Harz spielt im Handball eine solch zentrale Rolle, dass der einst weltbeste Torwart Niklas Landin seinen dänischen Podcast „Duften af Harpiks“, nannte, „Duft des Harzes“. Ohne „Patte“ an den Fingern wäre Handball nicht Handball. Auch bei der Europameisterschaft in Dänemark ist der Klebstoff bei jedem Spiel im Einsatz. Dabei klebt Naturharz (von Kiefern) besonders stark, ist aber schwieriger abzukriegen als Kunstharz. Zu einer kleinen Geschichte des Harzes gehört auch ein Kapitel zu seinem Verbot – in kommunalen Hallen ist „harzen“ untersagt, weil es am Boden haftet. Das stört den Schulsport am nächsten Morgen. Handballer können Geschichten von Kämpfen mit Hausmeistern um das „Ja“ oder „Nein“ erzählen. Die Verbände spielen auf Zeit – immer mal wieder kam der harzfreie Profihandball ins Spiel. Oder es wurde ein besonders griffiger Ball entwickelt. Aus der Schweiz kommt ein neuer Trend: Ein Spray für Ball und Finger, das sich bei Kontakt verbindet und Haftung bietet. Schöne neue Handballwelt? Die befragten Nationalspieler Miro Schluroff (Rückraum), Jannik Kohlbacher (Kreis) und Lukas Mertens (Außen) eint, dass sie nur an ein geeignetes Haftmittel glauben: Harz. Miro Schluroff: „Handball ohne Harz wäre eine Katastrophe. Dann könnte ich das nicht professionell betreiben. Die Bälle fliegen dann fünf Meter übers Tor. Die kannst du nämlich nicht halten. Handball ohne Harz wäre wie Skispringen ohne Ski. Es würde dich total limitieren. Ich brauche es, um den Ball zu ziehen, mit dem Handgelenk zu arbeiten. Es wäre eine unfassbare Beeinträchtigung, ohne Harz zu spielen. Der Ball rutscht dann aus der Hand. Ich könnte mich gar nicht drauf konzentrieren, wenn ich kein Harz an der Hand hätte – ich würde 40 Kilometer pro Stunde weniger werfen. Um den Block herumwerfen, am Block vorbei – das ginge ohne Harz nicht. Es gab schlaue Versuche, aber sie haben nie das Harz abgelöst. Ich spiele seit der C-Jugend in Habenhausen mit Harz. Das war ein Glück. Ab einem gewissen Alter musst du es machen. Für die Basics bei den Kleinen noch nicht. Aber ab 13, 14 Jahren schon. Das grüne Baumharz ist nicht mein Fall. Ich nehme Kunstharz. Aber nicht so viel. Wir haben so Experten, die nehmen eine halbe Tonne Harz. Besonders schlimm sind die Kreisläufer. Kohli (Jannik Kohlbacher) nimmt die halbe Hand voll: Hauptsache, den Ball fangen. Hauptsache, Siebenmeter. Ich weiß dann schon, dass ich nichts brauche, denn viel klebt am Ball. Manche nehmen Harz nur als Ritual. Unsere Torhüter benutzen keines, also nur das, was ohnehin am Ball klebt. Jede Mannschaft hat ihr eigenes Harz dabei. Das verwaltet der Ball- und Harzwart. Das ist bei uns der Jüngste – Marko Grgic. Nach dem Spiel will ich von Harz aber nichts mehr wissen. Ich nehme Babyöl, um es abzukriegen. Manche nehmen Creme. Das haben die Physios dabei. Im Verein ist das der Beautywart. Nach der Dusche muss alles weg sein.“ Lukas Mertens: „Ich greife Anfang des Spiels in den Harzpott und dann noch mal Anfang der zweiten Halbzeit. Mehr brauche ich nicht – dafür nehmen die anderen schon zu viel. Vor allem die Kreisläufer. Zum ersten Mal mit Harz gespielt habe ich in der alten D-Jugend in Wilhelmshaven, mein Vater war der Trainer. Wir sollten uns damals daran gewöhnen. Seitdem möchte ich nicht darauf verzichten. Ich brauche es für Dreher: Dreher von oben, von unten – ohne Harz kämen diese Würfe nicht zustande.“ Jannik Kohlbacher: „Ich bin ein Harzjunkie. Wir haben zwei verschiedene Harze. Das eine riecht wie Jägermeister. Ich benutze beides und reichlich. Ich habe beide zusammen hinten auf einem Klebestreifen auf meinem Schuh. Ohne Harz hätten wir keine Ballkontrolle. Am Kreis brauche ich das; da muss ich den Ball mit einer Hand fangen, im Vollkontakt mit dem Gegenspieler. Das wäre ohne Harz unmöglich. Das Gleiche gilt für Rückraumspieler. Man kann den Ball mit Harz viel länger festhalten und schleudern, ohne dass man die Hand zusammenpressen muss, um den Ball zu kontrollieren – die Rückraumspieler schleudern den Ball raus, und der Torwart zieht den Kopf ein. Ohne Harz würde er den Ball lachend fangen. Es gab mal ein Kunstharz, das gelbe Flecken auf dem Trikot hinterließ, die nicht mehr rausgingen. Das benutze ich nicht mehr. Ja, Harz hinterlässt etwas. Man kennt das selbst, wenn man sich warm läuft, im Torraum, da bleibt man kleben. Oder auf dem Boden liegend, wenn man Gymnastik macht, wird man davon belästigt – wenn die Halle vorher nicht gut gereinigt wurde. Wir haben bei den Rhein-Neckar Löwen zum Glück eine Draufsitz-Wischmaschine. Die fährt regelmäßig durch und reinigt. Das macht der Hallenwart.“
