Es gehört zu unseren schönsten Reiseerlebnissen: An einem strahlenden Januarschneetag blieben wir für eine halbe Stunde ganz allein in der Wieskirche im oberbayerischen Steingaden, während in dem Rokokoraum alles wie von innen leuchtete. Später lasen wir, dass jedes Jahr eine Million Besucher die Kirche aufsuchen, und fühlten uns mit der stillen Stunde noch reicher beschenkt als ohnehin schon. Das kleine Dorf Vlkolínec in der Großen Fatra darf sich ebenfalls Weltkulturerbe nennen, als eine von sechs Stätten in der Slowakei. Die Ortschaft mit gut vierzig farbig angemalten Holzhäusern verdankt ihren Status dem Umstand, dass sie zu den wenigen Siedlungen in Mitteleuropa zählt, die ihren historischen Charakter erhalten haben. Sie schauen in die Häuser, zertrampeln die Vorgärten Was 1993, als der Titel durch die UNESCO verliehen wurde, wie ein Segen erschien, hat sich für die Bewohner als Fluch entpuppt. Jedenfalls macht dieser Tage die Meldung der Katholischen Nachrichtenagentur die Runde durch deutsche Medien, wonach die Bürger von Vlkolínec den Welterbestatus am liebsten loswerden wollen. Gegenüber einem Reporter der Lokalzeitung „Denník K“ hatte sich Anton Sabucha, der älteste Bewohner des Ortes, beschwert, dass Touristen die Vorgärten zertrampeln und durch die Fenster in ihre Häuser schauen. Hinweisschilder, wonach das Fotografieren unerwünscht ist, ignorieren die auswärtigen Flegel. Es sind nicht wenige, etwa 100.000 Besucher werden im Jahr in Vlkolínec gezählt, das ist in etwa das Siebentausendfache der vierzehn permanenten Einwohner. Und die klagen auch darüber, dass sie aufgrund von Vorgaben der UNESCO keine Haustiere halten und bestimmte Feldfrüchte nicht mehr anbauen dürfen. Nur noch halb so groß wie 1993 ist die Dorfgemeinschaft, deren Funktionieren vor gut dreißig Jahren ebenfalls eine Rolle für die Auszeichnung durch die UNESCO gespielt hat. Dass die vierzehn tapferen Rest-Vlkolínecer der UNESCO den Kampf angesagt hätten, wie die KNA schreibt, scheint aber übertrieben. Die Äußerungen des Dorfältesten durchweht eher ein Ton melancholischer Vergeblichkeit. Er wird sich wenig Hoffnung machen, dass die UNESCO und die slowakische Regierung einen entsprechenden Antrag gutheißen würden. Schon die Nachbarorte in den Karpaten werden dankbar sein für das Geld, das die vielen Touristen in die Gegend bringen. Nüchtern betrachtet, bleibt den Bewohnern von Vlkolínec nur, ihr Schicksal zu bejahen, das sie dazu verdammt, als Darsteller ihres eigenen Lebens aufzutreten. Und darauf zu hoffen, dass es immer mal wieder Stunden gibt, in denen sie allein sein dürfen in ihrem schönen Ort.
