Herr Schneider, Sie sind seit vorgestern in Charkiw und umliegenden Dörfern in der Ostukraine unterwegs. Wie geht es den Kindern dort? Die Kinder hier sind von einer Kindheit, die diesen Namen verdient, weit entfernt. Sie stehen sehr unter dem unmittelbaren Eindruck des Krieges – eines von fünf Kindern hat Freunde oder Angehörige verloren. Und jede Nacht ist von der Angst geprägt, dass es wieder losgeht. Ständig schlagen in Charkiw und Umgebung Drohnen und Raketen in Wohnhäuser ein, und Schulen werden angegriffen. Erst in der Nacht zu Mittwoch hat es schwere Drohnenattacken gegeben, bei denen ein Dreizehnjähriger verletzt wurde. Gestern habe ich mit einer Ärztin gesprochen, die Kinder betreut, und sie hat einen Satz gesagt, der mich nicht loslässt: „Unser Leben ist ein Albtraum, aus dem wir nicht aufwachen.“ Wie sieht der Alltag der Kinder in Charkiw aus? Wir haben hier einen Kindergarten im Luftschutzbunker besucht und gesehen, was es für Vierjährige bedeutet, erstmals mit anderen Kindern in einem Raum zu sein, zu lernen, wie man gemeinsam ein Bild malt oder was man macht, wenn man denselben Baustein haben will. Viele Kleinkinder haben gar keinen Kontakt zu Gleichaltrigen: 40 bis 50 Prozent haben keine Möglichkeit, eine Vorschule oder einen Kindergarten zu besuchen. Zu erfahren, was das für die kognitive Entwicklung, das Sozialverhalten, die emotionale Entwicklung bedeutet, ist heftig. 80 Prozent der Kinder zeigen Anzeichen von emotionaler Belastung und Entwicklungsverzögerung. Was sind das für Anzeichen? Die Erzieherinnen berichten von Angstzuständen. Die Kinder schlafen schlecht, sind sehr schreckhaft. Und sie lernen langsamer sprechen. Mir ist aufgefallen, dass viel über den großen Bedarf an Sprachtherapeuten geredet wird. Der Krieg verschlägt den Kindern buchstäblich die Sprache. Sie ziehen sich zurück, sprechen nicht. Und wie geht es den Jugendlichen? Auch sie schlafen schlecht und haben große Ängste. Eine Sechzehnjährige brach bei einem Gespräch in Tränen aus und sagte: „Meine größte Angst ist, dass dieser Krieg nie aufhört.“ Andere berichteten von der Panik, wenn sie während eines Luftalarms ihre Freunde nicht erreichen können. Gleichzeitig ist es bewegend zu hören, dass sich so viele entschieden haben: Meine Zukunft liegt hier, ich will in meiner Heimat bleiben. Gibt es, analog zu den Kindergärten in Bunkern, auch unterirdische Jugendzentren? Ja, zum Beispiel in Chuhuiv, das noch näher an der Front liegt als Charkiw. Dort haben Jugendliche in einem großen Luftschutzkeller unter einem Wohnhaus die Möglichkeit, Freunde zu treffen, zu lernen, eigene Projekte zu verwirklichen. Eine Gruppe hat dort zum Beispiel ein Pilotprojekt für die smarte Beleuchtung von Städten entwickelt, die an die Bewegung von Fußgängern angepasst wird und so Strom spart. Andere machen Musik oder Podcasts. Alles, was es ihnen ermöglicht, nach vorn zu schauen, Dinge zu entwickeln, ein bisschen Zukunftsperspektive zu haben, ist enorm wichtig. Jetzt steht den Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern der vierte Kriegswinter bevor. Was macht UNICEF, um dessen Folgen abzumildern? Wir haben schon vor dem letzten Winter mehrere Hundert Schulen und Kindergärten mit kleinen finanziellen Hilfen ausgestattet, damit sie Fenster abdichten und Heizungen reparieren können. Dann unterstützen wir gezielt Mütter mit ihren Kindern in frontnahen Gemeinden wie Chuhuiv und Balakliya. Dort sind wir von Winterhilfspaketen zu kleinen Bargeldzahlungen übergegangen, weil Dinge wie warme Kleidung in der Ukraine verfügbar sind, aber die Menschen alles verloren haben. Ein weiterer Punkt ist die Reparatur der Wassersysteme und die Bereitstellung von Generatoren für Schutzkeller und für Gesundheitseinrichtungen. Damit der Alltag normal funktioniert und es nicht noch schwerer wird. Trotzdem droht der Winter wieder extrem hart zu werden, und die Angst ist groß.
