Am Abend waren Delphine vor der Küste zu sehen. Die Promenade war menschenleer, nur auf einer Restaurantterrasse saßen ein paar Urlauber und schauten den Tieren hinterher. Über dem Meer stieg ein unwirklich großer Vollmond auf. Stille senkte sich über die Bucht, bis am Morgen die ersten Badegäste ins kühle, klare Wasser tauchten und auf der Terrasse des Alhambra in rascher Folge Cappuccino, Orangensaft, Avocado-Toast, pochierte Eier und Joghurt mit Beeren serviert wurde. Einem Schlösschen gleich erhebt sich das 1912 nach einem Entwurf des österreichischen Architekten Alfred Keller in spanischem Stil erbaute Haupthaus des Fünf-Sterne-Boutiquehotels in einem mediterranen Garten, nur wenige Schritte vom Meer entfernt. Die gelb strahlende Jugendstilvilla Augusta wurde 1908 fertiggestellt und bildet einen weiteren Teil des Ensembles, das ein moderner, 2015 erbauter Bau aus Glas und Beton vervollständigt. 51 Zimmer und Suiten bilden ein friedliches Versteck tief in der Čikat-Bucht. Wie ein schmaler Fjord ragt das in Türkis leuchtende Meer ins Land. Hinter der Promenade liegt duftender Pinienwald. Ein zwanzigminütiger Spaziergang führt ins Städtchen Mali Lošinj mit seinem hübschen Hafen und dem Museum des Apoxyómenos mit der 2000 Jahre alten lebensgroßen Bronzestatue eines Athleten, die im April 1996 von einem belgischen Tauchurlauber vor der Küste gefunden wurde. Luxuriös und exklusiv Um das Hotel gruppiert sich eine Handvoll luxuriöser, nur exklusiv zu mietender Villen. Die größte ist die 1912 erbaute Villa Hortensia mit zehn Suiten, die ruhigste die Captain’s Villa mit großem Garten, in der schon Roger Federer entspannte, die neueste Villa ist die 2024 eröffnete dreistöckige Sea Princess Nika mit sieben Schlafzimmern. Sie verbindet venezianische Opulenz mit osteuropäischer Lust an Glanz und Marmor und nautischen Details wie Schiffsmodellen und einem Tisch, dessen Platte auf einer Schiffsschraube ruht. Zur Pflege der zahlreichen Lüster, von denen der eine vergoldet, der nächste mit gläsernen Früchten beladenen ist, reist regelmäßig eine Reinigungskraft aus Murano an. Outdoorküche, Pool, Sauna, Spa und ein Kino machen jeden Ausflug über die Grundstücksgrenzen überflüssig. Im Vergleich zu diesen Ausschweifungen in Sachen Glas und Marmor geht es in den beiden denkmalgeschützten Altbauten des Hotels etwas irdischer zu. Ihre Fassaden sind stimmig restauriert und verströmen das Flair jener Tage, in denen der Adel der österreichisch-ungarischen Monarchie im milden Mikroklima der Insel im Winter seine Bronchien pflegte. Die Interieurs hingegen stammen – bis auf die roten Originalwände im Atrium und einige schmiedeeiserne Treppengeländer – aus der Gegenwart. Dennoch spielt das Design hier und da mit der Geschichte. So ziert die Teller im Restaurant die stolze Jahreszahl 1912. Die Begeisterung des österreichischen Internisten Leopold Schrötter von Kristelli über das Mikroklima hatte 1886 zur Gründung eines Tourismusverbandes und 1892 zum Ritterschlag der Orte Veli und Mali Lošinj zu Klima- und Luftkurorten geführt. Daraufhin begann ein zarter Bauboom. Bald erschien der erste Reiseführer, und der Botaniker Ambroz Haračić initiierte die Aufforstung der Küste mit Aleppo-Pinien. Ihr Öl bildet heute die Basis für die Markenzeichen-Massage des Alhambra-Spas. 1200 Pflanzenarten kommen auf der Insel vor. Der Reichtum verdankt sich der geschützten Lage, ganzjährig mildem Klima und 2500 Sonnenstunden im Jahr. Mit Gold bearbeitete und auf Leinwand gezogene Schwarz-Weiß-Bilder aus königlich-kaiserlichen Zeiten beweisen, dass sich die Landschaft vor den Fenstern in 140 Jahren Tourismus nicht sonderlich verändert hat – bis auf den Pinienwald. Im Spa bewahrt ein antiker Schrank die Inhalierkrüge mit gläsernem Mundstück, aus denen die frühen Kurgäste von Kräuterduft geschwängerte Luft in die Lungen saugten. Später erwarben örtliche Kapitäne viele der Ferienvillen. Die Suiten der Villa Augusta tragen die Namen von Kapitänen zur See und in der Luft, etwa den der Brüder Cosulich. Sie begründeten die erste italienische Wasserflugflotte, die von 1928 an auch Mali Lošinj anflog. Der Wiener Architekt Alfred Keller hat dem mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Gourmetrestaurant des Alhambra seinen Namen dagelassen. Hier wirkt der österreichische Küchenchef Michael Gollenz, Jahrgang 1995, seine Wunder. Nach der Ausbildung in Salzburg und fünf Jahren in der Schweiz, zuletzt im Zwei-Sterne-Restaurant des Widder-Hotels in Zürich, war er im Januar 2021 gerade bei seiner Oma Schnee schaufeln, als ihn der Spitzenkoch Christian Kuchler anrief. Er kannte das Hotel Alhambra und erklärte ihm, er müsse dort die Küche übernehmen. Gollenz kam, um sich die Sache anzusehen. „Als mir die Produzenten aus der Umgebung Würste, Käse und Olivenöl präsentierten, war ich völlig geflasht“, sagt er. „Spätestens als der Fischer mit Langusten, Hummer und Fisch kam, ging mir das Herz auf, und es war klar, ich mache es.“ Fünf Monate später erhielt er den Michelin-Stern, der ihn seither begleitet. Die Qualität der Produkte der Kvarner-Bucht, die die EU aufgrund ihrer kulinarischen Kultur zur europäischen Genussregion des Jahres 2026 erklärt hat, begeistert Gollenz wie am ersten Tag. Denn seine französisch geprägte Küche basiert auf Regionalität. Deshalb sei er hier am idealen Ort, sagt er, auch wenn es im Winter, wenn das Hotel geschlossen ist und in der Stadt nur zwei, drei Cafés geöffnet sind, auch mal etwas langweilig sei. Diese Zeit gehört Planung und Kalkulation, dem Rekrutieren von Personal und gelegentlichen Events. Umso lebhafter ist der Sommer, wenn er mit seinem Team aus zweiundzwanzig Leuten das Menü kreiert und nach der Arbeit noch ins Meer springt. Morgens schickt der Fischer ihm Fotos vom Fang, mal sind es fünfzehn Stachelrochen, mal Seezungen oder Steinbutt; berühmt ist die Kvarner-Bucht zudem für ihre Meeresfrüchte. „Der Fang ist immer unglaublich frisch“, sagt er und lächelt zufrieden. Weitere Informationen: Das Boutiquehotel Alhambra & The Historic Villas gehört zu den Small Luxury Hotels of the World. Es liegt 100 Kilometer vom Flughafen Rijeka entfernt und 190 Kilometer von Triest. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet ab 500 Euro. www.boutiquehotelalhambra.com
