Nichts stellt die Welt so eingedampft in einer Zahl dar wie der Ölpreis. In ihm steckt alles: die Weltkonjunktur, die Klimabemühungen, Krieg und Frieden, Zuversicht und Pessimismus der Menschen. Kein Wunder, dass die großen geopolitischen Verwerfungen der letzten Zeit auch den Ölpreis immer wieder hochgetrieben haben. Mal ließ die Angst vor einer Eskalation im Nahen Osten ihn steigen. Mal waren es die Folgen der Konfrontation mit Russland und der entsprechenden Sanktionen des Westens, die ihn hochschnellen ließen. Mittlerweile ist Öl aber wieder recht günstig geworden. Die politische Aufregung währte nie lange. Die Einschätzung, dass die schwache Weltkonjunktur eher zu einer geringen globalen Ölnachfrage führt, setzte sich immer wieder durch. Zumal auf der Angebotsseite das Ölkartell OPEC seine Förderung munter ausweitete. Gut 61 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) kostete Öl der Nordseesorte Brent am Montag, knapp 58 Dollar die amerikanische Sorte West Texas Intermediate, kurz WTI. Zum Vergleich: Im Juni hatte Brent zeitweise 16 Dollar mehr gekostet, WTI sogar 24 Dollar mehr. Öl ist jetzt wieder günstig. „Vage Hoffnung auf Frieden“ Für den jüngsten Preisrückgang macht Frank Schallenberger, Ölanalyst der Landesbank Baden-Württemberg, die Gespräche über ein mögliches Ende des Ukrainekriegs verantwortlich. „Sollten die Friedensbemühungen erfolgreich sein, dürften die Sanktionen gegen die russische Ölindustrie recht zügig aufgehoben werden“, meint Schallenberger. Durch die Förderausweitungen der Ölstaaten gibt es nach seiner Schätzung im laufenden Quartal schon einen sehr hohen Angebotsüberschuss am Ölmarkt von rund drei Millionen Barrel je Tag. Sollten die Sanktionen gegen Russland fallen, könnte dieser Wert im ersten Quartal 2026 damit sogar noch weiter steigen. Auch schon kurzfristig könnte ein möglicher Frieden in der Ukraine für eine Ölschwemme sorgen, meint Schallenberger. Denn seit dem 21. November gebe es Sanktionen gegen die russischen Ölunternehmen Lukoil und Rosneft. „Schätzungsweise sind damit momentan rund 50 Millionen Barrel russischen Öls auf Tankern blockiert.“ Mit der Aufhebung der Sanktionen würden diese wohl sehr schnell auf den Markt kommen. „Es gibt also zurzeit schlicht zu viel Öl am Markt – und mit einem Frieden in der Ukraine würde das Überangebot noch weiter steigen“, meint Schallenberger. Der Analyst hält es deshalb für ziemlich wahrscheinlich, dass die Marke von 60 Dollar je Barrel Brent demnächst „getestet“ werde. Ob die Verhandlungen erfolgreich sind, weiß aber natürlich noch niemand, einfach wird das jedenfalls nicht. Cyrus de la Rubia, Ökonom der Hamburg Commercial Bank, spricht deshalb auch von der „vagen Hoffnung auf einen Frieden“, die derzeit den Ölpreis drücke. Verbraucher haben von dieser Entwicklung bislang nur mäßig viel. Es ist sicher nicht schlecht für die Preisentwicklung von Heizöl und Kraftstoff, dass der Ölpreis gesunken ist. Aber eine vergleichbare Entwicklung ist dort bislang nicht zu beobachten. Nach Zahlen der Internetplattform Heizoel24, an die 500 Ölhändler ihre Preise melden, kostete Heizöl am Montag 94,82 Euro je 100 Liter, bei der Abnahme von 3000 Litern. Das war etwas weniger als in der vergangenen Woche, auch am Freitag hatte es schon einen Rücksetzer gegeben. Trotzdem kostetet Heizöl, vermutlich auch wegen der Heizperiode und der niedrigen Temperaturen, deutlich mehr als in den Monaten Juli bis Oktober. Vor einem Jahr bewegte sich der Heizölpreis um diese Zeit in einer ähnlichen Größenordnung wie jetzt. Die Preise für Kraftstoff entwickeln sich derweil unterschiedlich. Der Dieselpreis ist auf Wochensicht gestiegen und betrug im Durchschnitt nach Zahlen der Internetplattform Clever Tanken zuletzt 1,662 Euro je Liter. Das ist mehr als den ganzen Sommer hindurch, zuletzt war Diesel im Februar so teuer wie jetzt. Super E10 dagegen ist auf Wochensicht billiger geworden. Ein Liter kostete zuletzt im Durchschnitt 1,682 Euro. „Seit Jahresmitte ist der Rohölpreis etwas gefallen – sowohl in Dollar als auch in Euro gerechnet“, sagte Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank: „Trotzdem zahlen die Verbraucher für Diesel und Heizöl etwas mehr.“ Diese Diskrepanz dürfte vor allem an zwei Faktoren liegen, meint der Ökonom. Zum Einen seien die Lagerbestände an Diesel und Heizöl in den Vereinigten Staaten zu Beginn der Heizsaison ungewöhnlich niedrig. Das habe Sorgen geweckt, dass die USA weniger Ölprodukte wie Diesel exportieren könnten. „Zum anderen haben die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Raffinerien die dortige Dieselproduktion gesenkt, sodass weniger russischer Diesel exportiert werden kann“, sagte Krämer. Auch in der Europäischen Zentralbank (EZB) wird diese Entwicklung derzeit verfolgt. Die Notenbanker würden den Ölpreis gern mit Verachtung strafen, weil er so oft schwankt; aber das gelingt nur sehr begrenzt. Eine Möglichkeit, auf die Inflation ohne Öl zu blicken, ist die sogenannten Kerninflation, die Teuerung ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Lebensmittel. Auf die blicken die EZB-Ökonomen oft. Sie ist derzeit mit 2,4 Prozent höher als die allgemeine Inflation von 2,1 Prozent. Allerdings: Wenn der Ölpreis länger niedrig bleibt, frisst sich diese Kennzahl gleichsam auch in andere Preise hinein, weil die Energiepreise für viele Unternehmen ein wichtiger Teil der Produktionskosten sind. Es ist dann schwierig, den Ölpreis zu ignorieren. Wie lange der Ölpreis jetzt niedrig bleibt, weiß man aber natürlich nicht. Giovanni Staunovo, Analyst der Schweizer Großbank UBS, erwartet kurzfristig eher ein gleichbleibendes Niveau – für Mitte kommenden Jahres aber einen Anstieg. „Abwärtsrisiken“ für die Inflation Zumindest diskutiert wird unter Ökonomen, ob ein längerfristig eher niedriger Ölpreis, die schwache Konjunktur, der stärkere Euro und mögliche Verzögerungen beim europäischen Emissionshandel ETS2 dazu führen könnten, dass die EZB ihre Inflationsprognose wird senken müssen. Notenbanker sprechen in diesem Zusammenhang von „Abwärtsrisiken“ für die Inflation. Die EZB hat diese bislang nicht sehr betont. Karsten Junius, Ökonom der Bank J. Safra Sarasin, hingegen meint, Risiken für Abweichungen von den Erwartungen gebe es derzeit eher in dieser Richtung. Derzeit erwartet die Notenbank fürs kommende Jahr eine Inflationsrate von 1,7 Prozent und für 2027 von 1,9 Prozent. Neue Inflationsprognosen, die dann bis 2028 reichen, soll es zur nächsten Zinssitzung des EZB-Rates am 18. Dezember geben. Erwartet wird für diesen Termin mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbank die Zinsen unverändert lässt. Andere Schlüsse lassen die Äußerungen aus dem EZB-Rat eigentlich nicht zu. Der wichtigste Leitzins, der Einlagensatz, der auch gewisse Auswirkungen auf die Sparzinsen hat, beträgt derzeit 2,0 Prozent.
