Am Wochenende hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin amerikanische Presseberichte bestätigt, wonach sich der Vatikan intensiv um eine unblutige Lösung des Konflikts zwischen Washington und Nicolás Maduro bemüht hatte. Letztlich vergeblich, wie man seit dem Zugriff amerikanischer Eliteeinheiten zur Verhaftung Maduros und von dessen Ehefrau Cilia Flores vom 3. Januar weiß. Am Samstag sagte Parolin in Rom: „Wir hatten versucht, eine Lösung zu finden, die jedes Blutvergießen vermeidet, etwa durch ein Abkommen mit Maduro und mit anderen Vertretern des Regimes. Aber das war nicht möglich.“ Derzeit sei die Lage in Venezuela sehr unsicher. Ziel müsse es sein, Stabilität angesichts der „sehr prekären wirtschaftlichen Lage“ und mittelfristig die „Demokratisierung des Landes“ zu erreichen, sagte der Chefdiplomat des Vatikans. Papst empfing Oppositionsführerin Machado vor Trump Dass die Vermittlungsbemühungen des Heiligen Stuhls in Venezuela ungeachtet des Scheiterns in der Hauptsache weitergehen, zeigte der Empfang von Oppositionsführerin María Corina Machado durch Papst Leo XIV. am 12. Januar. Die Audienz beim Papst verlieh der Friedensnobelpreisträgerin politisches Gewicht, das sie beim Treffen mit Präsident Donald Trump im Weißen Haus drei Tage später in die Waagschale werfen konnte. Die Linie der vatikanischen Diplomatie mit Blick auf Venezuela gab Papst Leo XIV. mit fast wortgleichen Äußerungen beim Angelusgebet vom 4. Januar sowie beim Neujahrsempfang der beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten am 9. Januar vor. Danach müssten „das Wohl und der Wille des venezolanischen Volkes“, die „Überwindung der Gewalt“, der „Schutz der Menschen- und Bürgerrechte aller“ sowie der „Aufbau einer Zukunft in Stabilität und Eintracht“ im Mittelpunkt stehen. Einer scharfen Verurteilung des Zugriffs auf Maduro, etwa als Verletzung des Völkerrechts, enthielt sich der Papst. Nach amerikanischen Presseberichten, namentlich der „Washington Post“, waren die Vermittlungsbemühungen des Heiligen Stuhls auch schon vor Trumps Kommandoaktion mit etwa achtzig getöteten Sicherheitskräften und Zivilisten – darunter 32 kubanische Leibwächter Maduros – vom Geist des Pragmatismus geprägt. Nach den von Parolin bestätigten Berichten waren sowohl der Chefdiplomat des Heiligen Stuhls persönlich sowie weitere Vertreter der katholischen Kirche über die Weihnachtsfeiertage intensiv darum bemüht, Maduro eine „goldene Brücke“ zum Machtverzicht zu bauen. Parolin kennt die Verhältnisse in Caracas aus seiner Zeit als Nuntius in Venezuela von 2009 bis 2013 bestens. Der Substitut – die Nummer zwei – im Staatssekretariat, Kurienerzbischof Edgar Peña Parra, stammt selbst aus Venezuela. Eine Lehre für Kuba und Nicaragua Spätestens nach Gesprächen mit dem amerikanischen Botschafter beim Heiligen Stuhl, dem Trump-Vertrauten Brian Burch, kurz vor Weihnachten (an)erkannten Parolin und Peña Parra, dass die Zeit Maduros abgelaufen war. Über eigene und befreundete diplomatische Kanäle versuchte der Heilige Stuhl, Maduro davon zu überzeugen, sich ins Exil – etwa nach Russland – zu begeben, um einem Sturz durch die USA zuvorzukommen. Doch Maduro unterschätzte offenbar die Entschlossenheit Trumps und lehnte alle Angebote eines Amtsverzichts ab. Bei einem denkwürdigen Auftritt hatte Maduro im August Trump als „Feigling“ beschimpft und diesen aufgefordert: „Komm mich holen, ich erwarte dich hier, beeil dich!“ Für die weitere politische Entwicklung in Venezuela dürften diplomatische Initiativen des Heiligen Stuhls Gewicht haben. Denn der Papst und seine Diplomaten haben eine klassische Mittlerposition eingenommen: Sie haben sich der unwiderruflichen Entscheidung Washingtons, Maduro zu beseitigen, nicht widersetzt und beiden Seiten im Interesse eines unblutigen Machtwechsels ihre Dienste angeboten. Die Beziehungen des Heiligen Stuhls zu Washington sind ebenso intakt wie zu Interimspräsidentin Delcy Rodríguez in Caracas. Zugleich ist die Unterstützung Papst Leos und des Heiligen Stuhls für Nobelpreisträgerin Machado unverkennbar, was deren Aussichten auf die Übernahme einer Führungsrolle in einem künftig demokratischen Venezuela verbessert. Für Kuba und Nicaragua, die beiden anderen Linksdiktaturen im unmittelbaren „Hinterhof“ Washingtons, könnte der Kasus Maduro eine wichtige Lehre bereithalten. Wenn der Vatikan unter Führung des ersten Papstes aus den USA diplomatische Signale nach Havanna und Managua sendet, wonach die USA dort einen Politik- oder gar Regimewechsel durchzusetzen entschlossen sind, sollten die jeweiligen Machthaber diese Signale besser ernst nehmen. In Havanna sind die Beziehungen zum Heiligen Stuhl sowie zur Führung der katholischen Kirche auf Kuba noch intakt – ungeachtet der „stillen Unterstützung“ der Kirche für Oppositionelle, namentlich die Menschenrechtsgruppe „Damas de Blanco“ (Damen in Weiß), die sich nach der Sonntagsmesse zum politischen Protest gegen das kommunistische Regime zu versammeln pflegten. In lebendiger Erinnerung bleibt zudem die Vermittlung des Heiligen Stuhls zur Freilassung politischer Gefangener sowie beim politischen Tauwetter zwischen Washington und Havanna nach 2009, das im Besuch Barack Obamas bei Raúl Castro vom März 2016 gipfelte. In Nicaragua dagegen sind die Beziehungen des Regimes unter Daniel Ortega und dessen Ehefrau Rosario Murillo zur katholischen Kirche und zum Heiligen Stuhl seit Jahren faktisch abgebrochen. Dort hätten das Wort des Papstes – zumal eines aus den USA – und die diplomatischen Bemühungen des Heiligen Stuhls keinerlei Gewicht, sollte sich der Konflikt zwischen Managua und Washington weiter zuspitzen.
