FAZ 11.02.2026
17:00 Uhr

Unterwegs mit Zugbegleiter: „Niemand verlangt, dass ich einem Schwarzfahrer hinterherrenne“


Eine Woche nach dem tödlichen Angriff auf einen Kollegen in Rheinland-Pfalz fährt Zugbegleiter Maurice Lucke morgens von Frankfurt nach Mainz. In brisanten Situationen hört er auf sein Bauchgefühl.

Unterwegs mit Zugbegleiter: „Niemand verlangt, dass ich einem Schwarzfahrer hinterherrenne“

Bedrohungen und Beleidigungen hat Maurice Lucke schon häufiger erlebt. „Gewalttätig ist gegen mich noch kein Fahrgast geworden“, sagt der Achtundzwanzigjährige, der als Zugbegleiter im Regionalverkehr in Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und der Rhein-Neckar-Region unterwegs ist. Aber die Momente, in denen der Ton kippt, in denen eine Situation zu eskalieren droht, kennt auch er. Deshalb hat Lucke vor allem bei Fahrten am Abend und in der Nacht eine Bodycam bei sich. Eingesetzt hat er sie noch nie. Aber sicher ist sicher. „Ein wirklich schöner Beruf“ An diesem Mittwochmorgen ist Lucke für die Regionalbahn von Frankfurt nach Mainz zuständig. Vor zwei Jahren kam er als „Kundenbetreuer im Nahverkehr“, im Bahnjargon „KiN“, zu DB Regio – ein Quereinsteiger, der früher im Einzelhandel arbeitete, aber schon als Kind liebend gern Zug fuhr.  Ein Traumjob? „Ja, das ist ein wirklich schöner Beruf“, sagt Lucke und zieht den bordeauxfarbenen Schlips gerade. Unter dem DB-Aufnäher am Revers steckt eine schwarze Schleife: Erinnerung an den Kollegen, der vor einer Woche in Rheinland-Pfalz von einem Zugpassagier getötet wurde. Der Regionalexpress 2 wartet auf Gleis 20 am Frankfurter Hauptbahnhof. Lucke macht den Zug „fahrtfertig“: Toiletten, Sauberkeit, Meldung, wenn etwas nicht stimmt, dann Kontakt zum Lokführer. Erst danach die Szene, die Fahrgäste kennen. Mikrofon, Ansage: „Der hintere Zugteil endet in Mainz-Hauptbahnhof, der vordere Teil fährt weiter nach Koblenz.“ Dann die Runde: „Hallo, guten Morgen. Fahrkarten, bitte.“ Freundlich, aber wachsam Lucke absolviert seinen Dienst freundlich, aber wachsam und ohne große Risikobereitschaft. „Eigensicherheit geht immer vor“, sagt er. Auf seinem Namensschild steht nicht Lucke, sondern „M. Heinze“. 20 Prozent der Zugbegleiter greifen nach Angaben einer Bahnsprecherin zum Pseudonym – ein Stück Abstand in einem Job, der immer häufiger in Stress ausartet. Lucke ist in der Region Mitte auf vielen Linien unterwegs, meist als alleiniger Zugbegleiter. Er scannt QR-Codes, klärt Tariffragen, hört sich Beschwerden an, hilft mit einem Blick aufs Display. Bei jeder Fahrt, sagt er, gebe es erfahrungsgemäß zwei bis drei Menschen ohne Ticket. „Niemand verlangt von mir, dass ich einem Schwarzfahrer hinterherrenne.“ Wenn es kippt, vertraut er dem „gesunden Menschenverstand“ – und dem Bauchgefühl. Was „kippen“ heißt, beschreibt der Zugbegleiter mit einer unangenehmen Erinnerung: Einmal habe er einen schlafenden Fahrgast ohne Fahrkarte geweckt. Als Lucke dessen Personalien aufnehmen wollte, stand der Mann auf, zog seine Jacke aus und ließ die Finger knacken. Für Lucke war klar: Das kann brenzlig werden. Er erfand einen Defekt am Drucker seines Geräts, sagte: „Das ist heute Ihr Glückstag“, und zog sich zurück. „Mit Herzrasen und in Schockstarre. Ich hatte Angst.“ Seit dem zweiten Quartal 2024 sind bei der Deutschen Bahn Bodycams im Einsatz – freiwillig und nach Schulung. Lucke hat das Training im Mai vergangenen Jahres absolviert, wie inzwischen schon jeder dritte Zugbegleiter bei DB Regio Mitte. Aber nicht alle sind von der Wirksamkeit der Kameras überzeugt. „Manche Kollegen meinen, das könnte provozierend wirken.“ Die Bahn begründet den Einsatz der Bodycams mit wachsender Aggressivität: 2025 habe es mehr als 3000 Übergriffe auf Mitarbeiter gegeben, rund die Hälfte der Taten richtete sich gegen Zugbegleiter. Eingeschaltet hat Lucke seine Kamera noch nie, denn das soll er nur in gefährlichen Situationen – zur Beweissicherung. Die Bodycam filmt ohne Ton; auslesen darf die Aufnahmen nur die Bundespolizei, nach 72 Stunden werden sie gelöscht. An Luckes blauer Anzugjacke kündigt ein roter Anhänger „Video“ an. Im Zug werben Plakate mit „nachweislich“ mehr Sicherheit durch die Kameras. Lucke sagt nur: „Wer ausrastet, rastet aus.“