FAZ 14.05.2026
14:40 Uhr

Urlaub im Ausland: „Impfungen sind wichtig, decken aber nur einen Teil ab“


Nach den Hantavirus-Fällen auf einem Kreuzfahrtschiff zeigt sich, wie wichtig Aufklärung ist. Mit welchen Krankheiten sich Reisende noch befassen sollten und warum Mücken mittlerweile auch in Europa ein Risiko sind, erklärt Virologe Niko Kohmer.

Urlaub im Ausland: „Impfungen sind wichtig, decken aber nur einen Teil ab“

Herr Kohmer, seit dem Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff spricht ganz Deutschland über das Hantavirus. Was ist daran so besonders? Hantaviren kennen wir schon lange, auch in Europa. Bei uns verursachen die Varianten meist milde, grippeartige Symptome. Manchmal mit Nierenbeteiligung bis hin zum Nierenversagen. Die Sterblichkeit ist aber sehr niedrig. Beim südamerikanischen Andes-Typ, mit dem wir es hier zu tun haben, ist das anders: Er kann Lunge und Herz stark betreffen. Die Sterblichkeit ist mit etwa 30 bis 40 Prozent sehr hoch. Es gibt bei diesem Typ zudem Hinweise, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich sein könnte – das ist bei den europäischen Varianten nicht so. Bereitet Ihnen dieser Ausbruch Sorge? Nicht wirklich, aber man sollte wachsam bleiben. Solche südamerikanischen Varianten verursachen immer mal lokal kleinere Ausbrüche. Besonderheit hier ist eher der Kontext: ein Kreuzfahrtschiff, das zu entlegenen Orten fährt – mit Ausflügen in die Natur, bei denen Nagetierkontakt oder Kontakt mit Nagetierausscheidungen grundsätzlich denkbar ist. Und dass es sich um die Andes-Variante mit möglichen weiteren Mensch-zu-Mensch-Übertragungen auf einem Kreuzfahrtschiff handelt. Die konkrete Infektionsquelle im aktuellen Fall ist bisher nicht bekannt. Vier deutsche Passagiere des Kreuzfahrtschiffs Hondius wurden zur Untersuchung in das Uniklinikum in Frankfurt gebracht. Hatten Sie mit den Fällen zu tun? Wir haben als virologisches Institut Proben orientierend auf Antikörper untersucht, als Hinweis, ob es bereits Kontakt mit dem Virus gab. Parallel wurden Proben nach Marburg geschickt. Wichtig ist vor allem die Nachbeobachtung, weil die Inkubationszeit von bis zu acht Wochen sehr lang sein kann. Alle vier Personen waren symptomfrei und befinden sich jetzt in Quarantäne. Was man sich nun fragt ist: Schärfen solche Meldungen die Sensibilität von Reisenden? Ja. Viele sind heute stärker vorinformiert – aber es ist für sie oft schwer einzuschätzen, ob etwas wirklich relevant für die eigene Reise ist. Ich empfehle, sich über seriöse Quellen wie das Auswärtige Amt, das Robert-Koch-Institut oder die Weltgesundheitsorganisation über das jeweilige Reiseland und die spezielle Region zu informieren. Zudem ist eine reisemedizinische Beratung für alle Reisen sinnvoll. Grundsätzlich bietet jedes Uniklinikum in Deutschland eine reisemedizinische Beratung an. Es gibt zudem qualifizierte Hausärzte, die beraten und impfen. Wie läuft die reisemedizinische Beratung bei Ihnen praktisch ab? Man gibt Reiseland, Dauer, Reiseart, Alter und Vorerkrankungen an. Dann beraten wir entsprechend. Wichtig ist, den Impfausweis mitzubringen – wenn er fehlt, ist das nicht dramatisch, dann stellt man einen neuen aus, aber man muss alles einmal sauber erfassen. Wenn man eine Reise in die Ferne plant, wogegen sollte man sich in jedem Fall impfen lassen? Als Reiseimpfung schlechthin empfehle ich Hepatitis A praktisch allen, die Deutschland verlassen – auch bei Reisen nach Südeuropa. Und dann ist es stark abhängig vom Reiseland und von der Art der Reise: Sind Sie Backpacker, sind Sie organisiert unterwegs, sind Sie viel in der Natur? Diese Unterschiede machen viel aus. Und was man wirklich immer als Anlass nutzen sollte: Standardimpfungen überprüfen: Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio. Und ganz wichtig: Masernschutz. Viele Menschen denken an exotische Impfungen, haben aber gar keinen Masernschutz. Einige Länder verlangen Impfnachweise bei der Einreise. Bei welchen Impfungen ist es nicht nur eine Empfehlung, sondern tatsächlich eine Voraussetzung für die Einreise? Gelbfieber ist ein klassisches Beispiel: In einigen Ländern braucht man den Impfnachweis, etwa in Teilen Südamerikas wie Bolivien oder in einigen Ländern Afrikas. Wichtig: Die Impfung muss zehn Tage vor Einreise erfolgt sein. Außerdem gibt es Länder, in denen eine Polio-Impfung verlangt wird, etwa Afghanistan oder Pakistan. Für die Hadsch-Pilgerreise ist eine Meningokokken-Impfung vorgeschrieben. Und wo ist es keine Pflicht, aber Sie würden trotzdem sehr deutlich dazu raten? Meningokokken sind in bestimmten Regionen Afrikas sehr weit verbreitet. Es gibt keine Impfpflicht, aber die Erkrankung kommt im sogenannten Meningokokken-Gürtel so häufig vor, dass man es aus meiner Sicht empfehlen muss. Was sind typische Impfungen, die Sie bei einer Reise in die Tropen empfehlen? Typhus zum Beispiel – weil es fäkal-oral übertragen wird, also ähnlich wie Hepatitis A. Man kann es über kontaminierte Lebensmittel oder Trinkwasser bekommen. Tollwut ist wichtig, gerade wenn man Tierkontakt haben könnte oder länger in einem Land ist – häufig sind es streunende Straßenhunde, die beißen können. Die japanische Enzephalitis kann in Asien in ländlichen Gebieten relevant sein. Sie wird über Stechmücken übertragen. Wie früh sollte man sich um all das kümmern? Ideal ist vier bis sechs Wochen vor Reisebeginn. Dann hat man Zeit für Beratung und Impfserien. Tollwut zum Beispiel wird standardmäßig in drei Dosen gegeben. Aber auch Kurzentschlossene profitieren oft, um Impflücken zu schließen und Verhaltenstipps mitzunehmen. Viele Reisende zieht es nach Südamerika oder Asien. Welche Impfungen sollte man da im Blick haben? Zunehmend sind durch Stechmücken übertragene Erkrankungen wichtig: Dengue, Chikungunya und Zika. Das ist sowohl in Südamerika als auch in Asien oder Afrika weit verbreitet. Malaria kann ebenfalls ein Thema sein. Beratung ist deshalb wichtig, um das konkrete Gebiet und das Risiko einzuordnen. Mückenschutz ist eine zentrale Säule. Je nach Gebiet kann auch eine medikamentöse Malaria-Prophylaxe nötig sein. Es gibt inzwischen Impfstoffe gegen Dengue und Chikungunya. Wie setzen Sie die ein? Nach den Empfehlungen der STIKO, der Ständigen Impfkommission, und individueller Nutzen-Risiko-Abwägung. Ich würde nicht automatisch jeden gegen Chikungunya impfen, aber bei Reisen in ein Gebiet mit aktuellem Ausbruch wäre das ein Grund. Bei Dengue muss man besonders aufpassen. Das ist eine Lebendimpfung, bei der abgeschwächte, aber noch vermehrungsfähige Erreger verabreicht werden. Man sollte gesund sein und nicht immungeschwächt. Das gilt im Übrigen auch für Gelbfieber. Der Impfstoff gegen Dengue ist nicht unumstritten. Warum ist das so? Dengue hat vier Serotypen, man kann also viermal erkranken. Wir wissen, dass eine zweite Infektion mit einem anderen Serotyp schwerer verlaufen kann. Die STIKO sagt deshalb: Der Normalreisende soll eigentlich nur geimpft werden, wenn er schon einmal eine Dengue-Infektion hatte. Hintergrund ist auch die Erfahrung mit einem früheren Impfstoff, bei dem es bei vorher nicht infizierten Geimpften später zu schweren Verläufen und Todesfällen kam. Der neue Impfstoff ist seit einigen Jahren im Einsatz und wird in der Regel gut vertragen, kann aber Nebenwirkungen haben wie Fieber oder Unwohlsein. Bei Menschen ohne frühere Dengue-Infektion ist nicht sicher belegt, dass der Schutz gegen alle Serotypen gleichermaßen gut ist. Wir haben bisher nicht genügend Daten, um das auszuschließen. Wie lösen Sie das in der Praxis? Viele unserer Patienten haben tatsächlich schon eine nachgewiesene Dengue-Infektion. Wir haben aber auch schon gesunde Menschen ohne Vorerkrankung geimpft – etwa bei sehr langen Aufenthalten im Endemiegebiet oder weil sie es nach Aufklärung ausdrücklich wollten. Es ist eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung. Wechseln wir nach Europa: Was wird bei Sommerreisen ins Mittelmeergebiet unterschätzt? Tatsächlich auch zunehmend Dengue und Chikungunya, vereinzelt sogar Zika. Die Stechmücken und Erreger sind auch in Europa inzwischen heimisch. Der Klimawandel trägt zur Verbreitung bei. Mückenschutz ist weltweit essenziell. Wie schützt man sich am besten gegen Mücken? Reicht ein normales Spray aus der Drogerie? Ich empfehle Präparate mit einer hohen Konzentration an Diethyltoluamid, kurz DEET oder Icaridin. Es gilt: Je höher die Konzentration, desto länger wirkt es. DEET wirkt breit, auch gegen Zecken. Bei Bedarf kann man sich gut in der Apotheke beraten lassen. Auch bezüglich eines geeigneten Präparats für Kinder. Wichtig ist, regelmäßig nachzulegen. Man kann es auch zusammen mit Sonnencreme auftragen: erst die Sonnencreme, dann das Repellent. 30 Grad, Sonne und lange Kleidung – das macht kaum einer. Wie realistisch ist Mückenschutz im Sommerurlaub? Über Kleidung lässt sich streiten. Aber das Einsprühen sollte man machen. Und wenn man sagt, es ist zu warm oder man schwitzt stark, kann man auch bei weniger Kleidung die exponierten Stellen konsequent einsprühen. Sie haben Tollwut angesprochen. Eine Infektion kann tödlich enden. Haben Sie den Eindruck, das ist bei vielen Reisenden schon angekommen? Es ist besser geworden, viele Reisende informieren sich vorab. Wir verimpfen Tollwut sehr regelmäßig. Der Impfstoff ist gut verträglich, und es gibt nach oben keine Altersbeschränkung. Entscheidend ist: Wenn man weder geimpft ist noch nach einem Biss behandelt wird, liegt die Sterblichkeit bei 100 Prozent. Das Risiko ist ernst zu nehmen. Welche Irrtümer begegnen Ihnen in der Beratung von Reisenden immer wieder? Viele denken, es gebe „die Malaria- Impfung“ für Reisende. Das stimmt nicht. Gegen Malaria sind Mückenschutz, ein gutes Moskitonetz und je nach Gebiet die medikamentöse Prophylaxe entscheidend. Zudem haben manche Patienten Angst, „überimpft“ zu werden – dabei kann man, wenn es nötig ist, auch mehrere Impfungen an einem Tag geben. Die Sorge, das überfordere das Immunsystem, gibt es in dieser Form nicht. Wenn man nicht sicher ist, ob man eine Erkrankung hatte oder ob man früher geimpft wurde: Im Zweifelsfall kann man noch einmal impfen, da passiert in der Regel nichts. Wer sollte aus Ihrer Sicht besonders intensiv beraten werden? Kinder, Schwangere und Ältere ab 60 Jahren. Der gesunde Erwachsene kommt oft gut zurecht. Aber bei Älteren spielen Begleiterkrankungen und Medikamente eine größere Rolle. Bei Kindern muss man auch beachten, was überhaupt zugelassen ist: Gelbfieber frühestens ab neun Monaten, Dengue ab vier Jahren, Chikungunya ab zwölf Jahren, Typhus ab zwei Jahren. Ich habe Eltern auch schon von Reisen abgeraten, wenn die Kinder sehr klein waren – unter einem Jahr würde ich grundsätzlich keine „exotischen“ Reisen empfehlen. Was sind Ihre wichtigsten Tipps, die Sie Reisenden jenseits von Impfungen empfehlen? Erstens: Impfungen sind wichtig, decken aber nur einen Teil ab. Vieles erreicht man über Präventionsmaßnahmen und Verhalten etwa Mückenschutz und Nahrungsmittelhygiene. Zweitens: Sexualverhalten nicht vergessen – auch geschützter Geschlechtsverkehr kann Teil der Prävention sein.