Es kommt nicht oft vor, dass ein Fußballspieler, -trainer oder -funktionär nach dem Gespräch mit der Presse kaum etwas ändern lassen möchte von dem, was er zuvor gesagt hat. Bei Urs Fischer war es dieser Tage so. Das zeigt: Der Mainzer Trainer wägt seine Worte schon während des Frage-Antwort-Spiels ab, nicht erst hinterher. Und es passt zum Bild des akribischen Arbeiters, das der Mitte Dezember ins Amt gekommene Schweizer auch anderweitig vermittelt. Hatte Bo Henriksen das Spielersatztraining am Morgen nach einer Partie gerne aus seinem Kalender gestrichen und seinen Assistenten überlassen, ist Fischer präsent. Wobei er solche Vergleiche mit seinem Vorgänger nicht mag. „Für mich ist das so ein bisschen Ausspielen mit dem, was vorher war“, sagt er der F.A.Z., „das will ich nicht.“ Bei Union Berlin habe er ja selbst erlebt, „wie das ist, wenn es nicht läuft. Man versucht, etwas zu drehen, vielleicht versucht man zu viel, und es gelingt einem nicht.“ In seinem Fall waren es am Ende 14 Spiele mit einem Unentschieden und 13 Niederlagen, die ihn den Job kosteten. Selbstverständlich aber drängt sich der Vergleich zwischen dem alten und dem neuen Trainer auf, auch die Führung der Mainzer hatte ihn angestellt, indem sie als Henriksen-Nachfolger explizit einen Mann gesucht und verpflichtet hat, der sich in seiner Art diametral vom Dänen unterscheidet. Man kann sich Fischer nicht als jemanden vorstellen, der eine Stunde vor dem Spiel in die Kurve geht und die Fans pusht, der eine Pressekonferenz im Stil eines heißgelaufenen Motivationstrainers absolviert, wie es Henriksen an seinem ersten Arbeitstag im Februar 2024 und noch viele weitere Male praktizierte. Fischer hingegen erweckt den Eindruck, in sich selbst zu ruhen, wie ein Gegenpol zum schnelllebigen Geschäft. Selbst sein Torjubel fällt zurückhaltend aus. „Ich habe meine Art und Weise, wie ich denke und durchs Leben gehe“, sagt er und lacht. Sätze wie den des neuen Frankfurter Trainers Albert Riera: „Wenn ich meinen Spielern sage, sie sollen vom Balkon springen, dann springen sie“, wird man von ihm nie hören. „Ich habe schon vieles erlebt, war 20 Jahre lang Profi und bin seit 2003 Fußballlehrer, und ich werde mich sicherlich nicht mehr ändern“, sagt er. „Ich kann mir nicht vorstellen, noch zum Vulkan zu werden. Wenn alle wie verrückt umherrennen würden, wäre das merkwürdig. Wenn andererseits alle auf der Bank säßen, ohne sich zu bewegen, wäre es auch langweilig. Die Mischung macht es aus.“ Bisweilen koche er innerlich, „aber es braucht viel, bis ich es zeige und mal lauter werde“. Urs Fischer: „Die zweijährige Auszeit war ein Privileg“ Nach fünfeinhalb Jahren bei Union, in denen er die Köpenicker in die erste Liga und der Reihe nach in alle drei europäischen Wettbewerbe bis hin zur Champions League führte, nahm Fischer sich eine zweijährige Auszeit, die er genossen habe – wohl wissend, „dass es sich um ein Privileg handelt“, sich derlei leisten zu können. Angebote anderer Vereine habe er abgelehnt, erst als Christian Heidel und Niko Bungert vorstellig wurden, habe er das Gefühl entwickelt, mit Mainz 05 passe es. Zum damaligen Zeitpunkt hätte man den Trainerjob am Bruchweg irgendwo zwischen Mission impossible und Himmelfahrtskommando eingeordnet, in seinen Überlegungen habe das jedoch keine Rolle gespielt, versichert Fischer. „Entweder du bist zu Saisonbeginn Trainer, oder du übernimmst eine Mannschaft, bei der es vielleicht nicht so läuft, der ein Trainerwechsel frischen Input geben soll. Dass dies keine einfachen Situationen sind, liegt in der Natur der Sache“, sagt er. „Und eine gewisse Überzeugung brauchst du schon als Trainer, auch von dir selbst.“ Dass es in den Gesprächen mit dem Sportvorstand und dem Sportdirektor des damaligen Tabellenletzten auch um neues Personal ging, versteht sich von selbst. Oder, um es mit Fischers Worten zu sagen: „Logisch.“ Doch schon bevor im Januar vier Neuverpflichtungen aufliefen, gelang es ihm, die Mannschaft zu stabilisieren, ihr eine solide defensive Struktur zu geben. Davon zeugte nicht zuletzt das 2:2 beim FC Bayern in seinem ersten Bundesligaspiel, flankiert von den Conference-League-Partien in Posen (1:1) und gegen Samsunspor (2:0), mit denen die Rheinhessen sich direkt fürs Achtelfinale qualifizierten. Nach der Winterpause stießen Phillip Tietz, Silas und Sheraldo Becker zum Kader, der damit über einen konkurrenzfähigen Sturm verfügt. Innenverteidiger Stefan Posch erwies sich ebenfalls auf Anhieb als Volltreffer. Auch Bo Henriksen war es vor rund zwei Jahren schnell gelungen, mit seiner Ansprache und seinen Inhalten die Mainzer Defensive widerstandsfähig zu machen, vor allem dank eines überragenden Jonathan Burkardt trug die Offensive ihren Teil zum Klassenverbleib und in der folgenden Saison zur Qualifikation fürs internationale Geschäft bei. Danach wechselte der 18-Tore-Mann an den Main, einen adäquaten Ersatz gab es nicht, doch auch defensiv verlor die Mannschaft jegliche Homogenität und fast alle Meisterschaftsspiele. Im Nachhinein wirkte die Arbeit des bei Fans und Führung beliebten Dänen mit der wilden Frisur wie ein Tischfeuerwerk, das irgendwann feucht geworden war. Urs Fischer steht mit den 05ern noch am Anfang, der Fokus liegt nach wie vor auf dem Kampf gegen den Abstieg, „und es ist noch ein langer Weg“. Die Entwicklung der vergangenen Monate freilich stimmt zuversichtlich, und an seinen bisherigen Trainerstationen hat er bewiesen, dass er nachhaltig arbeitet. In Köpenick feiern sie ihn dafür noch heute.
