FAZ 12.05.2026
13:10 Uhr

Unbefleckte Empfängnis: „Unbefleckt“ bedeutet hier keineswegs „ohne Sex“


Selbst Gläubige verwechseln die unbefleckte Empfängnis mit der Jungfrauengeburt. Der Romanist Gerhard Poppenberg erklärt, was das Dogma wirklich bedeutet und führt durch die lange Geschichte der Marienanbetung.

Unbefleckte Empfängnis: „Unbefleckt“ bedeutet hier keineswegs „ohne Sex“

Zu den theologischen Ideen, die zuverlässig missverstanden werden, gehört die der „unbefleckten Empfängnis“. Besonders populär ist die Verwechslung mit der Vorstellung, Maria habe ihren göttlichen Sohn unter Umgehung der üblichen Fortpflanzungsregeln durch den Heiligen Geist empfangen. Doch „unbefleckt“ bedeutet hier keineswegs „ohne Sex“. Auch geht es nicht darum, was neun Monate vor der Geburt Christi passiert ist, sondern darum, was neun Monate vor der Geburt seiner Mutter geschah. „Unbefleckte Empfängnis“ meint: Maria wurde von ihren Eltern Anna und Joachim ganz und gar konventionell gezeugt, bleibt aber auf wundersame Weise vom Makel der Erbsünde verschont, als einziger Mensch überhaupt. Eine vorausschauende metaphysische Hygienemaßnahme, wenn man so will, eine Art gnadenreiche Embryo-Impfung. Maria musste nicht erst von der Sünde befreit werden, sie kam schon immun gegen jede Sündhaftigkeit zur Welt. Das war die Voraussetzung dafür, dass sie später Gottesgebärerin werden konnte. Am 8. Dezember 1854 wurde die „unbefleckte Empfängnis Mariens“ von Papst Pius IX. als Dogma verkündet und damit für alle Katholiken zum verbindlichen Glaubensinhalt. Weißes Kleid, blauer Mantel, Sternenkranz Dass sich die Auseinandersetzung mit diesem Kernbestand der Mariologie auch für heutige Nichtkatholiken lohnt, steht für Gerhard Poppenberg fest. Unter dem Titel „Maria voll der Gnade“ hat der emeritierte Romanist, der bis 2020 in Heidelberg lehrte, allerhand kulturhistorische, religionsphilosophische, ideen- und kunstgeschichtliche Betrachtungen zu Maria im Allgemeinen und zur Immaculata im Besonderen versammelt, um, so verheißt es der Untertitel, dem „Gehalt eines Denkbilds“ auf die Spur zu kommen. Demnach machten sich schon im Mittelalter die Franziskaner für die These stark, Maria sei ohne Erbsünde empfangen worden. Im siebzehnten Jahrhundert prägten vor allem spanische Maler wie Murillo und Velázquez das Erscheinungsbild der Unbefleckten mit den typischen Insignien (weißes Kleid, blauer Mantel, ein Sternenkranz strahlt ums Haupt der Madonna, sie steht auf einer Erdkugel und einer Mondsichel und zertritt der höllischen Schlange den Kopf). Und kaum hatte der Papst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der Immaculata Dogmenstatus verliehen, wurde dies durch wundersame Ereignisse untermauert: Im Februar 1858 erschien im Pyrenäen-Ort Lourdes der Müllerstochter Bernadette Soubirous eine „schöne Dame“, die sich mit den Worten „Ich bin die unbefleckte Empfängnis“ vorstellte. So fanden Theologie und Volksfrömmigkeit auf dem Höhepunkt der Moderne zueinander, und das symbolische Potential der mit Abstand prominentesten Frauenfigur des Christentums gelangte zur vollen Entfaltung. Poppenberg ist vor allem daran gelegen, die welt- und heilsgeschichtliche Bedeutung der unbefleckten Empfängnis herauszustellen, ihre „kämpferische Weiblichkeit“, ihr auch im Diesseits wirksames „politisch-konfliktives Charisma“. Als Kontrastprogramm zur prominenten katholischen Tradition, die Maria als Inbegriff der keuschen, hingebungsvollen Innerlichkeit zum weiblichen Rollenideal erklärt, klingt dieses Vorhaben durchaus reizvoll und auch für säkulare zeitgenössische Lesarten anschlussfähig. Nur hapert es gehörig bei der Umsetzung. Als die Gottesmutter erschien Poppenbergs Ausführungen schwanken zwischen erratischer Assoziationsfreude und redundant-kontemplativer Thesenhaftigkeit. Behauptungen und Beobachtungen werden nur selten nachvollziehbar gemacht, dafür aber gerne so lange und so holprig neu formuliert, bis sie völlig unverständlich werden. Beispielsweise sinniert Poppenberg einige Absätze lang über die Bedeutung der eigentümlichen, nicht-sexualisierten Schönheit der Immaculata und gelangt schließlich zu dem rätselhaften Befund: „Sie ist Signatur der Auslegung Mariä in der Geschichte als Weg der Menschheit zur Freiheit, die christlich als Erlösung durch die Übernatur der Gnade konzeptualisiert wird.“ Seine ungesteuert im Thesenhimmel umherschwirrenden Gedanken zur politisch-historischen Dimension der Marienverehrung holt Poppenberg im Schlusskapitel endlich doch noch auf die Erde. Genauer gesagt nach Mexico City ins Stadtviertel Guadalupe, wo sich eines der bedeutendsten Marienheiligtümer der Welt befindet. Denn dort, wo heute in Guadalupe die riesige Basilika steht, soll im Jahr 1531 dem getauften Indigenen Juan Diego die Gottesmutter erschienen sein. Bevor sie wieder verschwand, hinterließ Maria ihr Konterfei auf Juan Diegos Umhang. Juan Diego ging mit dem Marienbild auf dem Umhang zum örtlichen Bischof und überzeugte diesen, der Madonna eine Kapelle zu bauen. So will es zumindest die Überlieferung. Sie hilft auch, wenn man nicht an sie glaubt Wenn Poppenberg sich der abenteuerlichen Wirkungsgeschichte des mexikanischen Gnadenbilds widmet, auf dem Maria nach Immaculata-Mode in weiß-blauer Kleidung zu sehen ist, kommen unbestreitbar hochinteressante Aspekte zutage. Besonders an Kontur gewinnt die Herausbildung einer spezifisch mexikanischen Religiosität und Identität unter dem Schutzmantel der Guadalupe-Madonna. Doch ganz hat Poppenberg seinen Stoff auch diesmal nicht unter Kontrolle, an sich simple Gedanken werden bei ihm immer wieder unnötig verkompliziert. Ärgerlich sind zudem die endlosen, dafür mäßig aussagekräftigen Paraphrasen historischer Texte. Bis heute, so Poppenberg im Schlussabsatz, sei die Guadalupe-Madonna in Mexiko allgegenwärtig. „Auch Agnostiker und nüchterne, aufgeklärte Menschen haben irgendwo ein Bild von ihr; sie hilft wohl auch, wenn man nicht an sie glaubt.“ Bei diesem Band hätte sie durchaus ein wenig energischer Beistand leisten können. Gerhard Poppenberg: „Maria voll der Gnade“. Geschichte und Gehalt eines Denkbilds. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2025. 190 S., Abb., br., 20,– €.