FAZ 20.11.2025
11:16 Uhr

Umstrittener Begriff: Eine Frau wird getötet – wann ist die Tat ein Femizid?


Bislang gibt es in Deutschland keine einheitliche Definition des Begriffs „Femizid“. Eine Studie hat nun untersucht, wie viele Tötungsdelikte an Frauen als solche eingestuft werden könnten.

Umstrittener Begriff: Eine Frau wird getötet – wann ist die Tat ein Femizid?

Wie viele Tötungsdelikte an Frauen können in Deutschland als Femizide bezeichnet werden? Dieser Frage geht die Studie „Femizide in Deutschland“ nach, die am Donnerstag veröffentlicht worden ist. Ein Team des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hat sie durchgeführt. Bislang existiert in Deutschland keine einheitliche, von Behörden genutzte Definition des Begriffs „Femizid“. Das führt dazu, dass auch das Bundeskriminalamt in seiner jährlichen Statistik keine Aussagen über Femizide treffen kann. Die Studie „Femizide in Deutschland“ versucht, einen Teil der bestehenden Leerstellen zu schließen. Sie definiert Femizide „als vorsätzliche Tötungsdelikte, die sich gegen eine Frau oder ein Mädchen richten (Frauentötungen) und die unter anderem darauf zurückzuführen sind, dass das Opfer weiblich und daher potentiell sexistischer Diskriminierung ausgesetzt war“. Studie beschreibt zwei Ausprägungen von Femiziden Handelt der Täter aus einem sexistischen Motiv heraus, definieren die Studienautoren die Tötung einer Frau als „engen motivbezogenen Femizidbegriff“. Mit einem „weiten soziostrukturellen Femizidbegriff“, unter den auch die Tötung aus einem sexistischen Motiv heraus fällt, wollen sie außerdem berücksichtigen, dass „Frauen aufgrund ihrer Stellung in der (deutschen) Gesellschaft für bestimmte Arten von Tötungsdelikten besonders vulnerabel sind“. Die Forscher analysierten 334 Strafverfahren zu versuchten oder vollendeten Tötungen von Frauen. Diese stammen aus fünf Bundesländern: Baden-Württemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Um sicherzugehen, dass die Strafverfahren abgeschlossen waren, wählte das Forschungsteam das Jahr 2017 als Untersuchungszeitraum aus. Da es in 42 Fällen nicht möglich war, die Aktenzeichen der Staatsanwaltschaften ausfindig zu machen, oder die Akten nicht mehr auffindbar waren, wurden letztlich 292 Fälle in den Blick genommen. Bei einem Teil der Fälle stellte sich heraus, dass es sich nicht um ein weibliches Opfer oder nicht um ein Tötungsdelikt handelte. Letztlich ausgewertet wurden somit die Akten von 197 versuchten und vollendeten Tötungsdelikten. Die häufigste Form des Femizids: Die Tötung der eigenen Partnerin Von diesen Delikten wurden 133 (67,5 Prozent) als Femizide im weiteren soziostrukturellen Sinne eingestuft. Bei 74 Fällen stellten die Forscher ein sexistisches Motiv des Täters fest. 108 der 133 versuchten und vollendeten Femizide ereigneten sich in oder nach einer heterosexuellen Partnerschaft. „Partnerinnenfemizide sind somit die häufigste Form von Femiziden und auch von Frauentötungen in Deutschland“, so die Forscher. 78 Fälle standen in Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder befürchteten Trennung oder einer vermuteten Untreue des Opfers. Die Forscher zählten außerdem zwölf Femizide, die sich innerhalb einer Familie ereigneten und außerhalb einer Paarbeziehung. Dabei zielte der Täter auf seine Mutter, Großmutter oder Tochter. Darüber hinaus fanden zwei Tötungen innerhalb loser sexueller Beziehungen statt. Zudem nennen die Forscher sieben Tötungen aus einem sexuellen Motiv, bei denen der Täter das Opfer während der Tat sexuell erniedrigte, sowie drei misogyn-psychotische Femizide, die in engem Zusammenhang mit einer Wahnerkrankung des Täters standen. „Sexistische Einstellungen in der Bevölkerung“ Was folgt aus den Erkenntnissen? Die Forscher geben mehrere Empfehlungen, unter anderem eine „verstärkte Sensibilisierung der Polizeibehörden“. Wenn sie über die Dynamik von Femiziden besser Bescheid wüssten, könnten sie Risikosituationen frühzeitiger erkennen. In anderen Ländern sei es außerdem gängige Praxis, sämtliche der Polizei bekannt gewordenen Tötungsdelikte anhand der jeweiligen Strafverfahrensakten zu analysieren. Ein solches Vorgehen sei auch in Deutschland sinnvoll, wo die Polizeiliche Kriminalstatistik kein Tatmotiv erfasst. Aber nicht nur bei den Behörden, auch gesamtgesellschaftlich muss sich nach Ansicht der Forscher etwas tun. Es herrschten, so die Wissenschaftler, „teils weiterhin gewaltbegünstigende Sozialisationsmuster von Männern, sexistische Einstellungen in der Bevölkerung sowie strukturelle Formen des Sexismus“.