Passagiere, die ängstlich durch das Flughafengebäude in Guadalajara laufen, weil sie fürchten, dass die Drogenmafia den Flughafen angreifen könnte. Touristen, die sicherheitshalber evakuiert werden, und andere, die filmen, wie über dem beliebten Touristenort mexikanischen Puerto Vallarta die Rauchsäulen in den Himmel steigen. Sie stammen von angezündeten Autoreifen und in Brand gesteckten Supermärkten. Der denkwürdige Tag im Bundesstaat Jalisco nach der Polizeiaktion gegen Nemesio Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“, Kopf Drogenkartells „Cártel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG) rund 100 Tage vor der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko, den USA und Kanada wird bei den Turnier-Organisatoren tiefe Spuren hinterlassen. In den vergangenen Wochen war in Europa vor allem über ein WM-Boykott gegen die USA diskutiert worden. Als Reaktion auf die aggressive Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump und dessen Griff nach Grönland – einem politisch sich selbstverwalteten Bestandteil des Königreichs Dänemark. Der lange Arm der Kartelle reicht bis in jedes Dorf Nun aber rückt ein ganz anderes Problem in den Blick: Die fragile Sicherheitslage in Mexiko. „Präsidentin Claudia Sheinbaum hat bereits Ende 2025 im Kontext der WM vor allem Sicherheits- und Infrastrukturmaßnahmen in den Vordergrund gestellt“, sagt Sicherheitsexpertin Katharina Krakow von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung aus Mexiko-Stadt im Gespräch mit der F.A.Z. Mexiko werde alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen treffen, um Besucher, Teams und Fans zu schützen, sagte Krawkow. Das ist ein Versprechen, das nach den Ereignissen des Wochenendes jedoch eine ganz neue Qualität bekommt. Denn nun deuten die Fakten auf ein neues Szenario hin. Die heftige Reaktion der Drogenmafia nicht nur in Guadalajara zeigt, dass die organisierte Kriminalität jederzeit in der Lage ist, im Land Chaos, Angst und Unruhe zu verbreiten. Der lange Arm der Kartelle reicht in jedes Dorf, in jedes Stadtviertel und bis auf jede Verbindungsstraße rund um die drei Spielorte Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey. Wenn es die Kartelle wollen, dann herrscht Unruhe in Mexiko. Könnte Mexiko enger mit der US-Regierung zusammenarbeiten? Die staatlichen Sicherheitskräfte scheinen, wie am Sonntag zu sehen war, erst einmal überfordert. Hinzu kommt, dass die Drogenkartelle waffentechnisch hochgerüstet sind. Die organisierte Kriminalität investiert ihre Milliardengewinne aus dem Kokain- und Fentanyl-Schmuggel in den Ankauf amerikanischer Waffen. Und sind damit den einfachen mexikanischen Sicherheitskräften hoch überlegen. Zwei Erstligaspiele in Mexiko mussten bereits abgesagt werden. Ob das für Donnerstag in der Stadt Queretaro angesetzte Freundschaftsspiel zwischen der mexikanischen Nationalmannschaft und Island stattfinden kann, bleibt aufgrund der Sicherheitslage noch offen. DFB-Sportdirektor Rudi Völler bezeichnete die jüngste Gewalteskalation als „erschreckend“. „Wir haben alle natürlich die Hoffnung, dass sich das in den nächsten Tagen und Wochen wieder beruhigt, bis die WM losgeht“, sagte Völler bei der dpa-Chefredaktionskonferenz in Berlin. Es wird es immer wahrscheinlicher, dass im Vorfeld der Weltmeisterschaft und während des Turniers die Regierungen in Mexiko-Stadt und Washington viel enger zusammenarbeiten werden als bisher. Washington kann, wie das vom Weißen Haus bestätigt wurde, wichtige nachrichtendienstliche Hinweise und Erkenntnisse liefern. Die sind offenbar so gut, dass es gelang „El Mencho“ in seinem Versteck aufzuspüren und zu stellen. Dass dabei auch in Kauf genommen wurde, dass er bei der Polizeiaktion ums Leben kommt, deutet auf einen Politikwechsel in der Regierung Sheinbaum hin. Die hatte bislang auf einen zurückhaltenden Kurs gesetzt. Sheinbaum-Vorgänger und Parteifreund Andres Manuel Lopez Obrador hatte die Parole „Umarmungen statt Schüsse“ ausgegeben. Die Bilanz seiner sechsjährigen Amtszeit: Rund 200.000 gewaltsam ums Leben gekommene Menschen. Das ist ein neuer Negativ-Rekord aller bisherigen mexikanischen Präsidentschaften. Sheinbaum ist bereits in der Vergangenheit vorsichtig auf Distanz zu dieser Politik gegangen, nun hat sie klargemacht, dass mit ihr nicht zu spaßen ist. Mexikos Drogenkartelle wissen nun vor der Weltmeisterschaft, dass die Regierung in der Lage ist, auch die höchsten Bosse ausfindig zu machen. Und dass die Amerikaner dabei auch tatkräftig mithelfen. Die WM-Touristen hingegen wissen spätestens jetzt, dass Mexiko ein Risikoland ist. Sie müssen für sich selbst entscheiden, ob dieses Risiko eingehen und in ein Land fahren, das zwar eine bewundernswerte Gastfreundschaft besitzt, aber auch jederzeit zu einem Pulverfass werden kann.
