FAZ 01.03.2026
11:35 Uhr

Unfall in Mailand: Warum kam die Bahn nicht zum Nothalt?


Ein Straßenbahnunglück erschüttert Mailand im Berufsverkehr: Zwei Menschen kommen ums Leben, mehr als 50 werden verletzt. Die Umstände des Unfalls sind rätselhaft.

Unfall in Mailand: Warum kam die Bahn nicht zum Nothalt?

Nach dem Straßenbahnunglück mit zwei Toten und mehr als 50 zum Teil schwer Verletzten ermittelt die Staatsanwaltschaft in Mailand wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen und wegen fahrlässiger Körperverletzung. Die voll besetzte Straßenbahn der Linie 9 war am Freitagnachmittag im Zentrum der Metropole der norditalienischen Region Lombardei mit hoher Geschwindigkeit aus dem Gleis gesprungen und gegen ein Gebäude geprallt. Bei den Todesopfern handelt es sich nach Angaben der Behörden um einen 59 Jahre alten Italiener sowie einen 56 Jahre alten Mann aus dem Senegal, der seit längerer Zeit in Italien lebte. Beide Männer waren Passagiere der Bahn und wurden bei dem Umfall aus dem Waggon geschleudert. Unter den Verletzten befand sich am Sonntag niemand mehr in Lebensgefahr. Der 61 Jahre alte Fahrer der Bahn, der bei dem Unglück ebenfalls verletzt wurde, berichtete beim Verhör durch die Polizei von Unwohlsein kurz vor dem Unfall. Er sei nicht mehr in der Lage gewesen, die Bahn an einer Haltestelle zum Stehen zu bringen und die Weiche unmittelbar hinter der Haltestelle umzustellen. Kein Hinweis auf Drogen oder Alkohol im Blut Weil die Weiche nach rechts gestellt blieb, statt in Fahrtrichtung geradeaus umgelegt zu werden, sprang die Bahn mit hoher Geschwindigkeit aus dem Gleis, raste über eine Fahrbahn und einen Bürgersteig, ehe sie in ein Gebäude prallte. Wäre die beim Entgleisen stark schwankende Bahn umgefallen, hätte es womöglich noch mehr Todesopfer gegeben. Die dem Fahrer nach dem Unfall entnommene Blutprobe ergab nach Medienberichten keinen Hinweis auf den Konsum von Alkohol oder Drogen. Die Behörden beschlagnahmten das Handy des Fahrers, um bei der Untersuchung der Verbindungsdaten eine mögliche Ablenkung durch die Nutzung des Smartphones auszuschließen. Der Fahrer sei seit mehr als 30 Jahren für die Mailänder Verkehrsbetriebe tätig, teilten die Behörden mit. Bei der entgleisten Bahn handelte es sich um ein Modell des Typs Tramlink, das jüngsten technischen Standards entspricht und erst seit wenigen Wochen in Betrieb war. Die Bahn ist mit jeweils einer Fahrerkabine an beiden Enden ausgestattet, sodass sie an Endhaltestellen die Fahrtrichtung wechseln kann. Unter Waggons eingeklemmt Der Zug ist 25 Meter lang, besteht aus drei miteinander verbundenen Modulen und verfügt über 66 Sitzplätze. Das Sicherheitssystem der Bahn hätte diese zum Stehen bringen müssen, wenn der Fahrer nicht in regelmäßigen Abständen Schalter und Steuerungselemente betätigt. Bisher ist unklar, warum die Bahn nicht zum Nothalt kam, sollte der Fahrer – wie behauptet – wegen eines Unwohlseins nicht mehr in der Lage gewesen sein, diese zu steuern. Zahlreiche Rettungskräfte waren im Einsatz. Mehrere Verletzte waren in der Bahn sowie unter den Waggons eingeklemmt. Auch der Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala kam zum Unglücksort. Einer der leicht verletzten Passagiere schilderte den Hergang mit den Worten, er habe „an ein Erdbeben gedacht“ und sei mit anderen Passagieren auf den Boden geschleudert worden. Eine gleichfalls leicht verletzte Frau berichtete, sie sei an der letzten Haltestelle vor dem Unglück eingestiegen: „Ich stand in der Nähe des Fahrers. Als die Bahn gegen das Haus prallte, stürzten die Passagiere hinter mir auf mich.“ „Moment unermesslichen Schmerzes“ Die Mailänder Verkehrsbetriebe kondolierten den Familien der Opfer. „In diesem Moment unermesslichen Schmerzes gilt der Gedanke des Unternehmens in erster Linie den Familien der Personen, die ihr Leben verloren haben, sowie allen Verletzten. Ihnen sprechen wir unsere aufrichtige Anteilnahme aus“, hieß es in einer Mitteilung. ATM versicherte, man beteilige sich an der Aufklärung des Unfallhergangs und kooperiere vollumfänglich mit den Justizbehörden. Weitere Erkenntnisse erhoffen sich die Ermittler vom Fahrtenschreiber der Bahn sowie von den Aufnahmen der Überwachungskameras in der Straßenbahn und im öffentlichen Raum. In Mailand waren bis zum Sonntag vor einer Woche Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele ausgetragen worden. Von den in- und ausländischen Besuchern der Spiele hatten viele regelmäßig die Straßenbahnen genutzt. Am kommenden Freitag beginnen die Paralympischen Spiele Mailand – Cortina d’Ampezzo 2026, die bis zum 15. März dauern werden.