andere, namentlich Käufer wie Indien oder Vietnam, ihre Abhängigkeit von Moskau zu verringern. Und Putin selbst könnte auffallen, dass auch Diktatoren gelegentlich überraschend schnell fallen, wenn sie ihre eigene Wirtschaft nicht stabilisieren. Europa: Wieder einmal nur Zuschauer Mit Blick auf Lateinamerika stehen die Europäer nach der Intervention in Venezuela da wie begossene Pudel. Nach allem, was bekannt ist, kam Trump, der nicht einmal den eigenen Kongress informiert hatte, gar nicht erst in den Sinn, der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, NATO-Generalsekretär Mark Rutte oder gar den Regierungschefs Europas einen Hinweis zu geben. Europa sollte nun um einige Erkenntnisse reicher sein: In einer von Autokraten bestimmten Welt interessiert der demokratische Block in dieser Verfasstheit wenig. Nachdem die EU es im Dezember verpasst hat, das überfällige Mercosur-Handelsabkommen mit lateinamerikanischen Staaten zu schließen, sinken ihr Ansehen und ihre Bedeutung dort. Das Ringen um Bodenschätze zum Füttern der eigenen Wirtschaft wird rund um die Welt härter: Gesucht sind – trotz aller Bekenntnisse zu grüner Energie – Öl (Venezuela) und Seltene Erden (Grönland). Und schließlich geht es um Schutz vor aggressiven Autokraten. Den hat die EU, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, sträflich vernachlässigt.
