FAZ 19.02.2026
10:04 Uhr

Unternehmensnachfolge: Wenn die Tochter den Chefsessel übernimmt


Die Boomer kommen ins Rentenalter – auch auf Arbeitgeberseite. Zwei Unternehmertöchter berichten, wie sie die Führung von ihren Eltern übernommen haben.

Unternehmensnachfolge: Wenn die Tochter den Chefsessel übernimmt

Hin und wieder passiert es Isabelle Himbert immer noch: dass ein Kunde fragt, wo denn „die Herren“ sind. Dass eine junge Frau allein Preisverhandlungen führe, sei für einige Maschinenbauer unvorstellbar, sagt die 32 Jahre alte Geschäftsführerin der Arno Arnold GmbH in Obertshausen. Das Unternehmen stellt Schutzabdeckungen für Maschinen her. Wie stark die Branche noch immer von Männern dominiert werde, habe sie vor ihrem Eintritt ins Unternehmen 2019 unterschätzt, sagt Himbert. „Heute muss ich ein bisschen über meine Naivität lächeln.“ „Ein Stückchen Naivität“ schreibt auch Lea Baumbach sich rückblickend zu. Die Dreißigjährige ist Geschäftsführerin der Rudolf Baumbach GmbH in Lauterbach im Vogelsbergkreis.  Wie viel Verantwortung die Übernahme der von ihrem Großvater gegründeten Netzfabrik bedeutet, sei ihr bei ihrem Einstieg ins Unternehmen vor acht Jahren nicht klar gewesen, sagt Baumbach. Trotzdem sei sie froh, „dass ich den Schritt gegangen bin, dass die Firma erhalten geblieben ist“. Auch Himbert sagt: „Ich bereue es keinen einzigen Tag.“ Die beiden jungen Frauen gehören zu einer Gruppe junger Unternehmer und Unternehmerinnen, die von der Initiative „Hessen macht Zukunft“ als Beispiele für einen erfolgreichen Generationenwechsel präsentiert werden. Viele Betriebe haben den noch vor sich oder stecken gerade mittendrin: Allein in Hessen steht nach Berechnungen des Instituts für Mittelstandsforschung bis 2030 in knapp 14.000 Unternehmen ein Inhaberwechsel an. Doch schon seit zehn Jahren melden sich bei den Industrie- und Handelskammern deutlich mehr Unternehmer, die Nachfolger suchen, als Übernahmeinteressierte, wie Zahlen des Dachverbands DIHK zeigen. Himberts Eltern, Simone Weinmann-Mang und Wolf Mang, haben den Führungswechsel bei der Arno Arnold GmbH frühzeitig eingeleitet. Schon 2015 fragten sie ihre Kinder – Isabelle hat noch einen älteren Bruder –, ob sie Interesse hätten, das Unternehmen mit heute rund 100 Beschäftigten weiterzuführen. „Sich um das dritte Geschwisterkind zu kümmern, sozusagen“, sagt Weinmann-Mang – denn als eine Art drittes Kind habe sie den Metallbaubetrieb, den sie selbst vor gut 40 Jahren von ihren Eltern übernommen hatte, stets betrachtet. Sie wäre aber auch bereit gewesen, einen familienfremden Geschäftsführer zu bestellen, sagt Weinmann-Mang. „Ich wollte nicht, dass die Kinder denken, sie müssten das machen.“ Und so war es für die Eltern auch kein Problem, dass ihre Tochter vor dem Einstieg bei Arno Arnold zunächst noch Berufserfahrung bei anderen Unternehmen sammeln wollte. Nach Praktika unter anderem beim Onlinemöbelhaus Home24 und in der E-Commerce-Abteilung des Nivea-Herstellers Beiersdorf arbeitete Himbert zwei Jahre lang in der Europazentrale von Google in Dublin. Sie habe sich nicht einfach „ins gemachte Nest“ setzen wollen, sagt sie. „Deswegen wollte ich mich erst mal woanders beweisen.“ Für Lea Baumbach wiederum kam die Frage ihrer Mutter, ob sie den väterlichen Betrieb mit einem Dutzend Beschäftigten übernehmen wolle, eher überraschend. Sie machte damals, 2017, eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement und plante ein duales Studium, für dessen praktischen Teil sie bereits ein Angebot von einem Unternehmen in Frankfurt hatte. Mit der Netzfabrik ihres Vaters habe sie bis dahin nicht besonders viel zu tun gehabt, erzählt sie. Aber auf den Vorschlag ihrer Mutter hin habe sie dann recht schnell entschieden, bei der Rudolf Baumbach GmbH einzusteigen. „Das war einfach ein Bauchgefühl.“ Früher Einstieg ins Unternehmen brachte Vorteile Wenige Monate nach Abschluss ihrer Ausbildung fing Baumbach 2018 bei ihrem Vater an. Parallel dazu machte sie einen Bachelor of Business Administration an der Steinbeis School of Management and Technology, die berufsbegleitende Studiengänge anbietet. Der frühe Einstieg ins Unternehmen hatte für Baumbach, die damals erst 22 Jahre alt war, den Vorteil, dass sie noch sechs Jahre mit ihrem Vater zusammenarbeiten konnte. Erst 2024 zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück. Auch bei Arno Arnold vollzieht sich der Übergang gleitend. Isabelle Himbert leitet zwar inzwischen zusammen mit ihrem Mann Benedikt das operative Geschäft, aber auch ihre Eltern arbeiten noch mit. Eine allmähliche Übertragung der Verantwortung sei seiner Frau und ihm wichtig gewesen, weil sie selbst es ganz anders erlebt hätten, sagt Wolf Mang: Im Frühjahr 1984 seien sie beide ins Unternehmen seines Schwiegervaters eingetreten, ein halbes Jahr später sei der Seniorchef gestorben. „Dann plötzlich die Verantwortung für das Unternehmen zu übernehmen, das war sehr, sehr schwer.“ Gleichzeitig lässt Mang aber keinen Zweifel daran, dass jetzt seine Tochter und sein Schwiegersohn das Sagen haben. Er selbst habe sich aus dem Chefbüro zurückgezogen und nutze jetzt ein anderes. „Das ist ganz wichtig. Morgens, wenn ich ins Unternehmen gehe, gehe ich nicht an meinen ehemaligen Schreibtisch und verfalle in diesen Habitus des Geschäftsführers.“ Als Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbandes Hessenmetall und Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände hat Mang ohnehin auch außerhalb des Betriebs gut zu tun. Externe Nachfolgeberatung kann helfen Simone Weinmann-Mang vergleicht die Erfahrung, loslassen zu müssen, mit dem Wechsel auf den Beifahrersitz, wenn der Nachwuchs Auto fahren darf. „Man kann dann nur noch ‚Vorsicht‘ sagen – aber insgesamt sind Sie der Sache ausgeliefert.“ Die neue Generation habe gleich in der Corona-Krise gezeigt, was in ihr stecke, lobt Wolf Mang. Isabelle sei damals auf die Idee gekommen, das Material für Schutzabdeckungen, die Arno Arnold normalerweise für Maschinen fertigt, für eine Atemschutzmaske zu nutzen. Zudem habe sie einen Webshop aufgebaut und dafür gesorgt, dass die Masken binnen 24 Stunden etwa an Dialysezentren ausgeliefert werden konnten. Als 2021 dann auch Benedikt Himbert ins Unternehmen einstieg, übernahm er den Aufbau einer Niederlassung in China – auch das war eine Reaktion auf die Pandemie. Zuvor hatte Arno Arnold die chinesischen Werke deutscher Kunden von Obertshausen aus beliefert, doch das erwies sich zu Corona-Zeiten als schwierig. Himbert habe in China sogar zwei Wochen in Quarantäne in einem Hotel verbracht, „und das war kein Viersternehotel“, sagt sein Schwiegervater. Lea Baumbach sagt, auch ihr Vater habe ihr viele Freiheiten gelassen. Nach ihrer Einarbeitung „haben wir uns so aufgeteilt, dass ich viele strategische Dinge machen konnte, alles, was die Organisation angeht, Personal, Finanzen, auch das Thema Führung“. Ihr Vater habe sich auf die Leitung der Produktion und operative Aufgaben konzentriert. Das habe gut funktioniert, auch ohne externe Nachfolgeberatung – trotzdem seien solche Angebote wichtig und sinnvoll, sagt Baumbach. „An der einen oder anderen Stelle einen neutralen Moderator zu haben, wäre schon cool gewesen, weil zwei Generationen, die aufeinandertreffen, einfach unterschiedliche Vorstellungen haben.“ Nach dem Rückzug ihres Vaters aus dem operativen Geschäft hat Baumbach für die Produktionsleitung eine junge Textiltechnikerin eingestellt. Sie hat das Lager neu organisiert, eine konsequente Artikelnummerierung eingeführt und die Maschinen, auf denen die Netze gewirkt werden, überholen lassen. Als Nächstes wollen die beiden Frauen diese Maschinen, die deutlich älter sind als sie selbst, mit Sensoren ausstatten, um Produktionsdaten automatisch erfassen zu können. Und sie haben einen Ausbildungsplatz ausgeschrieben – auch das ist schließlich wichtig für die Zukunftssicherung.