Die Schläge kamen unvermittelt, wie aus dem Nichts. Sie prasselten auf den Schädel, ins Gesicht, auf den Körper. Bevor sie neben dem Brunnen zu Boden sank, zusammen mit ihrem ebenfalls tödlich getroffenen Söhnchen, dachte Ganna noch kurz an ihre Mutter. Hatte die sie nicht davor gewarnt, sich mit diesem fremden Menschen einzulassen? Doch jener Mann versprach einfach alles, was sie in ihrer Ehe vermisste. Sie konnte nicht anders. Es war das letzte heimliche Treffen – nicht nur für die Germanin Ganna, deren wirklicher Name wohl für immer ein Geheimnis bleiben wird. Auch ihren Liebhaber meuchelten die Mörder mit bestialischer Gewalt. Nach der Tat warfen sie ihre Opfer in den Brunnen. Und beschwerten die leblosen Körper, wohl, damit sie möglichst lange unentdeckt blieben, mit einer Türschwelle. An Bauschutt herrschte in diesem Viertel der römischen Stadt Nida auf dem Gebiet des heutigen Frankfurter Stadtteils Heddernheim gerade kein Mangel. Also kippten die Täter noch kiloweise Steine und Mörtelreste in den Brunnen. Und herumliegende Küchenabfälle. Dabei erwischten sie mit ihren zuvor als Waffen eingesetzten Holzspaten auch zersprungene Tongefäße, die jemand hier hatte liegen lassen. Spurensuche in der Vergangenheit Knapp 18 Jahrhunderte sind seit diesem Dreifachmord vergangen. Ob er sich wirklich so abgespielt hat? Wer weiß das schon. Unergründlich ist der Brunnen der Vergangenheit nicht erst, seit Thomas Mann dafür eine viel zitierte Formulierung gefunden hat. Doch es gibt Indizien, die 1993 – nach der Entdeckung des bis in etwa zehn Meter Tiefe erhaltenen, sorgfältig gemauerten Brunnens – von den Archäologen des Frankfurter Denkmalamts in Grabungsberichten, Fotos und Messdaten dokumentiert sind: die Knochen der Toten sowie Bauschutt, Abfall, Türschwelle und Keramikreste. Auch ein sogenanntes Toilettebesteck aus Bronze, das mitsamt einer gelben Glasperle an einem Ring hängt, konnte aus dem Schacht geborgen werden: eine Pinzette und ein sogenannter Ohrlöffel. Dieses Körperpflegeset, sagt Carsten Wenzel, Kustos am Archäologischen Museum Frankfurt, sei aufgrund seiner Form und des Materials typisch germanisch und habe sicher der Frau gehört. Auch sei davon auszugehen, dass der Brunnen in einem Zuge verfüllt worden sei. Denn einige der sowohl unter als auch über den Toten entdeckten Tonscherben passten zusammen. Geschehen ist dieses Gewaltverbrechen um die Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus. Das verraten nicht nur die Keramikfragmente, sondern nach speziellen Untersuchungen auch Hölzer vom Grunde des Schachtes. Keine Frage: Archäologie bedeutet unter anderem, bei Ausgrabungen gewonnene Indizien richtig zu kombinieren. Dabei wird eine Ermittlungsarbeit geleistet, die in mancher Hinsicht der Tätigkeit von Kriminalisten ähnelt. Wovon deren Erfolg abhängt, zählt Sir Arthur Conan Doyle in seinem Krimi „Das Tal des Grauens“ auf: „die blitzartige Kombination, die listige Falle, die kluge Voraussicht kommender Ereignisse, die triumphierende Rechtfertigung kühner Theorien“. Doch wenn der Archäologe die Überreste eines offenbar Ermordeten vor sich hat, ist kluge Voraussicht nicht mehr gefragt. Die Falle ist schon lange zugeschnappt; die Ereignisse liegen Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende zurück. In solchen Fällen kann mitunter forensische Ermittlung helfen. „Alles, was mit der Aufklärung mutmaßlicher Straftaten auf wissenschaftlicher Grundlage zu tun hat“, so erklärt Constanze Niess den Begriff Forensik. Seit 24 Jahren rekonstruiert die Ärztin, die von 1996 bis 2025 am Institut für Rechtsmedizin der Universität Frankfurt tätig war und seitdem am Universitätsklinikum Ulm arbeitet, Gesichter toter Menschen. Bei ihrer Arbeit gehe es einerseits darum, so Niess, in Zusammenarbeit mit der Polizei nicht namentlich bekannte Leichen, oftmals skelettierte Tote, die kein Gesicht mehr haben, mithilfe einer Rekonstruktion zu identifizieren. Andererseits widmet sich die Rechtsmedizinerin, etwa im Auftrag von Museen, Menschen aus weit zurückliegenden Jahrhunderten. Forensische Archäologie unterstützt moderne Tatortarbeit „Ein Schädel“, fasst Niess ihre Erfahrungen zusammen, „ist so einzigartig wie der Fingerabdruck und reicht aus, um die individuellen Züge eines Menschen nachzuformen.“ Auch den Kopf der 25 bis 30 Jahre alten Germanin aus dem Brunnen in Frankfurt-Heddernheim hat sie rekonstruiert. Er gehört derzeit, zusammen mit dem originalen Totenschädel der Frau, zur Ausstellung über „Frankfurts römisches Erbe“ im Karmeliterkloster. Auch das erwähnte Toilettebesteck kann hier, mitsamt der gelben Perle, besichtigt werden. Um ein Gesicht wiederherstellen zu können, muss zunächst eine originalgetreue Schädelreplik angefertigt werden. Diese Abformung wird später, etwa durch spiegelbildliche Rekonstruktion fehlender Teile oder die Positionierung von Tränenkanal, Ohrloch oder Nasenbeinresten, ergänzt. Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Weichteilmarker an anatomisch definierten Stellen, mit denen die Menge an Weichgewebe auf den jeweiligen Knochen definiert wird. Die Zusammenarbeit von Archäologie und Forensik ist jedoch keine rückwärtsgewandte Einbahnstraße. Nach Angaben einer Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden hat die Tatortgruppe der Behörde vor 25 Jahren neben weiteren Spezialgebieten auch die forensische Archäologie in ihre Arbeit integriert. Die Tatortgruppe ist 1972 gegründet worden, „um sich auf den objektiven Tatbefund zu konzentrieren und dadurch mehr Transparenz, Objektivität und Nachvollziehbarkeit in das Strafverfahren einzubringen“, wie die Sprecherin sagt. Zur Kooperation von Archäologie und Forensik gehören dem BKA zufolge gemeinsame Einsätze mit Ausgräbern, interne Weiterbildungen, Kontakte zu archäologischen Behörden und die Kooperation mit Firmen für spezielles Einsatzgerät. Dabei gehe es unter anderem darum, in strafrechtlich relevanten Fällen „mitunter bereits vor vielen Jahren vom Täter zurückgelassene, vergrabene oder versteckte und andere menschliche Überreste oder andere verfahrensrelevante Gegenstände aufzuspüren, spurenschonend freizulegen und zu dokumentieren“. Denn sowohl Kriminaltechniker als auch Archäologen suchten Spuren und arbeiteten mit höchster Akribie, „nur unter Umständen auf einem anderen Punkt auf dem geschichtlichen Zeitstrahl“. Rätsel um einen verschwundenen Geschäftsmann Ein Beispiel für den Erfolg solcher Zusammenarbeit sei der Fall eines seit März 2003 vermissten Geschäftsmannes, in dem das zuständige Landeskriminalamt wegen des Verdachts eines Tötungsdelikts ermittelt habe, so die BKA-Sprecherin. „Jahre später, im Mai 2008, fanden Forstarbeiter bei Markierungsarbeiten in einem Waldgebiet nahe einer Autobahn menschliche Skelettteile in einem Erdloch.“ Zwar habe der Fund anhand des Zahnstatus sowie weiterer Untersuchungen einwandfrei als der vermisste Geschäftsmann identifiziert werden können, doch sei das Skelett nicht vollständig gewesen. Und es habe nicht geklärt werden können, ob der Leichnam vom Täter in einem Erdloch vergraben worden sei oder er sein Opfer auf den Waldboden gelegt und mit Erde, Sand und Laub bedeckt habe. Daraufhin sei die Tatortgruppe des BKA hinzugezogen worden, und man habe beschlossen, den Waldboden großflächig abzutragen, Proben zu entnehmen, das entnommene Erdreich durchzusieben und die Umgebung mit Metalldetektoren abzusuchen. „Erst dank der archäologischen Herangehensweise“, so das Fazit des BKA, „konnte Gewissheit darüber gewonnen werden, ob der Täter das Opfer auf dem Waldboden abgelegt oder in einem Erdloch begraben hatte.“ Eckhard Laufer bringt es auf den Punkt: „Archäologie ist Kriminalistik, Kriminalistik ist Archäologie.“ In seinem langen Berufsleben – von 1996 an bei der Polizei in Usingen, dann in Bad Homburg und seit 2010 in Wiesbaden: bis 2024 beim Hessischen Landeskriminalamt und seitdem im Polizeipräsidium Westhessen – hat sich der Kriminalhauptkommissar immer wieder mit Fällen von Raubgräbertum und illegalem Kunsthandel befasst. Dass er seit seiner Jugend als Hobbyarchäologe im Gelände unterwegs ist, kommt ihm bei der Ermittlungsarbeit zugute. „Es hilft, wenn man ein Raubgrabungsloch erkennt oder sieht, wenn ein Fund aus einem archäologischen Zusammenhang stammt.“ „Als wenn man aus einem Buch eine Seite herausreißt“ Laufer versteht sich als Verbindungsglied zwischen der Polizei und archäologischen Instituten. Zu den von ihm untersuchten Fällen gehören neben vielen anderen ausgeraubte bronzezeitliche Hügelgräber im Usinger Land, keltische Bronzefunde vom Dünsberg bei Gießen und Hehlerei mit antiken Münzen aus der Ukraine. „Wenn irgendwo auf der Welt politische Krisenherde entstehen, dauert es nicht lange, bis noch nicht registrierte Stücke von dort in den Katalogen auftauchen.“ Unzählige Male hat er schon in Vorträgen darauf hingewiesen, dass das private Aufspüren von Funden, etwa mit Metalldetektoren, und ihr Ausbuddeln illegal und eine Straftat ist. Immer wieder appelliert er an selbst ernannte Schatzgräber: „Jedes geplünderte Bodendenkmal ist endgültig zerstört.“ Einmal aus dem Zusammenhang entfernt, sind Funde für die Geschichtsschreibung wertlos. „Es ist, als wenn jemand aus einem Buch eine Seite herausreißen würde. Er besäße zwar die Seite, aber den Roman kennt er trotz allem nicht.“ Auch im Falle der Germanin im Brunnen haben die Archäologen, wie Carsten Wenzel berichtet, Kriminalisten konsultiert. Nach der Entdeckung der drei Skelette und ihrer Datierung sei von den Altertumsforschern zunächst an einen germanischen Überfall auf die Zivilbevölkerung in einer von Rom beherrschten Provinz gedacht worden. Doch nach anthropologischen Untersuchungen und DNA-Analysen stellten sich die Ermordeten selbst als Angehörige einer germanischen Volksgruppe heraus. Die Frau und das Kind seien miteinander verwandt, nicht aber mit dem Mann. Die Ermittler der Mordkommission der Kripo Frankfurt haben Wenzel zufolge sofort an eine Beziehungstat gedacht. Da die geborgenen Knochen keine Spuren eines Kampfes zeigten, sei der Dreifachmord möglicherweise keine politische, sondern eine spontane, stark emotionale Tat gewesen. Die mehr alltagsbezogene Interpretation der Polizisten laute: „untreue Frau mit Kind und Liebhaber vom Ex und weiteren Tätern erschlagen“.
