FAZ 06.05.2026
15:24 Uhr

Unbekannte Anrufe: Wahrscheinlich war es eine Casting-Anfrage – für einen Porno


Unbekannte Anrufe faszinieren und irritieren zugleich. Drei Geschichten zeigen, was passieren kann, wenn man abhebt.

Unbekannte Anrufe: Wahrscheinlich war es eine Casting-Anfrage – für einen Porno

Die 30-Euro-Versuchung Ich stehe in der Küche meiner Schwiegermutter, als mein Handy klingelt. Nummer unterdrückt. Normalerweise sollte das der Moment sein, in dem ich den Anruf wegdrücke, aber neben meinem Teilzeitjob als Redakteurin bin ich im Nebenjob auch noch freie Traurednerin und hoffe bei jedem Klingeln auf eine Hochzeit. Also nehme ich den Anruf an und sage ohne Argwohn und möglichst professionell: „Hallo, hier ist Katrin Hummel.“ Am anderen Ende: ein älterer Herr. Er klingt nicht nach einer anstehenden Trauung. Er fragt: „Interessieren Sie sich für Mode?“ In meinem Kopf gehe ich kurz meine Garderobe durch. „Na ja“, antworte ich vorsichtig, „nicht wirklich, aber ich habe meinen eigenen Stil.“ Er: „Welchen denn?“ Ich denke: Okay, vielleicht sucht er eine Rednerin für ein Themen-Event? „Sportlich lässig, Jeans. Aber für den richtigen Anlass werfe ich mich natürlich auch in Schale“, präzisiere ich. Dann wird das Gespräch plötzlich schlüpfrig: „Interessieren Sie sich auch für Bademoden?“ Meine innere Alarmglocke schrillt, aber ich bin einfach zu neugierig, also antworte ich: „Theoretisch schon.“ Er: „Könnten Sie sich vorstellen, als Model für Bademoden zu laufen?“ Ich schaue an mir herab. Zwischen der Schwiegermutter und dem Kühlschrank fühle ich mich gerade alles andere als sexy. „Ich bin doch viel zu alt“, entgegne ich. Er, charmant wie ein Staubsaugervertreter: „Ich würde Sie trotzdem nehmen.“ Ich denke mir: Er muss die Videos von mir als Traurednerin auf meiner Website gesehen haben! Er hat mein Charisma erkannt! Also frage ich professionell nach dem Honorar. Man will ja wissen, was die eigene Würde im Badeanzug wert ist. „Was stellen Sie sich denn preislich vor?“ Er: „Was verlangen Sie denn sonst so für eine Traurede?“ Ich, schlau: „Das kommt ganz auf den Aufwand an.“ Ich bin ja nicht blöd. Ich nenne keine Zahlen, bevor ich nicht weiß, ob ich einen Bikini oder einen Neoprenanzug tragen muss. Und dann kommt sein finales Angebot, der Moment, in dem die große Modelkarriere Gestalt annimmt: „Wären 30 Euro okay?“ Stille. Ein echtes unmoralisches Angebot – allerdings nur, weil die Summe so unverschämt niedrig ist. Für 30 Euro verlasse ich als freie Rednerin nicht mal das Haus, um jemandem zum 100. Geburtstag zu gratulieren, geschweige denn, dass ich dafür Haut zeige. Das ist keine Gage für eine Trauung, das ist ein besseres Taschengeld für ein Schulkind. „Nein“, sage ich trocken. Klick. Aufgelegt. Was er wirklich wollte? Wahrscheinlich war es die billigste Casting-Anfrage der Filmgeschichte für einen Porno. Aber wer für 30 Euro eine Darstellerin sucht, hat nicht nur moralische Probleme, sondern vor allem ein massives Liquiditätsproblem. Von Tulpen und Taktgefühl Es war Samstagnachmittag, mein Baby zweieinhalb Wochen alt. Ich trug eine nasse Binde auf meiner Kaiserschnittnarbe, um die Fäden in der leuchtend roten Haut aufzuweichen. Ich genoss die gefühlten fünf Minuten am Tag, in denen ich nicht stillte. Da klingelte mein Telefon. Unbekannte Handynummer. Ich schaute meinen Partner an. Dann unseren Freund, der gerade zum Kaffee da war – der allererste Besuch außerhalb der Familie. Es klingelte wieder. „Ich glaube, ich gehe nicht ran“, sagte ich. „Warum nicht?“, sagte der Freund, „vielleicht will euch nur jemand gratulieren“. Ich drückte auf Annehmen. „Hallooo, Mechthild* hier“, flötete eine Frauenstimme. Ich dachte angestrengt nach. Welche Mechthild? Die Frauenstimme erkannte mein Zögern, ließ sich aber nicht irritieren. „Na, die Mechthild, von deinen Eltern! Herzlichen Glückwunsch zum Nachwuchs! Ich würde in einer Stunde vorbeikommen. Ich will doch den Kleinen kennenlernen!“ Mir fehlten die Worte. Ich stammelte: „Ja, also, wir haben gerade Besuch, den ersten nach den Großeltern . . .“ Mechthild sagte: „Nur für eine Viertelstunde! Ich will euch ja nicht stören!“ Wir legten auf. Ich ging zurück zum Kaffeetisch. „Mechthild kommt gleich vorbei“, sagte ich zu meinem Partner. „Welche Mechthild?“, fragte er. „Na, die von meinen Eltern“, sagte ich. Er schaute verwirrt. Uns fehlten die Worte. Eine Stunde später: Unser Freund, der eigentliche Besuch, hatte das Weite gesucht. Ich öffnete die Tür. Erst sahen wir einen gelben Supermarkt-Tulpenstrauß, dann eine Geschenktüte, dann Mechthild. Sie schaute sich neugierig in unserer Wohnung um. Wir fragten, ob sie etwas trinken wolle. Sie sagte: „Nein, nein, ich bin ja auch gleich wieder weg. Darf ich den Kleinen mal halten?“ Mein Partner guckte mich hilfesuchend an. Wir hatten uns immer gewundert über die Eltern, die ihr Baby niemand anderem überließen. Wir wollten da lockerer sein. Mein Partner reichte Mechthild langsam unseren Sohn. Sie lächelte beseelt. Ich schluckte. Lag es an mir, oder war das hier gerade komisch? Mechthild erzählte von ihren Enkeln, von ihrem Schwiegersohn, der leider, leider keine Elternzeit hatte nehmen können. Wir nickten höflich. Sie reckte ihren Hals, um ins Schlafzimmer schauen zu können. „Willst du eine Wohnungstour?“, fragte ich. Das Intimste, unser Neugeborenes, hatte sie ja sowieso schon gesehen. Mechthild sagte: „Ja, also, wenn du so fragst . . .“ Ich führte sie rum. Sie verabschiedete sich zufrieden. So wurde Mechthild zum vierten Besuch im Leben unseres Sohnes. Letztens haben mein Partner und ich noch mal über diesen Nachmittag im Wochenbett gesprochen: Es lag nicht an mir – er fand es auch komisch. „Aber damals war das Elternsein noch so neu, dass ich es einfach hingenommen habe“, sagte er. Ich wusste genau, was er meinte. *Name geändert Das letzte Abenteuer unserer Zeit Eine Frage muss an dieser Stelle gestellt werden: Wer sind eigentlich diese Menschen, die andere mit unterdrückter Nummer anrufen? Psychopathen, Kriminelle, Perverse? Die Antwort ist: Kann alles sein. Und dann kann es spannend werden. Vielleicht bin aber auch nur ich am Telefon. Meine Beweggründe für anonyme Anrufe sind weniger spektakulär als die der Psychopathen, Kriminellen und Perversen. Wenn mein Handy und ich im Ausland sind, wird bei anderen nur „Anonym“ auf dem Display angezeigt, wenn wir sie anrufen. Warum, das weiß nur mein Mobilfunkanbieter O2. Aber darum kann ich berichten, dass anonyme Anrufe viele Menschen besonders neugierig machen. Der einzige Mensch, den ich auch im Inland gezielt anonym anrufe, ist mein Ehemann. Denn er weigert sich, während seiner Arbeitszeit auf sein Handy zu schauen. Bei den ganz wichtigen Fragen, etwa, wer Tomaten und Klopapier kaufen soll, geht es also nicht anders: Nummer unterdrücken, sein Diensttelefon anrufen. Da muss er rangehen – oder vielleicht kann er auch nur dem Nervenkitzel nicht widerstehen. Früher, als es noch Festnetztelefone gab, wusste man überhaupt nie, wer am Apparat sein würde. Jeder neue Tag war voller Überraschungen! Doch in einer Zeit, in der es von schlechten Manieren zeugt, anzurufen, ohne dies per Whatsapp-Nachricht angekündigt zu haben, in der man den Partner per App orten kann und in Echtzeit den Weg des Pizzaboten verfolgt, verheißt nur der unbekannte Anrufer noch ein Stück Ungewissheit. Ein bisschen Abenteuer. So läuft es auch, wenn ich Leute aus dem Ausland anrufe: Es klingelt ein paar Mal öfter als üblich. Die Angerufenen müssen erst mal mit sich ringen, bis die Lust an der Gefahr sich durchgesetzt hat. Das „Hallo“, das folgt, hat es in sich: Die Stimme wird tiefer gelegt, als würden sie seit ihrem zwölften Geburtstag zwei Schachteln am Tag rauchen. Tonfall Clanmitglied oder zumindest abgebrühter Polizeihauptmeister. Dieses „Hallo“ sagt: „Nicht mit mir, Freundchen. Ich weiß, was du vorhast. Ich bin bereit.“ Wenn sie dann erfahren, dass nur ich am Telefon bin, bricht alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Keine Möglichkeit, ihre geistige Stärke zu demonstrieren, keine Anekdote für den nächsten Weinabend. „Ach, du bist’s nur.“ Die Enttäuschung trieft durchs Telefon. Ich kann das verstehen: Wenn mein eigenes Handy klingelt und ich die Nummer nicht kenne, ist immer ein Mitarbeiter von O2 dran, der mir zusätzliche Gigabytes zu günstigen Preisen anbieten möchte. Ich nehme mir dann jedes Mal fest vor: Das nächste Mal gehe ich einfach nicht ran. Aber ich weiß schon, wie das enden wird. Die Gier nach dem Nervenkitzel wird siegen – und zack, hänge ich wieder in der Leitung und diskutiere über LTE-Tarife, während mein Tomaten-Problem weiterhin ungelöst bleibt.