FAZ 06.02.2026
15:39 Uhr

Urteil in Erfurt: „Als Lehrer völlig versagt“: Vier Jahre Haft wegen Missbrauchs


Das Landgericht Erfurt spricht den Lehrer Nikolaus D. wegen Missbrauchs von Schutzbefehlen in 69 Fällen schuldig. Der Richter kritisiert außerdem die betroffene Schule.

Urteil in Erfurt: „Als Lehrer völlig versagt“: Vier Jahre Haft wegen Missbrauchs

Im Prozess wegen sexuellen Missbrauchs von drei Schülerinnen am Erfurter Königin-Luise-Gymnasium ist der angeklagte Lehrer Nikolaus D. zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Das Landgericht Erfurt befand ihn des Missbrauchs von Schutzbefohlenen in 69 Fällen schuldig. Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre Haft gefordert; die Verteidigung hatte auf zwei Jahre Haft auf Bewährung plädiert. Der 58 Jahre alte Lehrer hatte gestanden, zwei Schülerinnen in 68 Fällen sexuell missbraucht zu haben. Der Lehrer für Musik und katholische Religion hatte mit den Mädchen vor allem als Leiter des Schulchors zu tun. Sie waren zu Beginn der Taten 15 und 16 Jahre alt. Ein Fall, bei dem der Missbrauch bis zum Oralverkehr reichte, fand schon 2013 statt; der zweite Fall vollzog sich von 2023 bis April 2025. Im jüngsten Fall hatte D. dutzende Male Geschlechtsverkehr mit der Schülerin in seiner Wohnung und in seinem Auto, in dem ein Bett eingebaut war. Als besonders schwerwiegend beurteilte das ­Gericht das Einführen einer Flöte in die Vagina des Mädchens durch D. Auch kam es in beiden Fällen zu sexuellem Missbrauch in Räumen der Schule. D. waren zudem zwei Vergewaltigungen an einer weiteren jungen Frau aus dem Schulchor vorgeworfen worden, die er bestritt. Sie hatte, als sie schon volljährig war, mit D. bis zu dessen Verhaftung im Juni 2025 in einer Beziehung gelebt. Das Gericht sprach den Angeklagten vom Vorwurf der Vergewaltigung frei, da die Aussagen der jungen Frau bei polizeilichen Vernehmungen und in der Hauptverhandlung widersprüchlich gewesen seien. Hier gelte der Grundsatz, im Zweifel für den Angeklagten, sagte der Vorsitzende Richter Holger Pröbstel. Ein Fall sexuellen Missbrauchs in einem Schulraum, als die Frau noch minderjährig war, wurde vom Gericht anerkannt. Alle drei betroffenen Frauen waren Neben­klägerinnen in dem Prozess, zwei hatten ausgesagt. Richter: D. habe seine Autorität als Lehrer ausgenutzt D. war aufgeflogen, nachdem im Juni 2025 ein anderer Lehrer desselben Gymnasiums wegen sexuellen Missbrauchs an einer früheren Schülerin verhaftet worden war. Der Lehrer für Sport und Geschichte wurde im Oktober wegen Missbrauchs Schutzbefohlener in 84 Fällen zu fünf Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Die ehemalige Schülerin, die ihn nach Jahren angezeigt hatte, war zu Beginn der Taten 13. Als sie sich hilfe­suchend an Nikolaus D. gewandt hatte, hatte der ihr nicht geholfen, sondern sie dazu gebracht, ihm pornografische Bilder zu senden. Eigentlich gebe es deshalb noch ein viertes Opfer in dem Verfahren, sagte Pröbstel. Bei der Durchsuchung von D.s Wohnung stellte die Polizei 1500 Aufnahmen und 40 Pornovideos sicher. In der Begründung des Urteils sagte der Richter, D. habe seine Autorität als Lehrer ausgenutzt, um seine sexuellen Interessen zu befriedigen. Als Lehrer habe er „vollständig versagt“. Mit der angeblichen Reue D.s, der parallel mit zwei Betroffenen verkehrte und jeweils Versprechungen zu einer gemeinsamen Zukunft machte, tue er sich schwer. Pröbstel sprach von einem „Systemversagen der Schule“, da Gerüchten über den Missbrauch jahrelang nicht nachgegangen worden sei. „Passiert ist nichts, aber auch gar nichts“, sagte er. Viele Schüler hätten ihm mitgeteilt, dass die Aufarbeitung an der Schule nur langsam vorangehe. Am Donnerstag hatte sich das Königin-Luise-Gymnasium mehr als sieben Monate nach der Verhaftung der beiden Lehrer erstmals öffentlich geäußert. Ziel sei „eine tiefgreifende Neuausrichtung“ sowie ein transparenter Umgang in der Schulgemeinschaft, „damit Missbrauch auf jeglicher Ebene nicht wieder geschehen kann“, heißt es in der Stellungnahme auf der Internetseite der Schule. In mehr als der Hälfte des Texts wird die Berichterstattung kritisiert. Man erlebe „pauschale Verurteilungen, Stigmatisierungen und Generalisierungen, die der Realität an unserer Schule nicht gerecht werden“, heißt es darin. Sie ließen „die Komplexität des Geschehens“ außer Acht.