Erster Tag Dann, um 16 Uhr, verabschiedet sich die Welt. Der Vorhang fällt, und wir sehen: nichts. Der Arlberg wird verschluckt von einer riesigen weißen Wolke, die zwar den langersehnten Schnee bringt, aber zugleich die Sicht auf etwa fünf Meter reduziert. Und das Problem dabei ist: Wir sind außerhalb des Skigebiets unterwegs, rutschen durchs Gelände auf über 2000 Meter Höhe, queren im Blindflug steile Hänge, und nur dank Toms GPS-Gerät haben wir eine ungefähre Ahnung, welche Richtung wir einschlagen müssen. Tom Vau und René Zimmermann sind der Grund, warum wir hier sind. Sie haben ein dreitägiges Programm mit dem Titel „Ski to Fork“ erfunden. Dabei geht man mit dem Skiguide Tom im weitläufigen Gelände des Arlbergs Skifahren und schläft auf einer schlichten Hütte oben am Berg. Auf dieser Hütte kocht René abends mit einfachen Mitteln ein Menü, das sich durchaus auf Sterneniveau bewegt. So weit zur Idee. Nun allerdings fehlt uns jede Orientierung, „Ski to Fork“ wird zu „Ski to Fog“, die Hütte, René, das Abendessen sind wie eine Nadel im Heuhaufen in diesem weißen Nichts. Ein Glück, dass Tom das Arlberg-Gebiet kennt wie kaum ein anderer und immer genau weiß, was er macht. Mit dem GPS-Gerät in der Hand fährt er voran, „wir stehen hier auf einem See“, sagt er einmal, wir folgen ihm über eine Wechte, wissen manchmal nicht, ob wir stehen oder fahren, verlieren ohne Bezugspunkte das Gleichgewicht und fallen manchmal einfach zur Seite um, fahren dann wieder vorsichtig etwas ab, bis sich ganz unvermittelt die dunklen Schindeln der Hütte aus dem konturlosen Weiß schälen. Man könnte den Einstieg in diese ebenso charmante wie unkonventionelle Skireise also durchaus als abenteuerlich bezeichnen. Als gefährlich eher nicht, aber das wird einem als Gast erst später klar, wenn man Tom Vau etwas näher kennenlernt und versteht, wie er sich um seine Schützlinge kümmert. Ständig checkt er auf seinem Handy Webcams, Lawinenlageberichte, Wettervorhersagen und Busverbindungen. Wir sind im Winterraum einer nur im Sommer bewirtschafteten Hütte, deren genaue Lage geheim bleiben soll. Das heißt, es gibt einen Schlafraum mit 14 Schlafplätzen, in denen man es sich bei kühlen Temperaturen mit Hüttenschlafsäcken und Wolldecken bequem macht. Und dann gibt es noch die Küche mit dem Speiseraum, einen kleinen Vorraum und eine Toilette, das war’s. Kein Bad, keine Dusche, nicht mal ein Waschbecken. Das Wasser plätschert draußen aus dem eisigen Brunnen und wird zum Spülen der Toilette in Eimern hereingetragen. Kurz: eine etwas schlichte Unterkunft, verglichen mit dem Anspruch, den Tom und René ans Skifahren (Freeriden am Arlberg) und Essen (Sterneküche in den Bergen) haben. Man könnte auch sagen: Das Konzept hinkt noch ein wenig, denn wer 1250 Euro für die drei Tage bezahlt, der erwartet abends zumindest eine Dusche und vielleicht auch ein eigenes Zimmer. Umso bewundernswerter ist das, was René – Holzfällerhemd, Glatze, Tattoos – hier oben in der kleinen Küche mit ihrem gusseisernen Holzofenherd auf unsere Teller zaubert. Er ist Koch im nördlichen Waldviertel in Niederösterreich, nahe an der tschechischen Grenze, aber bis zur Pandemie hat er lange am Arlberg auf Hütten und in Hotels gearbeitet, und so hat er Tom kennengelernt. Nun serviert er Zwiebelsuppe mit überbackenen Zwiebeln und Bergkäse-Tortellini, dann Karpfen von Schloss Litschau, aus seiner Heimat, mit Erbsen-Chowder, Bärlauch und Bachkresse. Wenig später folgt der Hauptgang: geschmorte Rinderschulter mit Gnocchi, Roten Rüben und Radicchio. Und das Birnen-Walnuss-Clafoutis mit fermentierten Walnüssen und schwarzen Nüssen rundet den Genuss ab. Dazu eine abgestimmte Weinbegleitung von den österreichischen Gütern Schloss Gobelsburg, Tement und Dorli Muhr. Viel besser geht’s nicht. Um dieses Menü zu ermöglichen, hat René – während wir das Skigebiet von St. Anton erkundet haben und vom Rendl aus ins Maflontal durchs Gelände abgefahren sind – sich gleich zweimal auf dem Weg vom Parkplatz in Stuben hinauf zur Hütte mit einem 20-Kilo-Rucksack abgemüht. Das abgepackte Essen, die Weine, sogar die Weingläser – alles musste er hinaufschleppen für die fünf Gäste. Und während wir noch seinen Nachtisch genießen, ist er mit seiner Stirnlampe schon wieder draußen am Brunnen und spült im Schneesturm das Geschirr, holt Feuerholz, kocht das Wasser ab. Sie hätten die Reise fast absagen müssen, erzählt Tom, weil kein Feuerholz mehr auf der Hütte war, im letzten Moment sei Nachschub per Helikopter hochgeflogen worden. Nachmittags hat er einen Verteilerstecker mit Lüsterklemmen an die Deckenlampe geschraubt – damit wir unsere Mobiltelefone aufladen können. Denn aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen ist die Deckenbeleuchtung die einzige Stromquelle in der Hütte. Unter den Steckdosen steht: „Im Winterbetrieb kein Strom!“ Und morgens steht er eine Stunde früher auf, um das Frühstück für uns vorzubereiten. Aber genau das, erzähl er, habe ihn an der Idee „Ski to Fork“ gereizt. „Die Gäste fernab auf einer Hütte versorgen, mit einfachen Mitteln.“ Zweiter Tag Die Nacht war ruhig und hat zehn Zentimeter Neuschnee gebracht. Aber die Sicht ist immer noch miserabel. Tom switcht schon wieder durch Wetterberichte und Webcams und sagt: „Lass uns rüber nach Lech fahren.“ Da sei es erfahrungsgemäß noch am besten. Und so queren wir wieder durch den Nebel, zurück auf die Piste, meiden heute Freeride-Abfahrten im Gelände und pendeln hinüber nach Zürs, Oberlech und Lech – und damit in eine andere Welt: in Lech sind die Reichen und Schönen. Man spricht Englisch, die Frauen tragen Pelz, die Männer merkwürdige Brillen, und die Autos kosten so viel wie Doppelhaushälften. In dieser Luxuswelt zwischen den Luxusherbergen und Sternerestaurants wirkt unsere abenteuerliche „Ski to Fork“-Reise mit Hüttenübernachtung wie ein Akt der Rebellion. In der „Schneggarei“, einem von außen ziemlich normal wirkenden Hüttenrestaurant, versucht eine Gruppe Asiaten, die Karte zu entschlüsseln. Wir verstehen auch nicht, warum ein Negroni 19 Euro, ein Kaiserschmarrn 28 Euro und ein Schnitzel 39 Euro kosten. „Lecher, Oberlecher, Arschlecher“, sagt eine Teilnehmerin aus Wien, die viel Zeit hier verbracht hat. Draußen verpassen wir heute nicht viel. Die Wolken wabern durchs Tal, es schneit immer wieder, hin und wieder reißt es auf, nur um dann wieder zuzuziehen. In der Hütte erzählt Tom von seinem Leben und seinem, für einen Skilehrer, sagen wir mal, eher ungewöhnlichen Profil. Er hat Architektur studiert, in Prag, macht Kunst, malt mit Öl und Acryl, fotografiert, hat in China eine Ausbildung zum Kung-Fu-Lehrer gemacht, ist im Sommer Tennislehrer – und hat immer wieder neue Ideen. „Ski-Gong“ war vor einigen Jahren eine davon, also Qigong auf der Piste. „Ski to Fork“ ist die neueste. Nachmittags queren wir wieder über die steilen Hänge zurück zur Hütte, diesmal ist die Sicht etwas besser, und wir bekommen eine Ahnung davon, wo wir hier gestern herumgeirrt waren. Eine Dusche wäre nun schön – die gibt es frühestens morgen Abend. Der Luxus von Lech kommt uns wieder in den Sinn, er ist so weit weg wie die Sonne über den Wolken. Zum Glück haben wir René, der nun wieder die Regie übernimmt: Topinamburcremesuppe mit in Essig eingelegten Steinpilzen, Rehleber mit knusprigen Zwiebeln und Hagebutten, Bärlauch, eine phantastische Schweinshaxe, die fünf Stunden im Holzofen war, mit Röstkartoffel, Wurzelgemüse, geröstetem Dinkel und Magermilch, und schließlich genauso phantastische Topfenknödel mit Ribiselmus, Zabaione und Nussbutterbrösel. Wieder ein wirklich außergewöhnliches Menü. Dritter Tag Wir sitzen startbereit in Skiklamotten in der Hütte und schauen durch die Fenster in dieses gespenstische und konturlose Weiß. „Die Situation ist elastisch“, sagt René, und Tom zeigt uns Sonnenbilder aus St. Anton auf seinem Handy. Offenbar ist nur noch unsere Hütte von dichtem Nebel umhüllt. Der Versuch, die Drohne zu starten und mit ihr aus dem Nebel zu fliegen, um uns ein Bild von der Situation zu machen, scheitert, weil sich sofort Eiskristalle an den Rotorblättern bilden. Wir werden nie wieder von dieser verfluchten Hütte wegkommen. Doch dann kehrt nach 42 Stunden Schneefall und Nebel die Welt um elf Uhr vormittags zurück, schält sich langsam aus den Wolken, und die Nebelbänke wabern wie Zuckerwatte über die Bergflanken. Los! Wir klicken in die Bindungen und stoßen uns mit kräftigen Stößen ab, als wäre dies unsere einzige Chance, unserem Gefängnis zu entkommen. Die Ski gleiten mit einem sanften Zischen durch den unberührten Pulverschnee. Wir queren einen glitzernden Hang, und das Weiß blendet in den Augen. Es ist so ein Tag, wie man ihn als Gelegenheitsskifahrer in Zeiten des Klimawandels nur alle paar Jahre erlebt. „Star Wars“ nennen die Einheimischen diese Abfahrt, weil der brutalistische Lüftungsschacht des Arlbergtunnels, der hier aus dem Schnee ragt, so aussieht, als wäre man eben mit dem Millennium Falcon auf der Starkiller-Basis gelandet. Greift uns gleich die Erste Ordnung an? Nein, die Gefahr sind keine Sturmtruppler, sondern Lawinen. Das ist Tom anzumerken, und wir sind mal wieder froh, dass wir ihn dabei haben. Wenn man im Gelände unterwegs ist, darf man sich von der Euphorie nicht zu sehr vereinnahmen lassen. Es ist Lawinenwarnstufe zwei, also „mäßig“, und doch spürt man, dass der Neuschnee die Sache riskant macht. „Es gab schon Dreiertage, die gefährlicher waren als heute“, sagt Tom. Über dem Albonagrat kreist ein Hubschrauber, und wir erkennen im Hang darunter, dass dort eine Lawine abgegangen ist, neben uns telefoniert ein Mann, der die Lawine offenbar gesehen hat, er sagt: „Der Hubschrauber ist schon da.“ Wenig später kommt noch ein Polizeihubschrauber hinzu, aber offenbar waren keine Menschen in der Lawine. Es war „ein geplanter und kontrolliert ausgelöster Sprengabgang“, teilen Arlberger Bergbahnen später mit, die Flüge wären Routine gewesen. Etwas über uns sind zwei Skifahrer zu weit nach rechts gefahren und stehen nun über den Felsen in ziemlich steilem Gelände. Tom schüttelt den Kopf und sagt: „Das ist gar nicht gut.“ Die beiden kommen heil unten an. Der vorsichtige und umsichtige Tom, man fühlt sich sicher in seiner Gegenwart, gerade an einem Tag wie diesem. Auch dieser Skitag ist wie ein Sternemenü. Nach der Tiefschneequerung als Vorspeise und „Star Wars“ als Hauptgang folgt nun die Nachspeise: der Aufstieg hinauf zum sogenannten Knödelkopf, passend zum Dessert von gestern. Wir kleben die Felle auf die Ski, die man bei dieser Reise immer im Rucksack dabei hat, und steigen etwa eine halbe Stunde lang auf. Jenseits von allem Pistentrubel und der unverstellten Aussicht auf die Valluga ist das ganz nach unserem Geschmack.
