FAZ 27.01.2026
06:36 Uhr

Ungewöhnliche Unterkunft: Wo sind wir denn hier gelandet?


Nur die Nacht vergeht nicht wie im Flug: In einem Amsterdamer Hotel erlebt die Frontsektion einer ausrangierten Boeing 737 ihre erstaunliche Wiederverwendung.

Ungewöhnliche Unterkunft: Wo sind wir denn hier gelandet?

Eigentlich sollte es noch spektakulärer werden, schon von draußen. „Wir wollten das Cockpit direkt aus der Fassade ragen lassen“, erzählt Hakan llhan. Doch das niederländische Baurecht machte dem Direktor des Corendon Hotel Amsterdam New West einen Strich durch die Rechnung. „Erlaubt ist nur ein Überhang von maximal einem Meter“, bedauert er. So klebt jetzt etwas fremdartig anmutend als Hingucker lediglich die weiße Nasenspitze des Flugzeugs außen am Fenster der Suite 737. Vor zehn Jahren wurde das ursprüngliche Bürogebäude zum Hotel umgebaut und dafür um drei Etagen aufgestockt. Noch im Rohbau, entschieden sich die Bauherren der türkisch-niederländischen Touristikgruppe, die Hotels und eine Fluggesellschaft betreibt, gleich eine besondere Attraktion mit einzubauen: Ein echtes Verkehrsflugzeug, oder, genauer gesagt, über sechs Meter Frontpartie einer Boeing 737-300. Seither ist das unscheinbare Haus neben Polizeihauptquartier, Baumarkt und Wohnhäusern zwischen dem Flughafen Schiphol und den Amsterdamer Grachten zur Pilgerstätte für Flugzeugfans geworden. Neuerdings auch für Influencer. „Für die ist das toll, das ist quasi eingebauter Content“, sagt Ilhan. Erst zu Jahresbeginn postete einer ein Video auf Tiktok, das inzwischen 26 Millionen mal geklickt wurde. Die Folge: Suite 737 ist stets für mindestens drei Monate im Voraus ausgebucht, viele Nutzer reisen eigens aus dem Ausland an. Seit das berühmte Jumbo Hostel, eine zum Hotel umgebaute Boeing 747, am Flughafen Stockholm im März 2025 nach 16 Jahren schließen musste, finden Flugzeugfans in Amsterdam adäquaten Ersatz: Zwar nächtigen sie hier nicht in, sondern gleich neben dem Flugzeug, dafür aber bequemer als in den etwas beengten Schlafkabinen des Jumbo-Hostels. Am Ende des langen Flurs im siebten Stock öffnet sich die Tür zur „Cockpit Suite“, und der Gast schaut direkt durch eine Flugzeugkabine nach vorn: drei Sitzreihen, zu öffnende Gepäckfächer an der Kabinendecke, Servierwagen, der Eingang zum Cockpit und offene Flugzeugtüren zu beiden Seiten, alles absolut original. Auch wenn das Flugzeugfragment ein Phantasiekennzeichen an falscher Stelle trägt, dazu eine unkorrekte Typenbezeichnung aufgemalt ist zusammen mit den Farben der hauseigenen Corendon Airlines, finden neugierige Flugzeugfans bei Recherchen heraus, dass diese Maschine nie für Corendon geflogen ist. Die Boeing 737-300 begann ihr Leben 1988 bei einem spanischen Ferienflieger und flog dann für Betreiber in Kanada, Brasilien, Indonesien, Myanmar und Schweden und zuletzt 2007 in Italien, bis sie 2012 abgewrackt und ihre Frontpartie gerettet wurde. Sie sorgt heute bei jedem, der erstmals Suite 737 betritt, für einen echten Wow-Effekt, so ungewöhnlich ist das Arrangement. Suite oder Spielplatz? Da fällt es kaum ins Gewicht, dass die 120 Quadratmeter-Suite mit Doppelbett und Schreibtisch auf der einen Seite der Kabine und viel Leerraum mit Sofa plus eigener Küche auf der anderen Seite seltsam aufgeteilt und nicht gerade gemütlich wirkt. Von den drei Minitoiletten ganz zu schweigen – „das stammt aus der Anfangszeit, als wir das hier noch als Konferenzraum und professionellen Flugsimulator genutzt haben“, erklärt Hakan Ilhan. Aber wer kann schon von sich sagen, dass er heute Nacht in Griffweite einer Boeing 737 schläft? Gemütlich oder nicht, wen kümmert’s. Dazu gibt es einfach zu viel zu entdecken, allein sich überhaupt erst mal an diese verrückte Suite zu gewöhnen, dauert ein wenig. Einer der ersten Wege führt natürlich ins Cockpit. Bis 2018 wurde es zur Ausbildung von Piloten genutzt. Dann wäre eine 100.000 Euro teure Reparatur des Simulators fällig gewesen, dann kam die Pandemie. Seitdem dient es als Spielplatz der Leute, die hier eine Nacht buchen, viele vermutlich genau deshalb. Jeder darf alles anfassen, die Steuersäulen bewegen, Knöpfe drehen, Hebel drücken, ein Kindertraum. Aber eine Spielwiese für Erwachsene, und so was hinterlässt Spuren: Der Schubumkehrhebel für Triebwerk Nummer 2 etwa ist grotesk verbogen. „Hier sind jeden Monat Reparaturen nötig“, stöhnt Hakan Ilhan über die Beliebtheit seines Riesenspielzeugs. Onlinekommentatoren, die sich angesichts des Treibens in der Pilotenkanzel um die Sauberkeit sorgen, kann der Hoteldirektor beruhigen: „Ich beschäftige allein für diese Suite drei Reinigungskräfte, die jeden Tag extra Zeit dafür bekommen und das freiwillig machen.“ Irgendwann ist es auch hier Zeit für den Nachtschlaf. Dafür sollte das Hotel eine eigene Checkliste bereitlegen. Wie lassen sich die endlosen Vorhänge auf komplexen Schienen rund um Fenster und Flugzeug lichtdicht schließen? Wie verdammt noch mal geht das störende Notausgangslicht in der Kabine aus, das bis ins Bett leuchtet? Warum ertönt immer wieder ungewollt diese nervige Willkommensansage eines vorgeblichen Captains? Irgendwann bleibt nur, die Einstiegstür zu schließen. Aber wie wuchtet man müde und im Pyjama eine kiloschwere Flugzeugtür aus ihrer Arretierung? So was lernt man zwar als Flugbegleiter, aber nicht als Hotelgast. Egal, am Ende ist es trotzdem ein großer Spaß, die Nacht mit einer Boeing 737 zu verbringen. Für manche sogar das höchste der Gefühle: „Ich hatte einen Gast, der in die Boeing 737 verliebt ist“, berichtet Hakan Ilhan, der Hotelchef. „Der hat von ihr immer als ‚sie‘ gesprochen und sie geküsst. Er hat nicht so viel Geld und war vorher Hotelkunde, ich habe ihn eingeladen, eine Nacht mit ‚ihr‘ zu verbringen.“ Ilhan selbst schläft auch regelmäßig in Suite 737, das Recht dazu hat er sogar in seinem Arbeitsvertrag stehen.