Es ist schon umwerfend, wie verschieden die Kunst Richard Wagners in Europa wirkte. Während der französische „Wagnérisme“ eher morbide und dekadent, toxisch, tristanesk und todessüchtig daherkam, war der schwedische Wagnerianismus festlich und froh, erosgeladen und vital, eine Welt musikalischer Licht- und Lusthymnen. Die Werke von Gustaf Hägg und vor allem vom schwedischen Super-Wagnerianer Wilhelm Peterson-Berger strotzen nur so vor Lebensenergie in der frischen Luft heller Sommernächte. Da hört man den liebestrunkenen Feuerbach-Leser Wagner weiterjubeln, nicht den pessimistischen Schopenhauerianer. Doch eine ganze Generation vor diesen Männern hat eine bemerkenswerte, höchstbegabte Frau den Weg gebahnt für diese ganz ins Helle, Lebensbejahende drängende Wagner-Rezeption in Schweden: Elfrida Andrée, geboren 1841 in Visby, gestorben 1929 in Göteborg. Andrée beteiligte sich 1894 am anonymen Kompositionswettbewerb zur Eröffnung des neuen königlichen Opernhauses Stockholm und gewann eine Volksschullehrerin aus Karlskrona als Librettistin: Selma Lagerlöf, die 15 Jahre später als erste Frau der Welt den Literaturnobelpreis bekommen sollte. Lagerlöf war es, die „Die Fritjof-Saga“, ein Versepos von Esaias Tegnér, als Stoff vorschlug. Aber Andrée war die weibliche Frauenfigur der Ingeborg zu passiv, weshalb Lagerlöf den Stoff umarbeitete, Ingeborg zur eigentlichen Hauptfigur machte und noch Guatemi erfand, die Tochter des „Königs der Finnmark“, also eine Sami-Prinzessin und Anhängerin einer archaischen Naturreligion. Bis heute war diese Oper auf keiner Bühne zu erleben, komplett konzertant war sie erst 2019 in Göteborg uraufgeführt worden. Jetzt hat das Aalto-Theater Essen das Prachtstück auf die Bühne gebracht. Schon das Libretto fasziniert. Es gewichtet vieles in der Fritjof-Sage aus dem 13. Jahrhundert um. Ingeborg und Fritjof sind seit Jugendtagen ein Liebespaar, aber Ingeborg ist eine Prinzessin und Fritjof nur ein Bauernsohn. Ingeborgs Bruder, König Helge, zwingt seine Schwester, den König Ring zu heiraten, und schickt Fritjof in die Fremde. Der Verbannte wird zum Kriminellen, zum Piraten. Doch der alte König Ring stellt sich als weise und friedliebend heraus. Als Fritjof an dessen Hof auftaucht, vergibt Ring dem Räuber und vertraut ihm für die Zeit nach seinem Tod Ingeborg und sein Reich an. Dabei es ist vor allem Ingeborg, die hier selbstbestimmt als Staatsmännin das Geschehen mitgestaltet. Im zweiten Akt gibt es ein großartiges Liebesduett zwischen Fritjof und Ingeborg. Und es wird in Essen mit gazellenartiger Eleganz vom Tenor Mirko Roschkowski und mit lodernd-leichter Lyrik von der Sopranistin Ann-Kathrin Niemczyk gesungen. In der girrenden Musik durchdringen einander Hans-Sachs-Schwärmerei und Venus-Berg-Hitze. Da singen zwei Menschen, die es verhängnishaft zueinander zieht, voller Glut und Gier. Und trotzdem entscheidet sich Ingeborg für den Staatsfrieden und gegen das Glück einer erotischen Erfüllung. Das sich dieses Glück – ähnlich wie für Ingmar und Barbro in Lagerlöfs kurz danach entstandenem Roman „Jerusalem“ – am Ende dennoch einstellt, aber anders als gedacht oder ersehnt, gehört zu Lagerlöfs großer Kunst der Unvorhersehbarkeit. Man hört schon in der Ouvertüre, die von den Essener Philharmonikern und Wolfram-Maria Märtig mit eben so viel Glanz wie Grazie gespielt wird, dass Andrée die gemeinwohlorientierte Dur-Behaglichkeit der Wagner’schen „Meistersinger von Nürnberg“ sehr zusagte. In Ingeborgs Erzählung vom Falkenflug der Göttin Freia flirrt die Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ nach. Die große Szene zu Beginn des zweiten Aktes zwischen Guatemi, die von Deirdre Angenent stimmlich als Hexe begriffen wird, und deren Ehemann Helge, den Friedemann Röhlig als zermürbt knurrenden Despoten anlegt, ist stark an den Dialog zwischen Ortrud und Telramund im „Lohengrin“ angelehnt. Nur kommen ein Ton der Leichtigkeit und die Lyrik schwedischer Volkslieder hinzu, die musikalisch etwas Eigenes daraus entstehen lassen. Die entfernt nach Felix Mendelssohn Bartholdy klingenden Chöre, die der von Bernhard Schneider einstudierte Opernchor des Aalto-Theaters leichthin-gekonnt ins Geschehen einwirft, sind ohne Statik in die Szene verwoben. Ein gewisses Nachlassen der dramatischen Spannung durch die Kleinteiligkeit hätte Andrée, wenn sie ihr Stück je auf der Bühne hätte erleben können, vielleicht nachkorrigiert. Es ist, man muss das immer bedenken, ihr Opernerstling mit 53 Jahren! Auch Wagner und Richard Strauss brauchten mehrere Anläufe, um eine Oper von Bestand zu schaffen. Elfrida Andrée war Musikerin und Frauenrechtlerin in Schweden. Sie hatte eine Gesetzesnovelle erstritten, wonach Frauen als Organisten berufstätig werden durften, und wurde Schwedens erste Domorganistin in Göteborg. Gleiches gelang ihr mit dem Beruf der Telegrafistin. Dass sie – neben ihrer Zeitgenossin Amanda Maier – zu den profundesten Komponisten (nicht nur Komponistinnen) Schwedens gehört, wissen längst alle, die sich für Kammermusik und Symphonik im Ostseeraum interessieren. In der „Fritjof-Saga“ tritt der Titelheld erst im zweiten Akt auf. Eröffnet wird die Oper von Ingeborg und einem Frauenchor, der die Kriegsgewalt beklagt. Die Regie von Anika Rutkofsky hat diesen Anfang etwas überdidaktisch in einen Luftschutzkeller unserer Tage verlegt und die kostbare Musik völlig unsensibel durch Granatenknallen und Angstkreischen übertönen lassen. Doch in dem Maße, wie die bedrohten Frauen in die alte Sage eintauchen, gewinnt die Regie an Achtung dem Stück, den Figuren und der Musik gegenüber. Mit der Beschwörung der samischen Naturgeister bei Kerzenlicht und Nebel oder beim Zerbersten der Bäume im Wald gelingen Frank Philipp Schlößmann starke Bühnenbilder von übernatürlicher Phantastik. Baurzhan Anderzhanov als Hilding und Andreas Hermann als Ring treten eindringlich als Befrieder des Dramas auf. Es sind andere Ideale von Männlichkeit, die das Stück feiert. Fritjof durchläuft eine schmerzhafte Bildungsgeschichte vom Heißsporn zum Friedefürsten: ein neuer Held.
