FAZ 04.02.2026
17:18 Uhr

Unternehmen im Nationalsozialismus: Endlich ist die Lufthansa ehrlich


Die Deutsche Lufthansa hat ihre Geschichte aufgearbeitet, auch die im Nationalsozialismus. Es zeigt sich abermals, dass Unternehmen einen moralischen Kompass benötigen.

Unternehmen im Nationalsozialismus: Endlich ist die Lufthansa ehrlich

Wer den „Traum vom Fliegen“ verkauft, möchte ungern am Boden der Tatsachen festgekettet werden, schon gar nicht, wenn dieser Boden braun durchtränkt ist. Dass die Deutsche Lufthansa zum 100. Jahrestag der Gründung des Konzerns nun ein Buch vorlegt, das genau diese Fesseln nicht nur akzeptiert, sondern sie minutiös vermisst, ist ein spätes, aber ein wichtiges Signal. Die von der Lufthansa beauftragte Gesellschaft für Unternehmensgeschichte und die Historiker Hartmut Berghoff, Manfred Grieger und Jörg Lesczenski haben in dem nun erscheinenden Band „Lufthansa – Die ersten 100 Jahre“ ein Urteil gefällt, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Die alte Luft Hansa war nicht nur ein Unternehmen, das zufällig in der Nazi-Zeit operierte. Sie war ein „Unternehmen des Nationalsozialismus“. Sie war Instrument der geheimen Aufrüstung, sie profitierte von Zwangsarbeit, sie war systemrelevant für ein Verbrecherregime. Man muss ehrlich sein: Die Lufthansa ist spät dran. Während Banken, Chemie- und Automobilkonzerne ihre Archive schon vor der Jahrtausendwende öffneten und die „Schlussstrich-Mentalität“ beendeten, tat sich der Kranich-Konzern schwer. Man erinnere sich an den Umgang mit der Studie von Lutz Budraß vor Jahren, die in der Schublade verschwand, bis der Autor sie selbst publizierte. Abgründe der Mittäterschaft Umso erfreulicher ist der jetzige Kurswechsel. Dass Vorstandschef Carsten Spohr dieses Buch nicht als lästige Pflichtübung im Kleingedruckten versteckt, sondern es zum zentralen Baustein des Jubiläumsjahres macht, verdient Respekt. Es zeigt, dass in der Frankfurter Zentrale eine Erkenntnis gereift ist: Wahre Traditionspflege ist ohne den Schatten der Vergangenheit nicht zu haben. Wer die Glanzzeiten der Pionierjahre feiern will, muss auch die Abgründe der Mittäterschaft ausleuchten. Das Buch arbeitet heraus, wie fließend die Grenzen zwischen zivilem Fortschritt und militärischem Kalkül waren. Es zeigt Führungskräfte, die Technokraten der Macht waren. Für die heutige Generation von Managern ist das mehr als nur Geschichtsunterricht. Es ist eine Mahnung zur Haltung. Corporate Social Responsibility ist keine Erfindung von Marketingabteilungen, sondern die Antwort auf die historische Erfahrung, was passiert, wenn Unternehmen ihren moralischen Kompass an der Garderobe der Macht abgeben. Das Vorgehen der Lufthansa, sich nun – und diesmal wirklich offiziell – der Kritik renommierter Forscher zu stellen, ist zur Nachahmung empfohlen. Nicht nur für die wenigen verbliebenen Großunternehmen, die noch mauern. Sondern auch für den Mittelstand, der diesen schmerzhaften Prozess oft noch vor sich hat. Der Kranich fliegt jetzt ohne Scheuklappen. Er wirkt glaubwürdiger.