FAZ 22.11.2025
09:22 Uhr

Unmut im Fußballstadion: Ist die Inszenierung wichtiger als das Spiel?


Fahnen im Fanblock während des ganzen Spiels: Was die einen erfreut, ärgert andere. Geht es nur um Selbstinszenierung in der Fußball-Bundesliga?

Unmut im Fußballstadion: Ist die Inszenierung wichtiger als das Spiel?

Erst ein paar Tage ist es her, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) stolz eines ihrer wenigen Alleinstellungsmerkmale hervorgehoben haben. „Die vielfältige deutsche Fankultur ist im internationalen Vergleich einzigartig“, verkünden die Verbände, die schon auch Probleme wie die Gewaltaffinität mancher Anhänger und den unvorsichtigen Umgang mit Pyrotechnik benennen. Aber die schönen Bilder von den Kurven mit den wehenden Fahnen und der Soundteppich, den die Gesänge der Ultras in den Stadien erzeugen, werden als attraktive Kulisse für die fußballerisch oft niveauarmen Wettkämpfe vom Rasen betrachtet. Dabei schwelt hinter der Inszenierung der Fankurven selbst dann ein Konflikt, wenn alles friedlich bleibt und kein Feuerwerk brennt. Markus Richter (Name geändert), der seit mehr als 40 Jahren Spiele des FC Schalke besucht und seit dem ersten Spiel in der Veltins-Arena 2001 in Block I in der Nordkurve steht, sieht seit einiger Zeit kaum noch, was auf dem Platz passiert. Weil vor ihm immer mehr und immer größere Fahnen geschwenkt werden. „Eine einzige große Fahne reicht, und 300 Leute kriegen gar nichts mehr vom Spiel mit, weitere 300 sehen nur noch die Hälfte“, sagt Richter. Er hat in der Arena, in Zügen und in Auswärtsblöcken genug erlebt, um zu wissen, dass eine Kontaktaufnahme mit den immer präsenteren Fahnenschwenkern nur wenig Sinn ergeben würde. „Ich spreche die nicht an, weil ich genau weiß, dass es wahrscheinlicher wäre, nach so einem Gespräch eine in die Fresse zu kriegen, als zu bewirken, dass die Fahnen gar nicht mehr oder zumindest anders geschwenkt werden“, sagt er. Ganz neu ist das Phänomen nicht, aber es wird gerade immer akuter. Die F.A.S. hat unter allen Bundesligaklubs und einigen Zweitligavereinen eine Befragung zu der Problematik durchgeführt, auf die beispielsweise der FC Schalke antwortet: „Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Thema im laufenden Kalenderjahr an Relevanz zugelegt hat – insbesondere bei Auswärtsspielen.“ Die Verdrängungsdynamik der Ultrakultur Der Stadionfußball boomt, gerade in den Stehbereichen tauchen immer mehr Leute auf, die am Support teilnehmen wollen, denen die Selbstinszenierung oft wichtiger ist als das Spiel. In den Antworten aus den Vereinen zeigt sich: Überall wird debattiert, an vielen Standorten zunehmend kontrovers. „Das liegt insbesondere daran, dass der jüngere Teil der Fan­szene (inklusive, aber nicht nur Ultras) in den vergangenen Jahren stetig größer geworden ist, was zu einer Ausdehnung und Vermehrung des Fahneneinsatzes und immer imposanteren Fahnenmeeren in der Kurve geführt hat“, antwortet das Fanprojekt Mönchengladbach auf Nachfrage. Auch beim HSV lasse sich „speziell auf der Nordtribüne des Volksparkstadions ein stetig wachsender Einsatz von Schwenkfahnen beobachten“, erklärt ein Klubsprecher und ergänzt: „Die Nachfrage nach Tickets im Stehplatzbereich ist trotz der durch Fahnen eingeschränkten Sicht größer als in jedem anderen Bereich des Stadions – Tendenz steigend.“ Es handelt sich um eine Entwicklung, die parallel läuft zum Bedeutungsgewinn der Ultrakultur, der eine Verdrängungsdynamik ausgelöst hat. „Vor 15 Jahren gab es in den meisten Kurven eine, zwei, manchmal drei Gruppierungen“, sagt Jonas Gabler, der zur Ultrakultur forscht und in der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene soziale Arbeit arbeitet. Genauso präsent waren aktive Fans aus anderen Zusammenhängen, die eher in Fanklubs organisiert waren. „Inzwischen ist die Ultrakultur mit ihren Ausdrucks- und Kommunikationsformen die vorherrschende Fankultur“, sagt Gabler. „Keine Weiber in der ersten Reihe“ Eine Kultur mit zum Teil bizarren Regeln: Fahnen und Banner haben die Bedeutung von Heiligtümern. Wenn sich eine Ultragruppe ihr Hauptbanner klauen lässt, dann muss sie sich laut dem Kodex der Bewegung selbst auflösen, wie es 2018 der bekannten Kölner Gruppe ­„Boyz“ geschah. „Es gibt eine klare Ordnung, welche Banner wo aufgehängt werden und welche Fahnen in welchen Größen an welchen Orten von welchen Personen geschwenkt werden dürfen. Das sind sehr hierarchische Systeme“, sagt ein langjähriger Fan aus dem direkten Umfeld einer Ultragruppe eines großen Traditionsklubs, der namentlich lieber ungenannt bleiben möchte. Leute, die im Gedränge gegen eine Fahne stoßen oder die ein Banner so berühren, dass es Falten wirft, bekommen sofort Ärger, erzählt der Anhänger: „Respekt vor der Fahne“ sei ein Grundwert, auf den mitunter sehr aggressiv hingewiesen werde. „Es gibt bei den jungen Leuten einen Trend zu mehr Gewalt“, der auch im Umgang mit den Fahnen hervorschimmert. Bei Rot-Weiß Essen wurde Anfang November ein Flyer verteilt, auf dem ein paar Verhaltensregeln für den Aufenthalt im Block W2 niedergeschrieben wurden. Neben der sexistischen Anweisung „Keine Weiber in der ersten Reihe“, dem Hinweis auf eine „Schalpflicht“ und der Aufforderung, „sorgsam“ mit „Material wie Fahnen“ umzugehen, steht dort auch: „Fahneneinsatz in W2 erwünscht! Wen es zu sehr stört, kann in die Nachbarblöcke ausweichen.“ Diesen Vorschlag machen etliche andere Vereine in ihren Antworten auf die F.A.S.-Umfrage: Sowohl der Wunsch, mit Fahnen zu unterstützen, als auch der Wunsch, das Spiel zu sehen, seien „legitim und doch kaum miteinander zu vereinbaren“, schreibt der SC Freiburg: „Als Verein versuchen wir, unterschiedliche Bereiche auf den Tribünen zu definieren, in denen die Interessen abgestuft gewichtet werden.“ Das empfehlen auch die Schalker: „Bei Heimspielen besteht zumindest in der Nordkurve der Vorteil der freien Platzwahl, sodass man seinen Standort entsprechend verlagern kann.“ Der Fan Markus Richter hält diesen Vorschlag jedoch für realitätsfern. Wie fast überall besitzt die Mehrheit der Kurvenfans Dauerkarten. Die Leute stehen seit Jahren auf ihren Stammplätzen. Da könne man sich nicht einfach an einem der wenigen und durchaus begehrten Orte mit freier Sicht ansiedeln, erst recht nicht mit einer Freundesgruppe, sagt Richter. „Wenn dann plötzlich ein paar Dutzend Leute in eine Nische wechseln wollen, wo man gut sehen kann, dann ist es dort überfüllt und nicht mehr sicher“, sagt er. Zwar gebe es auf Schalke „verschiedene Formate des Austauschs“, um solche Probleme zu lösen, schreibt der Klub, das hält Richter bei diesem Thema aber für hoffnungslos: „Wir sind resigniert, weil wir glauben, dass wir auch über den Verein nichts erreichen können. Jeder weiß, dass die Ul­tras zu viel Macht haben.“ Daraus ergebe sich der Eindruck, dass „die Leute, die schon lange hingehen, die wirklich Fans sind, die mit der Mannschaft leiden und das Spiel sehen wollen, aus dem Stehplatzbereich verdrängt werden“. Weil in den Klubs längst bekannt ist, dass der mit dem Ticketkauf eigentlich erworbene Anspruch, ein Fußballspiel sehen zu können, oft nicht erfüllt werden kann, sichern sie sich auch rechtlich ab. In den AGBs zum Ticketkauf wird beispielsweise in Frankfurt und Heidenheim explizit darauf hingewiesen, dass mit Sichteinschränkungen zu rechnen sei. Der Wettbewerb auf den Rängen In Mönchengladbach wurde im März auf change.org eine Petition mit dem Ziel gestartet, das Fahnenschwenken in der dortigen Nordkurve während des Spiels zu unterlassen. Innerhalb weniger Stunden hatten mehr als 500 Leute unterzeichnet. Derzeit werde „die Machbarkeit alternativer Stehplatzblöcke in anderen Stadionbereichen geprüft, aus denen das Spiel uneingeschränkt und zum Stehplatzpreis verfolgt werden kann“, heißt es bei der Borussia. Für das Hier und Jetzt wurden in Gladbach zudem „Kompromisse zum reduzierten Einsatz von großen Fahnen in bestimmten Spielsituationen gefunden“. Auch in Hoffenheim oder Köln wird bei Standardsituationen nicht gewedelt, der Vorsatz, bei Kontern und anderen Torszenen ebenfalls eine freie Sicht zu ermöglichen, ist aber eher eine schöne Idee als eine befriedende Maßnahme. Dazu ist das Spiel viel zu schnell, meist sehen die Fahnenschwenker ja selbst gar nicht, was gerade passiert. Und im Gästeblock bei Auswärtsspielen sind solche Kompromisse utopisch, weil die Ultras in ihrem Wettstreit mit dem Rest des Stadions um den besseren Support hier besonders ehrgeizig sind. „Wir beobachten einen Wahnsinnsboom der auswärtsfahrenden Fans. Fast alle Vereine berichten, dass diese Zahlen nach der Pandemie deutlich angestiegen sind“, sagt der Fanforscher Jonas Gabler und erklärt: „Es ist ein Teil der Ultra-Kultur, einen Wettbewerb auf den Rängen herzustellen: Wer leistet den besseren Support?“ Auswärts lauter und besser sichtbar zu sein als das Heimpublikum gilt als besonderer Triumph. Oft stimmen sich die Ultra-Gruppen deshalb ab, wer die klassischen Stehplatzblöcke besetzt und wer sich Tickets für den Sitzplatzbereich besorgt, sodass dann die gesamte Fläche mit Fahnen, Bannern und Pyrotechnik bespielt werden kann. „Auswärts ist nur noch saufen und Support“, heißt es in der Szene. Die Ultras haben „kein Interesse“ Der Fanladen St. Pauli räumt offen ein, dass in Konfliktfällen „nicht organisierte Zuschauer*innen in der Kompromissfindung oft schlechter wegkommen als organisierte Fangruppen, die Fahnen durchgehend schwenken möchten.“ Bei dem Hamburger Stadtteilklub, der mehr noch als andere Vereine Debatten ausfechten möchte, seien „auch die Perspektiven darauf innerhalb von Verein und Fanbetreuung nicht einheitlich“. In der Stadionordnung steht: „Innerhalb der Stadionanlagen hat sich jede*r Besucher*in so zu verhalten, dass niemand anderes geschädigt, gefährdet oder – mehr als nach den Umständen vermeidbar – behindert oder belästigt wird.“ Eine Vorgabe mit großem Interpretationsspielraum. Wobei im Kurvenalltag am Ende meist das Recht des Stärkeren gilt. „Besonders schlimm“ sei die Lage, „wenn Otto und Liese Normalfortune rechtzeitig eingetroffen sind und sich Plätze im unteren Bereich gesichert haben“, schreibt ein Düsseldorfer Anhänger im Fanzine „Fortuna-Punkte“ über seine Erlebnisse auf Auswärtsfahrten. Dort könnte man das Spiel theoretisch auch dann sehen, wenn weiter oben Fahnen wehen, aber so einen Kompromiss lassen die Ultras offenbar nicht zu. Aufgrund von Staus oder Polizeiärger verspätete Gruppen „verdrängen diese anderen Fans nicht selten mit teilweise massiven Mitteln aus den Bereichen, von denen sie meinen, sie stünden ihnen zu“, berichtet der Fortuna-Fan. „Kein Interesse an einer solchen Umfrage“ Die F.A.S. hat diverse Ultragruppierungen darum gebeten, den Umgang mit solchen Konflikten zu erklären, die meisten haben gar nicht reagiert, und wenn doch, klingen die Antworten ungefähr so: „Wir haben kein Interesse an einer solchen Umfrage“, erklärt die Mönchengladbacher „Sottocultura“. Die Stuttgarter Ultras „Schwabensturm 2002“ schreiben: „Aktuell stehen wir für eine solche Umfrage/Interview nicht zur Verfügung.“ Sie sitzen am längeren Hebel, weil sie in den Kurven einen erstaunlichen Herrschaftsanspruch durchgesetzt haben. Nicht zuletzt, weil sie wissen, dass ihre Fahnenshow als Teil des Fernsehbildes hoch erwünscht ist.