FAZ 22.12.2025
08:12 Uhr

Unruhe in Dortmund: Das Handicap des BVB


Das Kernproblem in Dortmund ist nicht das Harmoniebedürfnis. Es fehlt auf allen Ebenen an Konfliktfähigkeit. Und an der Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.

Unruhe in Dortmund: Das Handicap des BVB

Oft bleibt manches unklar, wenn Matthias Sammer seine Stimme erhebt, um den Fußball im Allgemeinen und Borussia Dortmund im Speziellen zu erklären. Aber in der vorigen Woche hat der als Berater beim BVB beschäftigte Experte klare Worte gesprochen: „Dortmund ist harmoniesüchtig“, verkündete Sammer, nachdem Mitglieder der Klubführung „unterschiedlich“ auf die im TV formulierte Kritik von Nico Schlotterbeck an einigen Mitspielern reagiert hatten. Sammers Meinung zu Schlotterbeck ist klar: „Ich fand’s wunderbar, was er gesagt hat.“ Offen formulierte Positionen mögen tatsächlich hilfreich sein in solch einem Hochleistungsbetrieb. Allerdings nur unter einer Voraussetzung: Die angesprochenen Menschen sollten fähig sein, Kritik anzunehmen und eine Bereitschaft zur Veränderung zu entwickeln. Karim Adeyemi, einer der Hauptadressaten von Schlotterbecks Ärger („Die Spieler, die reinkommen, verlieren jeden Ball“), spielte am Freitag gegen Mönchengladbach besonders schwach. Anschließend führte er die beleidigte Show eines eitlen Egomanen auf. Es werde eine Strafe geben, kündigte Sportchef Sebastian Kehl an, der selbst Gegenstand der Kontroversen ist. Denn es ist klar, wen Sammer meinte, als er im gleichen Talk bei Sky sagte, es gebe unter den Chefs beim BVB „Menschen, die wunderbare Charaktereigenschaften haben, aber keine Führungseigenschaften“: Kehl. Eventuell wird Sammer seine Beraterrolle verlieren, sofern nicht Kehl selbst demnächst gehen muss. Bereits getrennt haben sich der Klub und der langjährige Kommunikationschef, nachdem der BVB zuletzt zum unruhigsten Standort der Bundesliga avanciert war. So gab es die Debatte über das Rheinmetall-Sponsoring, jahrelang nicht sauber aufgearbeitete Missbrauchsvorgänge, einen konfliktreichen Wahlkampf ums Präsidentenamt, permanente Schlagzeilen um Spieler wie Serhou Guirassy, den auch wegen illegalen Waffenbesitzes bestraften Adeyemi und vieles mehr. Da kann man sich schon mal nach mehr Einigkeit sehnen. Beschädigtes Gemeinschaftsgefühl lässt sich schwer kompensieren Das Kernproblem liegt aber nicht in der Größe des Harmoniebedürfnisses. Die große Schwäche beim BVB ist die Konfliktfähigkeit. Sammer bemängelt diese in der Klubführung, das Defizit setzt sich aber fort. Borussia Dortmund ist nicht in der Lage, makellose Weltklassefußballer unter Vertrag zu nehmen. Wer hierherkommt, hat oft viel Potential, aber eben auch Defizite. Eine gut funktionierende Gruppe kann das auffangen, was sich aber nur schwer kompensieren lässt, ist ein beschädigtes Gemeinschaftsgefühl. Zumindest Adeyemi hat nun deutlich gezeigt, dass er nicht konstruktiv mit Kritik umgeht. Auch Guirassy machte während seines Streits um die Ausführung eines Elfmeters deutlich, wie wenig er sich um das gemeinsame Projekt schert. In der Vergangenheit saßen immer wieder Leute in der Kabine, deren Aktivitäten sich in ähnlicher Art und Weise negativ auswirkten: Bekannt waren etwa die gegensätzlichen Positionen der langjährigen Führungsspieler Mats Hummels und Marco Reus. Es existieren etliche solche Beispiele und ein übergeordnetes Handicap: Den Menschen bei Borussia Dortmund fällt es sehr schwer, ihre unterschiedlichen Charaktere, Perspektiven, Fähigkeiten und Schwächen konstruktiv im Sinne des großen Ganzen zusammenzufügen. Die Außendarstellung ist nur das Symptom.